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Das Konzept Vier-Tage-Woche

Wieso sie unserer Vorstellung von mehr Zeit und weniger Arbeit leider nicht wirklich gerecht wird.
Von Eva Hoffmann
  • zeit
    Illustration: Lucia Götz

Am Dienstag schon ein Gefühl von Halbzeit. Am Donnerstagabend ins Wochenende starten. Freitags mal Pakete per­sönlich entgegennehmen, in leeren Cafés abhängen und abends noch weggehen ­können. Für diejenigen mit Familie: einen Tag fürs Kind haben. Oder einfach gar nichts tun. Was wir halt mit einem freien Wochentag anfangen würden, wenn wir nur noch an vier statt an fünf Tage arbeiten müssten. 

Vor allem in der Kreativ- und Dienstleistungsbranche, aber auch in der übrigen Wirtschaft, werben immer mehr Unternehmen mit der Vier-Tage-Woche. Klingt auch erst mal großartig. Stichwort Work-Life-Balance, die am Ende doch kaum jemand mit einem Vollzeitjob hinbekommt. Einen Befreiungsschlag versprechen die Unternehmen auf der Online-Plattform feelgood-at-work.de, wo man sich gezielt auf solche Arbeitsplätze bewerben kann. Im Kleingedruckten hat das neue Angebot von Arbeitgebern wie Apple oder der Comdirect-Bank jedoch einen Haken.

 

Gemeint ist nämlich selten ein Teilzeitjob, bei dem man dann auch weniger verdient, sondern vier Tage, in die die Arbeit einer ganzen Woche gequetscht wird. Klar hat man dann das Gleiche auf dem Konto, muss aber täglich zehn statt acht Stunden im Büro bleiben. Und damit ist das hippe Modell alles andere als „Balance“-tauglich. Bei wem sich nach der Mittagspause schon das erste Tief einstellt, wird kaum bis 22 Uhr durchhalten. Für Menschen, die sich keine zehn Stunden am Stück kon­zentrieren wollen oder können, kommt das Modell nicht infrage. Die Überbelastung macht auch der zusätzliche freie Tag nicht wett. Den braucht man dann erst recht zur Erholung.

Außerdem wird in diesem Modell der Konkurrenzdruck in die Freizeit verlagert. In Erfahrungsberichten schreiben viele, sie würden den zusätzlichen Tag nicht wirklich zur Entspannung, sondern für eigene Projekte oder Fortbildungen nutzen. Und kehren nach dem langen Wochenende ausgebildeter und noch breiter aufgestellt an ihren Arbeitsplatz zurück. Die Unternehmen müssen Weiterbildung nicht finanzieren, wenn individuelle Fähigkeiten im Privaten ausgebaut werden. Win-win, könnte man sagen. Wenn man dabei nicht das Gefühl hätte, dass das Versprechen von mehr Freizeit da nicht aufgeht, weil es nicht um echte Freizeit geht, in der man ­Serien schaut oder Freunde trifft. Zeit eben, die sich nicht verwerten oder irgendwie beruflich produktiv machen lässt. Und die wir uns nicht von einem neuen Work-Life-Slogan verschleiern lassen sollten.

 

Solange die voll bezahlte Vier-Tage-Woche ein Modell für belastbare Workaholics bleibt, die ein Pensum für fünf in vier Tage pressen wollen und können, befördert sie einen Arbeitsfetisch, den wir eigentlich zurückschrauben wollen. Wenn schon Vier-Tage-Woche, dann richtig: Dann hätten wir eine Arbeitswelt, in der wir alle weniger arbeiten, egal in welcher Branche, in der aber auch niemand mehr verdient als es in 30 bis 35 Stunden möglich ist. Das würde auf lange Sicht den Konkurrenzdruck und die Belastung der Einzelnen verringern und gleichzeitig mehr Jobs für alle schaffen.

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