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„Baron Noir“ zeigt, was mit Frankreichs Linken falsch läuft

Die Serie wird bei unseren Nachbarn gerade zu einem Riesenerfolg.
Von Nadja Schlüter
  • hörsaal 1 cover
    Foto: KWAI / PICTANOVO

„Ein Jugend-Protest ist immer eine Bedrohung“, sagt der französische Präsident. Darum möchte er am liebsten, dass gar nicht demonstriert wird. Und wenn schon demonstriert werden muss, dann bitte mit genug Sicherheitskräften drumherum. Denn Ausschreitungen, wie sie in Frankreich keine Seltenheit sind, fallen am Ende natürlich auf die Regierung zurück.

Der Mann, der da so besorgt auf die Jugend schaut, ist nicht François Hollande, sondern Francis Laugier. Er ist der Präsident in der französischen Erfolgsserie „Baron Noir“, die seit Anfang April in Deutschland auf dem Pay-TV-Sender „Sony Channel“ zu sehen ist. In deren Zentrum steht Philippe Rickwaert (gespielt von Kad Merad, bekannt aus „Willkommen bei den Sch’tis“), Abgeordneter der Sozialisten und Bürgermeister von Dunkerque, der alles daran setzt, seinem Parteigenossen und Präsidenten Laugier das Leben schwer zu machen und seine eigene Machtposition zu sichern. Dafür entwickelt er in rasantem Tempo unterschiedlichste Strategien und schlägt dabei ständig Haken.

 

Einen dieser Haken schlägt er in Richtung der französischen Jugend und des Schüleraktivisten Mehdi Fateni – was die Folgen vier und fünf der ersten Staffel für junge Zuschauer besonders interessant macht. Denn die Lehre aus diesen Episoden ist zum einen, dass die Jugend die Macht hat, die Politik zu beeinflussen – und zum anderen, wie sehr es den Politiker darum nutzt, diese Macht der Jugend auszunutzen.

 

Der Präsident denkt: Gute Bildungschancen bedeuten zufriedene Schüler, und zufriedene Schüler bedeuten keine Bedrohung für ihn

 

„Baron Noir“ fächert in diesen nicht mal zwei Stunden, die sich um den Protest der Jugend drehen, einen ziemlich komplexen Plot auf: Präsident Logier will als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Bildungsreform durchsetzen – denn gute Bildungschancen und damit gute Zukunftsperspektiven bedeuten zufriedene Schüler und Studenten, und zufriedene Schüler und Studenten bedeuten keine Bedrohung für ihn. In der Regierung klopfen sie sich nach Ankündigung der Reform auch gleich mal anerkennend auf die Schultern, als der Hashtag #planeduc auf Twitter trendet und fast die Hälfte der Nutzer Schüler sind. Jugend erreicht, juhu!

 

Aber der Oberstufenschüler Mehdi Fateni ist nicht besonders begeistert von der Reform. Seiner Meinung nach werden die sowieso schon benachteiligten Schüler der berufsbildenden Gymnasien darin einfach ignoriert. Dazu muss man wissen, dass französische Schüler, die das Abitur anstreben, nach der zehnten Klasse entweder auf das „Lycée Général“, das allgemeinbildende Gymnasium, oder auf das „Lycée Professionelle“, das berufsbildende Gymnasium, wechseln. Laut Mehdi haben die Schüler mit allgemeinem Abi am Ende die freie Studien-Wahl, die mit einem berufsbildenden Abi nicht. An den technischen Unis, die für sie am interessantesten wären, kriegen sie so gut wie nie einen Studienplatz. Darum lautet seine Forderung: Quoten für Berufsschüler an den technischen Universitäten in Frankreich. 

 

Mehdi wird zum Anführer eines Schulstreiks gegen die Reform. Und Philippe Rickwaert sieht darin eine Chance, Präsident Laugier in die Parade zu fahren: Er trifft sich mit Mehdi und will ihm helfen, den Streik auszuweiten und schließlich als ausgewachsenen Protest auf die Straße zu bringen. Ein Koordinierungstreffen wird einberufen, auf dem über das Datum des Protests abgestimmt werden soll. Rickwaert und Mehdi wollen einen möglichst späten Termin, damit genug Zeit für eine große Mobilisierungsaktion ist. Die Regierung wünscht sich einen frühen Termin, damit der Protest möglichst klein bleib, und beauftragt Vertreter der Jugendorganisation der Sozialisten bei dem Treffen im Sinne der Regierung abzustimmen.

