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Können nicht mal richtig Deutsch, diese Deutschen: Kanak-TV dreht Vorurteile um

„Wo kommt ihr her? Wann geht ihr wieder zurück? Warum schottet ihr euch hier so ab?“ Fragen, wie sie normalerweise nur Ausländern und Migranten gestellt werden.
christoph-gurk

„Wo kommt ihr her? Wann geht ihr wieder zurück? Warum schottet ihr euch hier so ab?“ Fragen, wie sie normalerweise nur Ausländern und Migranten gestellt werden. Miltiadis Oulios und seine Kollegen wollen auf diesen rassistischen Blick in den deutschen Medien aufmerksam machen. Mit ihrem Projekt Kanak TV versuchen sie die „überfälligen Gegenbilder zu den ewig gleich bleibenden Bildern von Migranten“ produzieren. Deshalb geben sie die Fragen wieder an die Deutschen zurück: Warum gibt es im Kölner Stadtteil Lindenthal so wenige Ausländer? Sind die Einwohner integrationsfeindlich? Ist Lindenthal ein „Weißes Ghetto“? Die tragisch-komische Antworten gibt es auf ihrer Homepage zu sehen.

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Spiegel der Vorurteile: Kanak TV Foto: Kanak-TV In einem eurer Filme setzt ein Polizist die geringe Ausländerdichte von Köln Lindenthal mit weniger Kriminalität und mehr Sicherheit gleich. Darf man über so etwas eigentlich lachen? Lachen ist schon OK. Darauf haben wir es ja auch angelegt. Wir lachen ja gerne über etwas und machen uns darüber lustig. Lieber drüber lachen, als es zu ernst zu nehmen? Nein, das auch nicht. Aber Rassismus macht Menschen zu Opfern und möchte sie in dieser Rolle halten. Leute, die es vermeintlich gut meinen und gegen Rassismus sind, sehen Migranten weiterhin in der Opferrolle. Das ist aus unserer Sichtweise kontraproduktiv. Für uns hat es etwas befreiendes, wenn wir uns über Rassismus lustig machen und ihn mit Humor bekämpfen. Rassisten wollen, dass man den ganzen Tag rumheult, weil es so schlimm ist. Wenn man das dann umdreht, ist es für viele verstörend. Seit wann bist du bei Kanak TV? Wir haben uns hier in Köln ungefähr 2001 gegründet, als eines der vielen Projekte im Rahmen von Kanak Attack, einem antirassistischen bundesweiten Netzwerk.

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Dein Freund und Helfer, hier im Gespräch mit Kanak-TV Foto: Kanak-TV Warum habt ihr mit Kanak TV angefangen? Ausgangspunkt war die Form der Berichterstattung über Migranten. Mit unserem ersten Film wollten wir die Machtpositionen umdrehen und für uns besetzen, um diese Form der Berichterstattung widerzuspiegeln. Wer macht Kanak TV? Kanak TV war eine Kölner Idee, mittlerweile machen aber auch Leute aus Hamburg und Berlin mit. Der Kern sind etwa 5 bis 6 Leute, aber das ändert sich ständig und geht auch über die Grenzen von Kanak Attack hinaus. Ihr ruft auf eurer Homepage zur Kanak Media Attack auf. Was meint ihr denn damit? Unsere Idee ist offen für alle und wird fordern zum Nachahmen auf. Wer möchte kann etwas filmen und gerne mit uns Kontakt treten. Wir prüfen dann, ob das Kanak TV ist oder nicht. Wie waren denn bis jetzt die Reaktionen auf Kanak TV? Sehr unterschiedlich. Es gibt Leute, die uns zustimmen und begeistert sind, es gibt aber auch welche, die sich angegriffen fühlen, brüskiert sind und uns den Raum, den wir uns nehmen, streitig machen wollen. Diese negativen Positionen entstehen meistens daraus, dass die Leute die Definitionsgewalt nicht aus der Hand geben wollen. Ist das deutsche Fernsehen denn rassistisch? Ja natürlich, das ist überhaupt keine Frage. Wenn ich jetzt „Nein“ antworten würde, hieße das, dass es überhaupt keinen Rassimsus im deutschen Fernsehen gibt. Das wäre totaler Quatsch. Erschwert die mediale Berichterstattung in Deutschland die Integration beziehungsweise den Umgang mit Migranten? Die Fragestellung ist etwas schwierig, da wir mit dem Begriff Integration ein Problem haben – denn damit werden Leute zu Fremden gemacht. Es wird ein „Wir“ und „Sie“ aufgebaut, welche danach angeblich wieder aufgehoben werden sollen. Es ist nicht die Aufgabe des Fernsehens, den Umgang mit etwas zu erleichtern, was in der Gesellschaft passiert. Auf der anderen Seite berichtet das Fernsehen aber auch nicht vom Mond aus, sondern es ist ein Teil der Gesellschaft. Es gibt immer einen Umgang mit Migranten, bleibt also zu klären, was mit „schwierig“ gemeint ist… Anders formuliert: Meinst du, dass die Medien ein falsches Bild von Migranten vermitteln? Das ist jetzt zu einfach gefragt, denn da muss man differenzieren. Man kann nicht sagen, dass jemand etwas „falsch“ darstellt. Was Medien darstellen ist immer richtig - und irgendwie auch falsch. Wir kritisieren mit unseren Filmen, dass Migranten immer als Objekte und nicht als Subjekte dargestellt werden. Damit schreiben Medien das Herrschaftsverhältnis fort, das sich Rassismus nennt. Man legt fest, was das Problem ist, nämlich dass „diese Fremden da“ unter sich leben. Dies wird von der deutschen Mehrheitsgesellschaft gemacht. Andere Phänomene könnten aber genauso nach dieser Logik als Problem dargestellt werden, zum Beispiel die Abschottung der weißen Mittel- und Oberschicht - vom Bildungssystem angefangen bis zu den Wohnverhältnissen. Aber das wird nie thematisiert. Werden also Stereotypen dargestellt? Vielleicht. Ich weiß genau, wann ich im Fernsehen das letzte Mal etwas über einen kriminellen Ausländer gesehen. Aber ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal von einem Einwanderer berichtet wurde, der für seine Rechte kämpft. Es geht darum, wieso das eine dargestellt wird und das andere nicht. Wie seht ihr denn das Bild, dass Migranten selber von sich im Fernsehen zeichnen? Schwer zu sagen, denn da gibt es eine große Spannbreite. Ich finde es gut, wenn Migranten einfach „normal“ dargestellt werden und das kein großes Thema ist. Schlimm finde ich dagegen, wenn Migranten sich über-anpassen an den konservativen Konsens. Es gab zum Beispiel mal eine Multikulti-Sendung zum Thema Integration, die von Migranten moderiert wurde. Dieser Sendung wurde jemand von den Republikanern zugeschaltet, um ihm die Möglichkeit zu geben, seine Meinung zu äußern. Das ist einfach übertrieben unparteiisch. Viele deutsche Journalisten würden das wahrscheinlich nicht machen, weil man mit bestimmten Leuten einfach nicht reden muss.

