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Geheimes Gesetz (19): Im Kino nix Neues

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal untersucht er die vielen Reflexe, die in Hollywood immer gleich ablaufen.
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Die mehr oder weniger Geheimen Gesetze von Hollywood: Fortsetzungen sind immer schlechter als der erste Teil, Buch-Verfilmungen im Vergleich auch. Und die meisten Trailer verbraten schon 90% der guten Szenen.  

Kino lebt von Illusionen: Blut, Schweiß, Tränen – nichts ist echt. Hollywoods wichtigste Täuschung jedoch ist die der Neuigkeit, da doch alle Filme nach denselben Regeln funktionieren. Von der Zwangsläufigkeit des Happy Ends über die schwere Kindheit des Bösewichtes bis hin zum ersten Kuss zwischen Ihm und Ihr nach genau 65 % des Films – großes Kino steckt voller (mehr oder weniger) Geheimer Gesetze. Weitere Normen der Traumfabrik: Verfilmungen von Büchern dürfen niemals dem Original das Wasser reichen. Dass David Fincher sich mit Fight Club über diese Regel hinwegsetzte, wurde mit seinem nächsten Film Panic Room hart bestraft. Autor Chuck Palahniuk wartet gar bis heute auf Entlassung aus dem One-Hit-Wonder-Gefängnis.

Oder: Fortsetzungen schaffen das Niveau des Vorgängers fast nie. Selbst raffinierte Filmreihen wie Indiana Jones dürfen qualitativ höchstens stagnieren. James Bond konnte es nur deswegen 23 Mal geben, weil die Filme keine Nummern tragen. Denn meistens ist die Ziffer „2“ oder gar „3“, die sich an einen beliebten Titel hängt wie eine nervige kleine Schwester an ihren coolen großen Bruder, ein sicheres Zeichen für eine Qualitätsteilung durch, genau, zwei oder drei.

Ein herkömmlicher Trailer eines herkömmlichen Popcorn-Movies muss übrigens mindestens 85% der guten Szenen des Films enthalten. Reichen die zwei Minuten Trailerlänge nicht, müssen die Bilder so rasend schnell geschnitten werden, dass der Besuch des eigentlichen Films für den trailergeschädigten Zuschauer zu einem hochbeschleunigten Déjà-Vu verkommt. Man hat alles schon gesehen, obwohl man nur ein knappes Vierzigstel des Films kannte. Und bevor man eine Szene ganz umrissen hat, weiß man schon ihre Pointe. Doch nicht nur Hollywoods Kunst ist geregelter als eine Steuererklärung. Auch „leise fotografierte“ Arthouse-Streifen sind keineswegs so independent, wie man meinen sollte. Sie wiederum dürfen nicht gut ausgehen, müssen immer wohlwollend rezensiert und von geduldigen Zuschauern bis zum Schluss ausgehalten werden sowie mindestens eine „ehrliche“ (also wenig ästhetische) Nacktszene enthalten.   Wahrscheinlich ist es Segen und Fluch zugleich, dass längst alle Geschichten erzählt, alle Helden gerühmt, alle Küsse geküsst wurden. Das Kino kann meist nur die alten Kunststoffe recyclen. Und jede Wiederaufbereitungsanlage braucht strenge Richtlinien. Sonst kommt am Ende nur noch mehr Müll raus.

Text: friedemann-karig - Bastelei: Katharina Bitzl

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