  • hörsaal 2
    Foto KWAI / PICTANOVO

In der Abstimmungs-Szene im Hörsaal spiegelt sich in der Schülerschaft der parteiinterne Kampf zwischen Rickwaert und Laugier. Aber vor allem wird dort auch ein größere, relevanterer, gesellschaftlicher Kampf sichtbar: Denn die Schüler der allgemeinbildenden Gymnasien stimmen gegen die der berufsbildenden. Weiße Jugendliche stimmen gegen braune und schwarze Jugendliche. Die Linken der jungen, weißen Mittelschicht, organisiert bei den Jungsozialisten, stimmen gegen die junge Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund und ohne politische Heimat. Alle sind sie links, aber sie sind tief gespalten. 

 

Die Geschichte, die „Baron Noir“ über alle acht Folgen der ersten Staffel erzählt, ist erfunden. Aber sie spielt auf ein reales Problem an: auf das Ende der traditionellen französischen Linken, die den Kontakt zu einem wichtigen Teil der Bevölkerung verloren hat. Immer wieder ist derzeit zu hören, diese Tatsache habe entscheidend zum Aufstieg des rechtsradikalen Front National beigetragen, der von der unteren Mittel- und der Unterschicht im industriellen Norden und im ländlichen Süden gewählt wird – auch von der Jugend. 

 

Aber „Baron Noir“ weist in den beiden Folgen, die sich um die Jugendrevolte drehen, auf eine weitere, eine interne Spaltungslinie innerhalb der Linken hin. Darauf, dass auch der Teil der Jugend, der nicht FN wählen kann, weil dessen Rassismus sie selbst betrifft, bei den Sozialisten oft keine Heimat mehr findet. Wo sollen sie hin?

 

Leider nutzt auch der ach so linke Arbeiter Rickwaert die Jugendbewegung nur für seine Interessen

 

Die Antwort der Serie lautet: auf die Straße. Denn der Protest ist ja schon beschlossen. Und Rickwaert, der sich als Unterstützer der Arbeiterjugend ausgibt – und das, auf seine arme Kindheit anspielend, mit den pathetischen Worten „Ich liebe diese Kinder, ich bin einer von ihnen“ bekräftigt – befeuert ihn. Im Blaumann hält er im Parlament eine Brandrede und fordert Quoten für Berufsschüler. Damit provoziert er Premierminister Laurent Mirmont zu einer unüberlegten Aussage, die die Jugend erst recht gegen die Regierung aufbringt.

 

Nun könnte Rickwaert uns Hoffnung machen. Als einer, der sich einsetzt, der eine Richtung vorgibt und einen neuen Ort findet für den Teil der Jugend, der keinen Ort hat. Aber leider nutzt auch der ach so linke Arbeiter Rickwaert die Jugendbewegung nur dazu, den von ihm verhassten Präsidenten zu schwächen. Um das zu erreichen, schreckt er im Folgenden nicht einmal davor zurück, Mehdi dazu zu bringen, seine linke Überzeugung zu verraten und mit den Konservativen zu kooperieren.

 

Auch seine Blaumann-Brandrede hat einen solchen Hintergrund, der aufgrund zu hoher Spoilerlastigkeit hier nun doch nicht erwähnt werden soll. Fakt ist aber, dass diese List ihm den Titel einbringt, den auch die Serie trägt: „Baron Noir“ titelt das Wochenmagazin „Le Point“ am Tag nach Rickwaerts Rede. Untertitel: „Le député qui murmurait à l’oreille des lycéens“ – „Schwarzer Baron – der Abgeordnete, der den Gymnasiasten ins Ohr flüstert“. Oder einfacher ausgedrückt: „Der Schülerflüsterer“.

 

Aus Episode 4 und 5 von „Baron Noir“ kann man also zweierlei lernen: Zum einen, dass die Jugend Macht hat. Die Stimmen der Jungen haben, wenn sie sie gemeinsam erheben, Gewicht. Und zwar ein so großes, dass die, die an der Macht sind, sie sogar fürchten. Zum anderen aber auch, dass ein junger Mensch, der die Regierenden zum Bewegen und Handeln bringen will, manchmal die Hilfe von Regierenden selbst braucht. Und dabei auch zwischen die Fronten der Mächtigen geraten und instrumentalisiert werden kann. Bis er am Ende selbst in der Politik-Mühle gerät und sie weitertritt.

 

Wir wissen zwar noch nicht, wie viele Staffeln „Baron Noir“ noch haben wird (die zweite wird derzeit produziert) – aber sollte die Serie weite Blicke in die Zukunft wagen, dann wäre es vorstellbar, dass aus dem idealistischen Jugendlichen Mehdi Fateni ein zweiter Philippe Rickwaert wird. Ein neuer „Baron Noir“.

Falls du jetzt ein paar echte junge Franzosen kennenlernen möchtest, die politisch aktiv sind:

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