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Record Store Day: Braucht man Plattenläden? Ein Fall für Zwei

Am Wochenende ist Record Store Day, ein Tag, an dem man den kleinen unabhängigen Plattenladen ehren soll. Muss man das? Ein Fall für Zwei
daniel-schieferdecker

Contra: Die Zeit des Plattenladens ist vorbei Ich kann nicht gewinnen. Das, was ich jetzt vorhabe, ist etwa so Erfolg versprechend wie der Versuch, in einen Plattenladen zu rennen, laut „Ihr seid alle arrogante Nerds“, zu brüllen und anschließend Applaus zu bekommen. Geht nicht. Ich tu es trotzdem, weil sich unter „Musikliebhabern“ (vermutlich guter Inhalt, aber schlimmes Wort) ein derart reaktionärer Kulturpessimismus breit gemacht hat, dass es an der Zeit ist, das Unglaubliche zu wagen: nämlich laut und deutlich zu sagen, dass der kleine sympathische Plattenladen an der Ecke der größte Selbstbetrug des Indie-Großstädters ist. Denn 1. gibt es überhaupt keine sympathischen Plattenläden, 2. geht niemand dort hin, um „Schätze zu heben“, sondern 3. lediglich aus dem einfachen Grund, sich seiner eigenen Überlegenheit zu versichern. Was Menschen, die Plattenläden besuchen dort in Massen heraustragen, ist kein Vinyl, sondern Distinktion, also die Unterscheidung von den Doofen. Denn die Doofen, kommen in den Plattenladen ja nur, um was zu fragen. Wie peinlich! So weit die Geschichte. Jetzt kommt die Zukunft und die heißt MP3-Blog. Jeder kann sich heute das coole Wissen aneignen, nicht mehr nur die dicklichen Gästelisten-Dauerparker, die sich ihre Tage an der Theke des Plattenladens mit Fachsimpeleien vertreiben. Deshalb wird der Plattenladen sterben. Egal, ob das traurig ist (vermutlich schon) oder nicht: Niemand braucht mehr einen Ort, an dem man durch Rumstehen seine eigene Wichtigkeit beweisen kann, das macht man heute im Netz. Das Merkwürdige daran: Die Totengräber des Plattenladens sind nicht die Durchschnittshörer wie ich, sondern die selbsternannten Coolen von der Theke. Weil sie nämlich nicht darauf warten können, die selten Japan-Fassung eines B-Seitensongs zu bekommen, sind sie die ersten, die ihn aus dem Netz laden – und keinesfalls warten, bis er auf Vinyl gepresst wurde. Wer das nämlich tut, ist hinten dran und damit nicht mehr cool. Und das, ich weiß es aus eigener Plattenladen-Erfahrung, wollen diese Menschen keinesfalls sein. stefan-winter Auf der nächsten Seite: Ein Lob auf den Plattenladen


Pro: Der Plattenladen hat eine Zukunft Die Zeiten ändern sich. Das kann man gut finden, das kann man schlecht finden – nur leugnen kann man es nicht. Auch der „Record Store“, einst Inbegriff urbaner Lebenskultur und Rückzugsort für Musikliebhaber aller Art, ist einem solchen Wandel unterzogen. Leider. Denn die vielen Vorteile des praktischen mp3-Formats gegenüber der sperrigen Vinyl-Scheibe liegen auf der Hand: Der Aufbewahrungsraum minimiert sich auf ein paar wenige Quadratzentimeter Festplatte, man muss dank iTunes & Co. wegen drei guter Songs keine kompletten Alben bezahlen und die Handhabung ist auch viel leichter. Selbst ein Großteil der DJs schleppt nicht mehr tonnenweise Vinyl in die Clubs, sondern bastelt das allabendliche Set mittlerweile digital zusammen. Aber welche Berechtigungsgrundlage haben Platten und Plattenläden denn dann überhaupt noch? Nun, letztlich geht es um Musik, also um Kunst. Und diese ist, trotz des ihr inhärenten wirtschaftlichen Aspekts (wenn auch dem eines schwächelnden Industriezweigs), nun mal keine rationale Angelegenheit. Natürlich ist der unabhängige kleine Plattenladen durch die immense Konkurrenz von großen Elektromarktketten, legalen Download-Portalen und Internet-Piraterie in seiner ursprünglichen Form kaum mehr profitabel. Aber die Platte als originäres Musikmedium ist ein wichtiger Kultur- und Emotionsträger, auf deren Grundlage ganze Musikgenres basieren. Vinyl ist nicht nur ein Mittler akustischer Informationen, sondern auch ungebrochenes Symbol für die Liebe zur Musik. Und das wiederum macht den Plattenladen zum heiligen Bekenntnisort bedingungsloser Hingabe und Leidenschaft. Zudem ist der Besuch eines Plattenladens nach wie vor ein Abenteuer. Er impliziert immer auch die Möglichkeit, ungeahnte musikalische Schätze zu heben – nicht umsonst spricht man bei Vinyl von schwarzem Gold. Und diesen Kick, beim Stöbern in ranzigen Plattenkästen plötzlich die lang gesuchte Erstpressung des Debütalbums der Band seines Herzens zu finden, den kann selbst ebay nicht ersetzen. Der Record Store als Musikbezugsquelle für den Durchschnittshörer hat gewiss ausgedient. Auch die Anzahl an Plattenläden wird sicherlich weiter schrumpfen. Doch der Plattenladen als solcher wird (verknüpft mit einer rentablen Ausweitung des Sortiments) weiterhin Bestand haben und, vergleichbar mit einem Antiquariat, immer ein Platz für Schatzsucher, Abenteurer, Sammler, Romantiker, Traditionalisten, Liebhaber und Genießer bleiben. Hoffentlich.

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