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Was soll die "Bag Lady" in der "Vogue"?

Die deutsche "Vogue" präsentiert in ihrer Oktober-Ausgabe eine Modestrecke mit Obdachlosen-Looks - nachgestylt mit Outfits von Chanel und Prada. Muss man das geschmacklos finden oder darf man einen Sinn darin suchen? Ein Fall für Zwei.
kathrin-hollmer

Die Strecke ist nur geschmacklos. Mode kann an sich gar nicht sozialkritisch sein, findet juliane-frisse.


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Wenn Amerikaner von einer „Bag Lady“ sprechen, dann meinen sie damit eine obdachlose Frau. Der Ausdruck bezieht sich auf die Plastiktüten, mit denen man Obdachlose oft sieht.      

Auch wenn eine arme „Bag Lady“ in der Regel nicht viel Hab und Gut in ihren Tüten mit sich herumschleppt, so hat sie doch schwer zu tragen. Das kann man wie einst die Musikerin Erykah Badu metaphorisch aufgreifen. In ihrem Song „Bag Lady“ besang sie eine Frau, die an ihrer Beziehung schwer zu tragen hat. Einer anderen Interpretation der „Bag Lady“ begegnet man in der aktuellen Ausgabe der deutschen „Vogue“: Für eine Modestrecke wurde ein blondes Model auf den Straßen New Yorks fotografiert. Was die junge Frau zur „Bag Lady“ macht, sind aber nicht nur ihre Accessoires – wobei die vielen Taschen, mit denen sie abgelichtet wurde, sowieso aus hochwertigeren Materialien als Plastik bestehen und auch nicht für 20 Cent an der Kasse von Netto zu erwerben sind. Wie viele Obdachlose trägt sie auch nicht unbedingt miteinander harmonierende Klamotten, im Modebranchensprech sicherlich ein avantgardistischer Mustermix. Weitere relevante Accessoires auf den Fotos (ohne Herstellerangabe): ein Pappbecher für Almosen und ein Einkaufswagen.  Die präsentierte Kleidung von Designern wie Prada, Marc Jacobs oder Chanel stammt dagegen hauptsächlich aus dem Luxussegment.       

Von verschiedenen Seiten wurde dieser Kontrast von extremer Armut und dekadent teurer Kleidung als auch die Modestrecke an sich bereits als geschmacklos kritisiert. Gegenüber Spiegel Online erklärte die Vogue-Redaktion daraufhin, es sei „jedoch in keiner Weise beabsichtigt, mit dieser Fotostrecke Menschen zu diskreditieren". Für „den außenstehenden Betrachter, der mit der künstlerischen Komponente von Modefotografie vielleicht nicht unbedingt vertraut ist“, könnten die Bilder aber „als Provokation empfunden werden“.

Man muss auch gar nicht annehmen, dass die Idee zu dieser Modestrecke womöglich jemand in der Vogue-Redaktion witzig fand, wie es sich der Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker zumindest vorstellen kann. Ist es nicht wahrscheinlicher, dass die Redaktion der „Vogue“ mit der Modestrecke eigentlich Gesellschaftskritik üben, ein Statement zu den Folgen der nicht enden wollenden Krise abgeben wollte? Immerhin ist die Strecke „Signs of the Time“ benannt.  

Dann könnte man der Redaktion natürlich erst einmal empfehlen, die Fotos vielleicht auch noch mit einem Text über die Situation von Obdachlosen zur Seite zu stellen – und auf den Beauty-Tipp zu den am Model verwendeten Kosmetikprodukten von Sisley zu verzichten. Aber das wäre gegenüber den Anzeigenkunden vielleicht nicht so gut zu vermitteln gewesen, möglicherweise wäre der einen oder anderen Leserin dann die Lust an dekadent teurer Kleidung vergangen. In dieser Form ist die Strecke aber tatsächlich einfach nur geschmacklos.

Die Vogue hat es also an diesem Fall nicht hinbekommen, Sozialkritik zu üben. Dabei ist aber nicht nur fraglich, ob Mode das abseits von ästhetisch in der Regel fragwürdigen Bekenntnis-Shirts überhaupt leisten soll. Sondern auch, ob Mode das für sich genommen leisten kann, ohne dass sie zum Beispiel von einem Text oder einer Inszenierung flankiert wird. Denn auch wenn immer wieder gefordert wird, Mode nicht als oberflächlich abzutun und als Kunstform ernst zu nehmen: Am Ende ist Mode einfach eine Spielart von Design.

Im Gegensatz zu Kunst ist Design aber zweckgebunden. Genau wie ein Bücherregal oder eine Teekanne erfüllt Mode eben immer auch eine bestimmte Funktion: Kleidung soll verdecken, entblößen, wärmen, uns gut aussehen lassen oder anderen Menschen signalisieren, wer wir sind oder gerne wären. Egal wie raffiniert, Mode ist deshalb vor allem ein käuflich zu erwerbendes Produkt (woran an sich überhaupt nichts verkehrt ist). Kunst dagegen kann zwar ebenfalls einen Zweck erfüllen, als Statussymbol oder als Wertanlage etwa – doch die Funktion gehört nicht zu ihrem Wesenskern. Deshalb kann Kunst auch ein politisches, gesellschaftskritisches Statement darstellen. Ein politisches Bücherregal oder eine gesellschaftskritische Teekanne habe ich dagegen bisher nicht gesehen. Genauso wenig gehe ich davon aus, dass ich noch einmal einer solchen Handtasche begegnen werde.      

