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Ich will Berufe verklären dürfen!

Tierpflegerin ist ganz sicher der tollste Job der Welt. Basta.
Von Nadja Schlüter
  • cover traumberuf
    Illustration: Lucia Götz

Eine Zeit lang hatte ich eine Jogging-Strecke, die durch einen Zoo für Kinder und an einem Gehege mit Alpakas vorbeiführte. Ich jogge eigentlich gar nicht gerne, darum waren die Alpakas jedes Mal mein Lichtblick. Am Zaun hingen drei Namensschilder: Orion, Ziggy und Cirrus. Ziggy war mein liebstes Alpaka, er hatte dunkelbraunes Fell und ein sehr freundliches Gesicht.

Wenn ich richtig schlechte Laune hatte, so eine, die über die bloße Ich-jogge-eigentlich-gar-nicht-gern-schlechte-Laune hinausging, eine, die mich ganz umfassend an meinem gesamten Lebenskonzept und an meiner Berufswahl zweifeln ließ, sah ich die Alpakas immer ein bisschen länger an. Manchmal war jemand da, der den Stall der Alpakas ausmistete oder ihnen etwas zu Fressen gab. Und dann dachte ich: „Das würde ich auch gerne machen.“

 

Tierpfleger ist ein Job, den ich mir toll vorstelle. Es ist mein – so möchte ich das mal nennen – „Utopie-Beruf“. Wenn ich meinen eigenen Job gerade nicht mag oder wieder mal denke, dass ich eigentlich völlig ungeeignet dafür bin, wenn mich die Rahmenbedingungen nerven oder die geforderten Fähigkeiten oder die Tatsache, sehr oft sehr lange auf einen Bildschirm starren und dabei irgendwie „kreativ“ sein zu müssen, stelle ich mir vor, einfach hinzuschmeißen und Tierpflegerin zu werden. Bei den Alpakas im Kinder-Zoo.

Ich schließe die Augen und sehe mich, wie ich Ziggys Stall ausmiste, ihm Futter in die Krippe schütte, wie ich ihn schere und er danach wahnsinnig witzig aussieht. Ich sehe mich, wie ich immer an der frischen Luft bin, im tiefsten Winter Hosen aus grobem Stoff und drunter eine Thermo-Leggins und an den Füßen schwere Lederschuhe trage, wie ich eine süße rote Nasenspitze habe. Wie ich im Sommer ein Tuch um meinen Kopf binde, das meine Haare zurückhält und meinen Arbeitsschweiß auffängt, und ein T-Shirt trage, das meine vom Stall ausmisten definierten Oberarme betont. Ich kann sogar riechen, wie meine Kammer daheim riecht, weil ich darin meine Stallschuhe abstelle und meine Stalljacke aufhänge: nach Wiese, nach Alpaka-Wolle, die von der Sonne angewärmt wurde, nach Heu. Danach geht es mir besser.

 

Meine Mitmenschen relativieren meinen Utopie-Job oder reden ihn schlecht

 

Das Problem ist, dass ich diese Wunschvorstellung mit niemandem teilen kann. Ich habe das probiert, da wird dann immer vehement protestiert. Und selbst, wenn ich meinen Utopie-Beruf darum für mich behalte, höre ich in meinem Kopf immer noch meine Mitmenschen, wie sie mir widersprechen. Wie sie den Utopie-Beruf relativieren, schlecht reden, mich als naiv hinstellen. „Das ist ein Knochenjob“, sagen die Stimmen in meinem Kopf. „Davon kriegst du tierische (höhö) Rückenschmerzen und im Winter frieren dir die Zehen ab und außerdem stinken Alpakas ganz fürchterlich und fies sind sie auch, die spucken, und hast du mal deren Zähne gesehen???“ Anschließend höre ich sogar noch schlecht bezahlte und schlecht gelaunte Tierpfleger, wie sie „Verwöhnte Göre, jammert auf hohem Niveau und hat keine Ahnung von unserem Job“ sagen. Danach geht es mir wieder schlechter.

 

Das muss aufhören. Denn ich will Utopie-Berufe haben dürfen und ich will, dass mir da niemand reinredet – in echt nicht und in meinem Kopf auch nicht. Mehr noch: Ich finde, jeder sollte einen Utopie-Beruf haben oder auch zwei oder drei! Und jeder soll sich den so traumhaft vorstellen und so sehr verklären dürfen, wie er will, ohne das Miesepeters und Miesepetras ihm da reinquatschen. Niemand soll hören müssen: „Als Fotograf musst du dauernd langweilige Aufträge annehmen, um über die Runde zu kommen!“ Oder: „Als Pilotin siehst du deine Familie nie!“ Oder: „Als Tierpflegerin kriegst du Rückenschmerzen!“ Denn wer einen Utopie-Beruf hat, der weiß das alles natürlich. Dass der Job in echt viel weniger rosig ist. Dass er damit wahrscheinlich genauso oft schlechte Laune und Zweifel hätte. Ich habe meinen Utopie-Beruf ja auch nicht, um ihn wirklich zu ergreifen. 

 

Aber diese kurze Vorstellung davon, wie schön und wie einfach ein Leben sein könnte, in dem ich mein Geld damit verdiene, Ziggy, das Alpaka, zu pflegen, eine Vorstellung, bei der ich ausspare, dass das auch nicht leichter oder weniger nervig, sondern einfach nur anders schwer und anders nervig wäre als mein eigentlicher Job, ist wie eine kleine alltägliche Exit-Strategie. Sie hilft mir dabei, meinen Alltag wieder okay zu finden. Weil sie mir das Gefühl gibt, raus zu können. Selbst wählen zu können, was ich machen will. Und macht mir am Ende außerdem wieder bewusst, dass ich meinen jetzigen Job ja auch selbst gewählt habe – was ein unfassbarer Luxus ist. Es ist ja auch ein sehr schöner Job. Aber der schönste Job der Welt – ich glaube, das ist Tierpflegerin, weil … ihr wisst schon.

Noch mehr Spaß beim Arbeiten:

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