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"Entschuldigung, warum gibt es hier so wenig Ausländer?" Kanak-TV bei der Arbeit Foto: Kanak-TV Dich stört also die fehlende Normalität in diesem Zusammenhang… Ja genau. Auf der einen Seite ist es nur interessant, wenn es negativ ist, auf der anderen Seite kann man es auch übertreiben, wenn man Leute nur als gut darstellt – das ist auch eine Ungleichbehandlung. Was hältst du von TV Serien wie „Türkisch für Anfänger“? Ich hab die nur einmal gesehen. War ganz witzig, fand es aber nicht so spannend, dass ich dran geblieben wäre. Rapper wie Sido, Bushido und KIZ spielen ja ganz bewußt mit ihrem Migartionshintergrund und ihrem Ghetto Image… KIZ ist etwas anderes als Sido oder Aggro Berlin, nicht so platt und mit Humor. Mein Kanak Attak Kollege und Hip Hop Experte Murat Güngör hat das schon öfter gesagt: Diese Leute sind sowohl Opfer als auch Täter. Sie verbreiten einerseits diese Klischees, tun dies aber, weil sie müssen. Das ist eine Strategie, um Kohle aus der Musik zu ziehen. Sie hat aber auch etwas antirassistisches: Der deutsche Bildungsbürger will keine Kanaken sehen, die vor ihren BMWs sitzen. Und nun ist das auch noch Popkultur. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch so, dass das System Leute produziert, die nur noch auf ihren BMW und auf ihre Muskeln stolz seien können – denn die anderen Plätze sind schon belegt. Meint ihr, ihr leistet einen Beitrag zur Integration? Nein, das wollen wir auch gar nicht. Wir sind integriert, jeder in dieser Gesellschaft ist integriert und unserer Meinung nach kann man nicht „nicht integriert“ sein. Die Frage ist nur, auf welcher Stufe man integriert ist und in welche Netzwerke. Es wird ganz oft das Bild eines normenverletzenden Ausländers gezeichnet. Die Mehrheit taxiert dann, ob er sich noch integrieren muss oder nicht. Wir könnten uns genauso auf die Position stellen, dass wir in einer globalisierten Gesellschaft leben, die von Einwanderung durchzogen ist und das auch immer schon war. So etwas muss man natürlich demokratisch organisieren. Wenn Politiker dann aber von Einwandererkindern verlangen, dass sie ihren Lebensunterhalt nachweisen, um wählen zu können, dann ist das für uns auch eine Form von Nichtintegration.

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