Auch die „Vogue“ kann sozialkritisch sein, sagt kathrin-hollmer. Warum, steht auf der nächsten Seite.


Die Mode im Allgemeinen und die „Vogue“ im Speziellen können schon sozialkritisch sein, sagt kathrin-hollmer.  

Ein Obdachlosen-Look, nachgestylt mit Taschen, Mänteln und Hosen von Prada, Marc Jacobs und Chanel. Natürlich ist das völlig unrealistisch. Natürlich ist das Kalkül, eine Provokation, die möglichst medienwirksam sein soll. Und natürlich wirkt das für eine Zeitschrift wie die „Vogue“, die vor allem ihre Anzeigenkunden glücklich machen will, erst einmal ziemlich taktlos. Aber: Nur zu sagen „oh, wie geschmacklos“, finde ich zu einfach gedacht.  

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Die meisten Modestrecken in Magazinen haben vor allem eine Botschaft: „Das trägt man jetzt so, also kauf mich!“. Das „Kauf mich“ gilt auch für die Fotostrecke „Signs of the Time“, aber sie wagt es - und das unterstelle ich der „Vogue“-Moderedaktion und dem Fotografen jetzt einfach mal -, weiterzugehen. Sie macht darauf aufmerksam, dass Menschen auf der Straße leben. Und dass diese, wenn es bald kalt wird, ein Problem haben. Auch das kann man aus den vielen Schichten aus teuren Designerklamotten herauslesen. Vielleicht sogar ein bisschen Selbstkritik in einer konsumorientierten Welt wie dem „Vogue“-Kosmos.  

So viel Reflexion mag man einem Model mit perfektem Make-up und im Prada-Mantel (speziell, wenn „um 2.000 Euro“ drunter steht) nicht abnehmen. Aber den Leuten, die sich solche Produktionen ausdenken, schon. In einer Zeitschrift wie der „Vogue“ steht die Ästhetik im Vordergrund. Teure Mode und hübsche Models sind ihr Werkzeug. Es schwingt aber noch mehr mit. Zeitgeist zum Beispiel, den Mode immer widerspiegelt. Und der ist abhängig von allem, was um uns herum passiert, dazu gehören auch ernste Themen. Die zu berücksichtigen, finde ich mutiger als sich hinter der Mode allein zu verstecken und alles jenseits der Louis-Vuitton-Blase auszublenden.  

Ich finde: Mode und Modefotografie können sehr wohl Kunst sein. Das leuchtet uns ein, wenn wir an Haute Couture oder große Ausstellungen mit Modefotografie denken und H&M und Zara mal kurz vergessen. Der Kunst gesteht man es zu, dass sie provozieren darf. Der Mode nicht, weil sie für die meisten nur ein Gebrauchsgegenstand ist. Für manche aber ist Mode mehr als nur Kleidung. Darum können Mode und Modefotografie sehr wohl sozialkritisch sein - sie sind es nur so selten, darum fühlt sich das für uns so befremdlich an.  

Die "Bag Lady"-Strecke in der "Vogue" ist ein guter Ansatz. Nur steht leider im Vorspann was von „einzigartig extravagant“ und ein Hinweis auf Animalprints statt zu erklären, was man mit der Strecke sagen will. Anscheinend wäre das nötig gewesen. Noch wünschenswerter wäre es, wenn sich nach der Modestrecke auch noch eine Reportage oder ein anderer Text mit den Problemen Obdachloser befassen würde. Leider steht im ganzen Heft kein Wort davon. Vermutlich hätte das aber auch nichts gebracht. Einerseits wird Mode- und Frauenzeitschriften nämlich immer vorgeworfen, dass sie nur oberflächliche Themen abdecken. Wenn sie dann aber mal zwischen Schminktipps und Diäten ein ernstes Thema verstecken oder zumindest andeuten, wird ihnen genau das auch zum Vorwurf gemacht, ob das nun eine „Grazia“ ist oder früher eine „Amica“ war. Man kann es einfach keinem recht machen.  

Der zweite Fehler bei dieser Modestrecke ist, dass sie – trotz aller (künstlicher) Empörung – gar nicht schocken kann. „Homeless chic“ ist nun mal kein neues Thema. Patrick Mohr schickte 2009 bei der Berliner Fashion Week ausschließlich Obdachlose als Models über den Laufsteg. Die italienische „Vogue“, die in Modestrecken oft auf gesellschaftliche Themen aufmerksam macht (wie 2010 mit einem Shooting zur Ölpest im Golf von Mexiko mit der ölverschmierten Kristen McMenamy am Strand) hatte bereits 2009 eine große Homeless-Chic-Modestrecke im Heft – und die Obdachlosen-Looks sogar auf dem Cover. Dass sie nicht besonders innovativ ist, das kann man der Modestrecke in der deutschen „Vogue“ unterstellen. Dass sie beleidigen will, nicht. Die „Vogue“ hat versucht, sozialkritisch zu sein. Leider ist ihr das nicht ganz gelungen. Trotzdem hoffe ich, dass sie und andere Magazine das weiter versuchen. Denn immerhin regt die Modestrecke zum Nachdenken und zur Diskussion an. Und das ist doch schon mal was!

Text: kathrin-hollmer - und juliane-frisse; Foto: Torben Schnieber

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