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Opa Gottfried und die wilden Massen

Der Großvater unserer Autorin entdeckt das Internet. Einmal im Monat erklärt er uns, was ihn dort beschäftigt. Diesmal: die Risiken der Anonymität.
charlotte-haunhorst

Charlottes Opa ist 83 und hat im Gegensatz zu vielen Großeltern keine Angst vor dem Internet. Opa Gottfried schreibt Mails, hat einen Facebook- und einen Twitter-Account. Für jetzt.de erklärt er einmal im Monat, was ihn die vergangenen Wochen beschäftigt hat, und beantwortet die Fragen von Usern. So begreift er das Netz und uns – und das Netz hoffentlich auch ihn und seine Generation.
 
Charlotte: Opa, was hast du im vergangenen Monat vom Netz gelernt?
Opa Gottfried: Dass das Internet auch ein Pranger sein kann.

Woran machst Du das fest?
Das habe ich schon nach dem Rufmord an Bettina Wulff gedacht, bei dem ja auch im Internet verbreitet wurde, sie sei eine Prostituierte. Beim Uli Hoeneß denke ich es jetzt aber auch.

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Charlotte spricht einmal im Monat mit ihrem Opa über dessen Abenteuer im Netz. 

Naja, Uli Hoeneß hat anscheinend immerhin ordentlich die Steuer hinterzogen und vorher den Moralapostel gegeben...
Ja, aber wie da jetzt jeder öffentlich drauf rumhackt, ist mir schon suspekt.
Oma (aus dem Off): Naja, aber ich habe genau im Fernsehen gesehen, wie der sich immer über die Gier der Banker aufgeregt hat.
Opa: Ja, aber das jetzt ist ja wie bei einer Steinigung: Da trauen sich die Menschen auch nur zu werfen, wenn sie anonym in der Masse sind. Im Internet erscheint mir das eine ganz ähnliche Sache. Und da bekomme ich einfach heute noch ein mulmiges Gefühl, wenn Menschen versteckt in der Masse über andere urteilen. Das liegt aber vielleicht auch an meiner Generation.

Wie meinst Du das?
Ich erinnere mich an einen Vorfall in unserem Gymnasium, 1944 muss es gewesen sein. Alle Schüler wurden in die Aula gerufen. Der Direktor war entsetzlich aufgeregt, einige Schüler hatten im Schutze einer Gemeinschaft etwas verbrochen. Ich habe vergessen, was, aber eingeprägt hat sich mir der Satz, den er uns in höchster Erregung und Verachtung entgegenschleuderte: „Als Einzelne harmlos, in der Masse gefährlich!“ Dieser Satz war damals nicht ganz ungefährlich, denn man konnte ihn auch auf die Nazis beziehen. Dort war es ja auch so, dass die Leute beispielsweise bei der Rede im Berliner Sportpalast auf die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ in der Masse ausflippten. Solche Erinnerungen hemmen mich bis heute, bei einem Fußballspiel oder ähnlichen Veranstaltungen ganz unbefangen mitzujubeln. Weil ich weiß, wie gefährlich die Masse sein kann. Und im Internet beunruhigt mich das halt auch.

Also denkst du, das Internet müsste gemaßregelt werden?
Das ist natürlich auch schwierig. Denn gleichzeitig ist es für mich ja kolossal befreiend, dass es heute für jeden leicht und ganz selbstverständlich ist, sich übers Netz öffentlich zu äußern. Trotzdem darf man dabei nicht seine Verantwortung vergessen.
Oma: Ich glaube nicht, dass man das Internet einschränken kann. Wie soll das denn über all die Grenzen gehen?

Für Menschen in eurem Alter muss ja auch der gerade verschobene NSU-Prozess Erinnerungen hochkommen lassen.
Opa: Ja, das macht mich sehr betroffen. Das als „Dönermorde“ zu bezeichnen und die ganzen vernichteten Akten . . . Mir fällt es schwer zu denken, dass das alles Zufall war. Und nun auch noch diese Peinlichkeit mit dem verschobenen Prozess. Wir haben vor anderen Ländern eine Verantwortung wegen unserer Vergangenheit. Sowas darf nicht passieren.
Oma: Aber es zeigt auch, dass solche Leute keinen Stempel auf der Stirn tragen. Das war auch schon damals so, dass man die Nazis erst äußerlich nicht erkannt hat. Die haben dann auf Konzerten laut applaudiert und danach zehn Leute festnehmen lassen.
Opa: Und nach dem Krieg wurde einfach darüber geschwiegen, was in diesen Jahren passiert ist. Mir tut es rückblickend Leid, dass ich zu jung war um das alles damals genauer zu hinterfragen. Und als ich dann alt genug war, wollte keiner mehr darüber reden. Das ist schon gut, dass ihr in einer Generation ohne Krieg und mit Bewusstsein für diese Themen aufwachst.

Ich habe wieder eine Userfrage für dich: @skrobala möchte auf Twitter wissen, ob du als Musiker Musik auch über das Internet hörst?
Nein, ich höre meine Musik noch auf Platten.
Also auf Vinyl?
Nein, nein, auf CDs, natürlich! Aber deine Oma und ich, wir hören gerne Webradio. Bayern 3 können wir dann zum Beispiel empfangen!

Ihr hört so eine Popwelle wie Bayern 3? Hätte ich ja nie gedacht.
Oma: Er meint Bayern Klassik! Das hören wir gerne. Manchmal nimmt der Opa es dann auch auf über den Fernseher.

Ihr hört über den Fernseher Webradio?
Opa: Genau, das ist ein Service der Telekom. Ich kann das dann mit meinem Festplattenrekorder aufnehmen. Nur gibt es halt kein Bild zu der Musik, aber das ist schon in Ordnung.

Dann müsst ihr ja bald aufpassen, wenn die Telekom ihre DSL-Flatrate drosselt...
Ach Quatsch. Das gilt ja nur für neue Verträge. Wir sind Bestandskunden.
 
Du hast auch eine Frage an Opa? Stell sie in den Kommentaren. Oder schick sie per Mail mit dem Betreff „Frag Opa“ an info@jetzt.de oder auf Twitter unter dem Hashtag #fragopa.



Text: charlotte-haunhorst - Illustration: katharina-bitzl

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