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22. Dezember

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jetzt-redaktion

Weihnachtliche Zeitmaschine oder Der Wunschzettel des F. Scott Fitzgerald 

 Ich frage mich manchmal, welches Bild Berühmtheiten aus der Vergangenheit von der (Pop)-Kultur unserer Zeit hätten, würden sie plötzlich auferstehen und ins Jahr 2012 stolpern. Also, abgesehen vom Staunen über die dramatisch gestiegene Anzahl der Autos, die Deutsche-Bank-Türme und vom Web 2.0 wollen wir gar nicht erst anfangen. Aber welche materiellen Dinge oder kulturellen Phänomene würden sie zu tatsächlich wichtigen Errungenschaften der Menschheit erklären, und welche hielten sie für gänzlich unnütz?  
Vernachlässigt man die Tatsache, dass immer schon jeder so seinen eigenen Geschmack hatte und dass keiner von uns diese Großen der Geschichte persönlich gekannt haben, ist das doch ein ganz witziges Gedankenspiel. Oder auf der Philosophieschiene fahrend: eine Reflektion über den Wert prägender Dinge unserer Zeit - wobei dieser Text dem Anspruch nicht ernsthaft gerecht werden wird. Wann jedenfalls könnte man sich besser mit dieser Frage beschäftigen als in der Adventszeit, wenn die Vorzüge der Post-Post-Moderne uns aus jedem Schaufenster in Form von überdimensionaler Parfümwerbung, den neuesten Lego-Raumschiffen und Apple-Produkten entgegen springen?  

Was würde zum Beispiel Gutenberg über E-Books denken? Würde Goethe etwas mit Blogs anfangen können? Oder mit Poetry Slam? Und wie schnell würden Monet und Matisse lernen, auf einem iPad zu zeichnen? Vieles würde sie erschrecken, bestimmt auch abstoßen, aber manches fänden die Promis aus früheren Epochen sicher großartig. Dinge – vor allem materielle – die es damals eben nicht gab, die das Leben heute so vermeintlich angenehm machen.  

Nehmen wir meine zumindest kulturelle Lieblingszeit, die wilden 1920er Jahre, als in den europäischen Bars und Varietés noch in vollendeter Dekadenz gefeiert wurde. Dieses Jahrzehnt war vor kurzem erst Thema in Woody Allens Midnight in Paris, in dem ein junger Drehbuchautor versehentlich durch die Zeit fällt und sich um Mitternacht inmitten der Pariser Bohème der Zwanziger wiederfindet. Lauter schillernde Persönlichkeiten lernt er dort kennen: Ernest Hemingway, Gertrude Stein, Pablo Picasso. Und F. Scott Fitzgerald, uns vor allem bekannt durch den Film „Benjamin Button“, der auf einer seiner Kurzgeschichten basiert. Und seit 52 Jahren tot. 
 Was stünde wohl nach einem Einkaufsbummel durch die Fußgängerzone einer deutschen Großstadt (oder nach ausgiebigem, vorher erklärtem Online-Shopping) auf dem Weihnachtswunschzettel 2012 von Mr. Fitzgerald? Ein lustiges Phänomen: Durch den Retro-Hype, mit dem heute wohl manche Hipster-Wohnungen eingerichtet wird, würde er alles mögliche altbekannte kaufen und tragen können und läge trotzdem stilsicher im Trend: Grammophone, Schallplatten, Dandyklamotten, Schnurrbärte, Vintagemöbel (damals nicht ganz so vintage). Aber das wäre ja langweilig. Was also, von den Dingen, die es in den Roaring Twenties nicht zu erwerben gab, würde seine Aufmerksamkeit erregen?  

Weihnachtswunschzettel 2012 von Mr. F. Scott Fitzgerald:  
1) Smartphone: Als Künstler und besonders als Schriftsteller ist ein gutes Netzwerk alles. Um einen Überblick darüber zu  behalten und der Dauerkommunikation Tür und Tor zu öffnen, auch in der Bahn, ist das ideal.    
2) E-Book-Reader: Hier bin ich mir nicht so sicher. Wäre jemand, der aus den Zwanzigern in unsere Zeit kommt, über papierlose Bücher begeistert oder schockiert? Zumindest müsste ein Schriftsteller wie Mr. Fitzgerald seine sicher große Anzahl an Inspirationsliteratur nicht in Form eines riesigen Bücherstapels mit sich herumschleppen. 
 3) iPod: Damit könnte er sich die Songs seiner Zeitgenossen wie Josephine Baker nicht nur daheim, sondern auch unterwegs anhören.  
4) Digitale Spiegelreflexkamera: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Möglichkeit, sich Bilder sofort anzuschauen und gegebenenfalls zu löschen, auf jemanden aus der Vergangenheit eine gewisse Faszination ausüben würde. In den 20ern wurden in Japan gerade die allerersten kommerziellen Kameraherstellerfirmen gegründet.  
5) Ikea-Gutschein: Sich mit dem Schreiben Geld zu verdienen ist heute nicht unbedingt leichter als früher, und da ist es gut, wenn man sich für wenig davon einrichten kann, ohne dass es grausig aussieht. 
6) Eigene Domain: Würde Fitzgerald bloggen? Man weiß es nicht. Wenn ja, wäre der eine eigene URL ein sinnvoller Weihnachtswunsch.  
7) Blu-ray-Player: Vielleicht war Fitzgerald ja Fan der avantgardistischen Filme seiner Zeitgenossen wie Luis Bunuel. Die könnte er sich in HD anschauen. Und dazu: Eine Vorbestellung der Blu-ray von „The Great Gatsby“ (2013), der Verfilmung seines bekanntesten Werkes mit Leo DiCaprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan (Achtung, versteckter Filmtipp).  

Vielleicht fände er das aber auch alles ganz schrecklich und sein einziger Weihnachtswunsch wäre eine Reise zurück in seine Zeit.

Dieser Text stammt von buecherdiebin.

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