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Neue Kultur-TV-Sendung will junge Menschen locken

Das neue BR-Format "Südlicht" vermittelt Kultur auch an junge Zuschauer. Wie gut funktioniert das?
Von Friedemann Karig

Am Ende bringt der Reporter das Phänomen Kultur noch einmal schnell auf den Punkt: "Geschmackssache" sei es, was man möge und was nicht. Das klingt banal, ist aber der logische Schluss einer Sendung, die keinen Kanon predigen will. Stattdessen möchte "Südlicht" (erste Folge am Mittwoch, 13.4., 22:45 Uhr im BR) Literatur und Kunst "mit einem modernen Konzept und frischer Machart an Zuschauer aller Generationen" verkaufen. Alle Generationen? Also auch an diese jungen Menschen, die angeblich gar keine Fernseher mehr haben? Funktioniert das?  

"Aber sicher", findet Bumillo, bürgerlich Christian Bumeder. Aufgewachsen in Reit im Winkl, studiert in München. Er ist womöglich der Gerhard Polt der Poetry Slam Szene: Bayerisch, schlau, lustig. Genug für mehrere Preise und deutsche Meisterschaften. Spräche er nicht seit knapp zehn Jahren von deutschen Bühnen herab, der BR müsste ihn sich schnitzen. Denn als promovierter Literaturwissenschaftler verfügt Dr. Christian Bumeder einerseits über bildungsbürgerliche Glaubwürdigkeit. Und ist dabei auch "Straße" genug, um auch die oft verzweifelt gesuchte "junge Zielgruppe" an die Fernseher zu bringen. Oder es zumindest mit „Südlicht“ versucht zu haben. Denn inwieweit diese Völkerwanderung weg vom Internet hin zum TV überhaupt noch möglich ist, könnte eine eigene Südlicht-Sendung füllen. Bei diesem ersten Mal geht es aber um etwas weniger Strittiges: Krimis.  

 

Der Einstieg in Sendung und Thema: Bumillo in der Sonne auf einer Bank, "endlich ist Frühling, den kann man sich mit ein paar Krimis versüßen." Das Konzept der folgenden halben Stunde: Künstler trifft Künstler. Slam-Poet Bumillo begegnet fünf Krimi-Autoren dort, wo ihre Bücher spielen. Oder wo es zumindest so riecht. Die Allgäuerin Nicola Förg bestellt mit ihm beim Metzger Hermannsdorfer ein Rinderfilet, um es "mit a bissel Gmis zu braten", wie es ihre Ermittlerinnen auch tun würden. Dann erklärt sie den Plot ihres neuen Buches "Stilles Gift", den Mord an einem Landwirt. Bumillo stellt eine Standard-Literatur-Frage – "wie viel recherchieren sie?" – dann erklärt Hof-Besitzerin Förg noch die Faszination Heimat-Krimi: "Heimat muss heute nicht mehr süßlich sein. Und Bayern ist eine Sehnsuchtslandschaft. Touristen lesen das auch gerne." Darauf ein Weißbier, Prost!

  • Foto: BR/Julia Müller

Heimat spielt bei "Südlicht" eine große Rolle: "Ich versuche die Sendung so bayrisch wie möglich zu moderieren“, sagt Bumillo vor der Kamera. Logisch fürs Lokalfernsehen, auch wenn die flippige Jugend den BR deutschlandweit im Netz streamen kann. Die Themen jedenfalls kommen aus dem "erweiterten Sendegebiet", heißt es aus der Redaktion. 

 

Also, mehr München: ein klassisches Porträt des hiesigen Schriftstellers Friedrich Ani, dem "passionierten Spaziergänger, Meister am Keyboard". Dessen neuer Roman mit dem "abgefuckten" Kommissar Tabor Süden hat Bumillo "völlig geflasht". Solche Jugendsprache, sonst maximal aufgesetzt, klingt bei ihm aber natürlich. Wenn Bumillo (Jahrgang 1981) beim Sprechen vor lauter Begeisterung Rap-Gesten andeutet, dann weiß man, dass da jemand mag, was er tut. Und spricht, wie er will. Auch wenn die Fragen ("Wie kam´s zu diesem Figurenwechsel?") nicht überraschen, immerhin werden sie in freier Wildbahn gestellt: Mit Bettina Baláka isst Bumillo Pasta, Max Bronski besucht er im Proberaum seiner Band. Also nur fade "Talking Heads"? Nein.

 

Es ist doch so: Über Literatur reden geht gut, wenn alle Lust darauf haben. Und das haben sowohl die bemerkenswert gut aufgelegten Autoren als auch der neugierige Reporter. Der soll den Zuschauer – so funktionieren die momentan angesagten "Presenter-Reportagen“ – mitnehmen. An einem Drehtag wird in der Regel eine Folge produziert. Auch eine Frage des Budgets, da der BR sich einen strikten Sparkurs verordnet hat, quer durch alle Programme. Aber dieses Tempo passt hier auch zur Tonalität. "In der Früh geht es los. Abends hat man eine Sendung. Es ist ein kleines Abenteuer" sagt Bumillo, "und ein bisschen wie live auf der Bühne."

Dass „Südlicht“ ohne jede grafische Spielerei auskommt, die besprochenen Bücher beispielsweise einfach in die Kamera gehalten werden, wirkt nicht simpel, sondern locker. Dazu klingt der Soundtrack frisch, die Kamera ist nah dran und agil. Längen hat nur manche Zusammenfassung eines Buches – braucht es diese gesprochenen Klappentexte? 

 

Gegen Ende dann doch noch ein Schock. Den Eurodance-Hit "I like to move it" zur Krimi-Leitfrage "Was ist das Motiv, Motiv?" umzudichten, unterstützt von Bronskis Altherrenband und mit der sauren Miene des Autors selbst bebildert, der missmutig den Bass zupft – das wirkt genau wie die geschmacksschwache Verzwangsjugendlichung, die man immer befürchtet, wenn öffentlich-rechtlicher Rundfunk "jung und frech" sein will.  Und wenn zum Schluss dann die Bücher – "da ist für jeden was dabei" – noch einmal angepriesen werden, wünschte man sich etwas mehr Klartext á la Dennis Scheck. Oder wenigstens eine Amazon-Rezenzions-Frechheit. Da hat das Internet einen Vorteil. 

 

Die nächsten Themen? Eher dickere Bretter wie  „Verschandeln Hochhäuser unsere Städte?“ (20. April) oder das Erbe des Barockbaumeisters Johann Michael Fischer (18. Mai). Da macht es sich jemand nicht leicht. Oder eben doch: "Der Barockbaumeister, der sagt mir spontan auch erstmal nix", so Bumillo. "Aber ich gehe das ganz naiv-positiv an, um auch den Zuschauer, der kein Vorwissen hat, mitzunehmen. Und dann wird das schon." Das ist für gutes Fernsehen vermutlich nur förderlich: Nicht zu viel nachdenken. Egal, wer´s nachher schaut. 

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