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"Jedes gesellschaftliche Thema hat einen feministischen Aspekt"

Zum kommenden Weltfrauentag will ein neues Netzwerk die feministischen Kräfte in Deutschland bündeln.
Interview von Quentin Lichtblau
  • feminismus sz
    Logo: feministischesnetzwerk.org

Die Journalistin Mareice Kaiser ist bisher bekannt für ihren Blog Kaiserinnenreich, auf dem sie sich mit dem Thema Inklusion und Familie auseinandersetzt. Nun ist sie auch Teil des neuen feministischen Netzwerks, das sie und andere namhafte Feministinnen wie Anne Wizorek oder Missy-Magazine-Herausgeberin Stefanie Lohaus im Februar gestartet haben.

 

jetzt: Mareice, du und viele andere Mitglieder des Feministischen Netzwerks sind bereits öffentlichkeitswirksam unterwegs. Wo genau lag die Motivation zu sagen: Wir brauchen dieses Netzwerk?

Mareice Kaiser: Ausschlaggebend war die aktuelle weltpolitische Lage, der menschenfeindliche Rechtsruck und das Bedürfnis, geschlossen aufzutreten und sich so noch besser gegen diese Tendenzen zu verbünden. Wir wollen uns solidarisch zeigen mit den amerikanischen "Women's Marches" und den riesigen Protesten in Polen.

 

Geht es euch nur um internationale Solidarität, oder gibt es auch speziell hier in Deutschland Dinge, die ihr verändern wollt?

Bisher steht die Solidarität im Vordergrund, aber natürlich wollen wir auch eigene Forderungen an Politik und Gesellschaft stellen. Wir haben Leitgedanken entwickelt, die sich an den „Unity Principles“ der Women`s March-Bewegung orientieren und diese auf die Lage in Deutschland angepasst, inklusive der Berücksichtigung unserer eigenen, diversen Perspektiven. Hinzugefügt haben wir einen Abschnitt zur Care-Arbeit – und bei allen anderen Gedanken haben wir versucht, einen Konsens zu finden und das auch geschafft. Dem voraus gingen lehrreiche und wertvolle Diskussionen.

 

Wie seid ihr dabei vorgegangen? Trifft sich das Netzwerk im echten Leben und diskutiert?

Wir treffen uns bisher sozusagen im echten Internet-Leben und diskutieren. Hinter der Website arbeitet derzeit ein Team aus 15 bis 20 Frauen, das Feministische Netzwerk hat jetzt schon mehr als 700 Mitglieder. Die Arbeit an den Leitgedanken lief über Google-Docs, wir haben alle gemeinsam daran gearbeitet. Seitdem die Seite online ist, haben wir auch Hinweise zu Verbesserungen aufgenommen und Gedanken erweitert – mit den folgenden Forderungen wollen wir noch konkreter werden.

  • mareicekaiser
    Foto: Carolin Weinkopf

In euren Leitgedanken tauchen neben "klassisch"-feministischen Themen auch Dinge wie Umweltschutz oder Rechte für Menschen mit Behinderung auf. Sind das nicht zu viele Baustellen auf einmal?

Jedes gesellschaftliche Thema hat auch einen feministischen Aspekt. Unsere Auffassung von Feminismus ist nicht monothematisch, sondern intersektional. Unsere Netzwerk-Mitglieder kommen ja auch aus den verschiedensten Bereichen.

 

Zum Beispiel?

Inklusion – ein Thema, mit dem ich mich seit Jahren beschäftige – wurde lange nicht mitgedacht. Dabei landet man davon ausgehend schnell bei reproduktiven Rechten und Pränataldiagnostik – und schon ist man wieder beim Thema "Selbstbestimmung der Frau" versus „Selektion von Menschen mit Behinderung" angelangt. An solchen Reibepunkten wird es schwierig und kontrovers. Genau deswegen sollen diese Themen auch innerhalb des Feministischen Netzwerks abgebildet und gesellschaftlich diskutiert werden.

 

Ihr wollt ja auch die verschiedenen Aktionen am 8. März bündeln und verstärken. Angenommen, jemand hat eine feministische Aktion geplant und will dafür eure Unterstützung, was muss er oder sie tun?

Auf www.feministischesnetzwerk.org gibt es den Punkt "mitmachen", dort kann man eigene Veranstaltungen eintragen. Bisher sind es über 60 unterschiedliche Aktionen und wir freuen uns, wenn es noch mehr werden – und vor allem auch, wenn sich an den Aktionen dann auch viele Menschen beteiligen.

 

Und nach dem 8. März?

Wir wollen langfristig Forderungen entwickeln, die über die Leitgedanken hinausgehen – und gern auch eigene Aktionen starten. Außerdem ist es natürlich wichtig, weitere UnterstützerInnen zu gewinnen, die eben nicht nur aus der "feministischen Filterblase", sondern aus allen möglichen Bereichen kommen können. Das können auch Leute sein, die sich bisher nicht als Feministinnen oder Feministen bezeichnet haben. Wer unsere Leitgedanken liest und sich denkt: Cool, dass es das gibt, das ist eine Haltung, die ich teile, ist herzlich willkommen.

 

Eine der großen Aktionen, die am kommenden Mittwoch in den USA geplant sind, ist der "Day Without A Woman" – im ganzen Land sollen Frauen streiken, sei es in ihrem Job oder in ihrer Rolle als Care-Arbeiterin. Macht ihr auch mit?

Wir begleiten den Streik, an dem sich hoffentlich viele beteiligen, mit einer Blogparade. Unter dem Titel „Ein Tag ohne Frauen, Mein Tag ohne mich“ rufen wir Frauen dazu auf, ihre persönliche Geschichte von der Arbeitsniederlegung zu erzählen. Von Utopie bis Dystopie ist dabei alles erlaubt, die Geschichten sammeln wir unter dem Hashtag #meintagohnemich. 

 

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