Partner von

Indie-Titanic oder Shuffleboard-Paradies?

Die Veranstalter des Coachella-Festivals haben für Dezember eine Kreuzfahrt mit Bands wie Pulp, The Rapture und Hot Chip angekündigt. Indie-Rock und Riesendampfer, passt das zusammen? Ein Fall für Zwei.
quentin-lichtblau
  • 918038



Allerdings, findet [link=/jetztpage/lars-weisbrod/" target="_blank">lars-weisbrod:

Shuffleboard statt Flunkyball

Ich habe in meinem ganzen Leben nie auf einem Rock- und Popfestival gezeltet und Wasserfahrzeuge aller Art gemieden, wenn man schwanenförmige Tretboote einmal ausnimmt. Vermutlich kann man nur so zu der von jeder traurigen Realität unbefleckten Erkenntnis kommen: Wie großartig muss doch ein Festival auf einem Kreuzfahrtschiff sein! Kreuzfahrten gelten spätestens seit David Foster Wallaces Reisereportage „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich“ als gesellschaftliches Unding, das jedem halbwegs gesunden Menschen den Verstand raubt. Dabei zeichnet der großartige Wallace ja ein viel differenzierteres Bild: Kreuzfahrten sind ein intensives Erlebnis, das dem Passagier die ganze Krux mit der modernen westlichen Zivilisation und ihrer Freizeitgestaltung monsterwellenmäßig ins Gesicht spült. Wie könnte man dieses Erlebnis besser krönen, als Jarvis Cocker auf die [link=http://ss.coachella.com/" target="_blank">Schiffsbühne zu stellen und ihn darüber singen zu lassen, dass jeder Touristen hasst?

Man muss ja nicht einmal dieses grausame, tiefe Wasserbecken namens Meer mögen, um sich auf einem Schiff wohlzufühlen, denn Schiffe gehören nicht irgendwie als Zubehör zum großen Ozean dazu: Sie sind dessen Gegenteil. Wo ein Schiff schwimmt, genau da ist ja gerade eben kein Meer, sondern fester, Piña Colada bekleckerter Untergrund. Genau wie auf einem Festival auf grüner Wiese: Wo die Zelte stehen, da ist das Gegenteil von Natur. Man hat die Natur um sich herum, man macht sie aber keinesfalls mit – das ist der schöne Trick, den Kreuzfahrten und Festivals gemeinsam haben. Überhaupt ergeben sich liebenswürdige Ideen, wenn man Kreuzfahrtklischees mit Festivalklischees kombiniert: Statt orangener Jägermeisterhüte trägt man die viel cooleren orangenen Schwimmwesten, statt Flunkyball wird das wesentlich schickere Shuffleboard gespielt und beim Kapitänsdinner gibt es keine brennende Torte, sondern Frischeiwaffeln mit Eierlikörsprühsahne und Wunderkerzen drauf.

„Dämliche Festivalklischees“, rufen jetzt die Kids aus dem Poptheoretiker-Ausguck herunter, „es geht doch bei Festivals um Musik und ihre Aufführbarkeit!“ Stimmt natürlich. Aber wo sollte Musik schöner aufgeführt werden als auf ein Schiff? Festivals haben ja tatsächlich einmal das Konzept der Freiluftmusik entstaubt, die früher nur in Strandmuscheln auf Kurpromenaden stattgefunden hat. Konsequenterweise ist der Popbetrieb mittlerweile auch in andere völlig obsolete und nur noch durch Kitsch und Nostalgie zusammengehaltene Orte eingerückt: Zirkuszelte, Speisewagen, Philharmoniesäle. Jetzt wird eben auch die Bühne der Kreuzfahrtschiffe von Musical-Gastspielen und der B-Besetzung der Blue Man Group zurückerobert.

Alles, was einmal Frei- und Auszeit versprach, dann aber zu bloßer Routine erstarrte, kann gerettet werden, wenn zeitgenössische Popmusik sich ihm annimmt, mit ihrem Kunstgriff, irgendwie ironisch gemeinte Routine und Ekstase miteinander zu verknüpfen. Und wenn das Schiffsfestival dann absäuft (wegen Loch im Boot, nicht wegen Regen), kann Mr. Cocker in Anspielung an die legendärste Musikaufführung der Seefahrtgeschichte zu seiner Band mit jener ironischen Routine

Text: quentin-lichtblau - und lars-weinbrod ; Screenshots: Ss.coachella.com

  • 918040
Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren