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Geheimes Gesetz (22): Ich weiß, dass ich nix mehr weiß

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal geht es um die geringen Bildungsrückstände, die wir bald nach unserer Schulkarriere noch haben
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Geheimes Gesetz: Von altem Schulwissen ist nichts mehr zu erinnern außer skurrilen Details. Dennoch gilt die Leistung in der Schule noch Jahre später persönlichkeitsbildend.  

Jeder Mensch hierzulande hat eine Schule besucht, das regeln Gesetze. Was er jedoch mit all dem dort erworbenen Wissen anstellt, das regelt ein Geheimes Gesetz. Man muss nämlich, spätestens in der Nacht der Abschluss-Feierlichkeiten, möglichst viel der angehäuften Informationen vergessen. Und sich noch Jahrzehnte später wundern, wie wenig man behalten hat – gleichzeitig aber ehemalige Musterschüler in ihren ehemaligen Lieblingsfächern abfragen. Einige skurrile Details, die man einst vielleicht sogar an der Tafel exerzieren musste, darf man hingegen nie vergessen.

Obwohl kaum einer die Schule damals ernst nahm oder gar schätzte, gilt sie uns bis ins hohe Alter als richtungsweisend. Selbst Eltern ihrerseits schulpflichtiger Kinder erinnern sich sofort daran, wer aus ihrem Freundeskreis welche schulischen Leistungen ablieferte. Und wenn jemand was besonderes weiß, begründet er seinen Vorsprung an Wissen gerne mit dem Hinweis auf eine gute Note in der elften Klasse. Als wirke diese Auszeichnung bis heute fort; als wäre er nicht längst ein anderer. Das funktioniert auch andersrum: „Der Dings, der muss das wissen, der hatte doch Mathe-LK“ heißt es, wenn die Fläche eines Dreiecks zu bestimmen ist, oder „frag doch mal die Bums, wie die Hauptstadt von Togo heißt, die war doch so gut in Erdkunde!“

Die Angesprochenen blasen die Backen und zucken die Schultern, denn ihre Teilnahme an solchen Veranstaltungen ist zwar historisch richtig und mit Zeugnissen belegbar, aber doch verdammt lang her. Wenn sie nicht direkt ein Studium des betreffenden Faches – am besten auf Lehramt und damit wieder Richtung Schule – drangehängt haben, wissen die meisten nichts mehr. Zwischen heute und dem Tag, an dem der Dings zu seines Lehrers Freude jede Geometrie sofort umriss, lagen mannigfaltige andere Gedächtniszugriffe – und der ein oder andere Vollrausch. Seit der Adoleszenz musste die Bums ganz schön viel lernen und wissen, und nichts hatte mit Geographie, geschweige denn afrikanischen Metropolen zu tun. Das ist den ehemaligen Schulkameraden von Dings und Bums jedoch egal. So wie manche Geschichte aus der Grundschule bis ins hohe Alter recycelt und für immer mit einer Person verbunden bleiben, so bleiben auch die Spezialfertigkeiten wie bei Superhelden die selben. Wer mit 17 gut Texte analysieren konnte, wird heute noch nach seiner Meinung zu Literatur gefragt. Wer damals schon keine Ahnung von Botanik hatte, dem traut man heute nicht mal den Kauf von Basilikum zu. Doch hat jeder, in einem Eckschrank seines Hirns, ein kleines Häuflein Wissen behalten, quasi als Exempel für die Unmengen Stoff, die man einst lernen musste. „Die Formel für Ammoniak, die könnte ich heute noch im Schlaf aufmalen“ staunt jemand, dessen Chemie-Note einst über seine Versetzung entschied, und ein anderer kann ganze Dialoge aus den Latein- oder Französisch-Büchern der Mittelstufen zitieren: „Marcus in colosseo est. Sed ubi est Cornelia?“

Diese Erinnerungsfetzen sind der nebelumhangene Gipfel des erfolgreich bestiegenen Bildungsberges. Das Leben nach der Schule jedoch hält viele schwerere Prüfungen bereit, und manchmal wünschte man sich, sie wären so eindeutig gestellt und mit sturem Zeitaufwand zu meistern, wie es die Klassenarbeiten waren. Wenn es im Leben doch nur ein bisschen mehr darauf ankäme, Dreiecke zu berechnen oder Hauptstädte zu kennen!   



Text: friedemann-karig - Bastelei: Katharina Bitzl

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