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Google macht die Stars

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal geht es um die verräterischen Adjektive, die die Suchmaschine von selbst an die Namen anhängt.
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Das Gesetz:  Prominenz wird daran gemessen, bei welchem Buchstaben des Namens Google ergänzt: "schwul" und/oder „Freundin“ (bei Männern), „nackt“ oder „schwanger“ (bei Frauen).  

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Wer früher wissen wollte, wie bekannt er ist, suchte in den Zeitungen seinen Namen, schaltete das Radio oder den Fernseher ein. Und wartete. Entweder er wurde erwähnt, im besten Falle wohlwollend – oder eben nicht. Eine Mühsal für arme Prominente und solche, die es werden wollten. Heute kann man Prominenz einfach zählen: An Treffern in Suchmaschinen. Denn wer Millionen etwas gilt, den findet man bei Google millionenfach. Jedoch existieren auch zu „Castortransport“ 449.000 Ergebnisse, und sogar Otto Normalverbraucher hat einen Wikipedia-Eintrag. Bekannt zu sein genügt nicht, bekannt sind auch Claudia Roth und Mario Barth.

Will man beliebt, berühmt, begehrt sein, braucht es eine härtere Währung als die bloße Zahl der gefundenen Seiten. Deswegen macht Google – als automatische Vervollständigung von Suchanfragen – naseweise Vorschläge, die scheinbar Gedanken lesen können. Sie zeigen das Geheime Gesetz wahrer Prominenz: Bei welchem Buchstaben des Namens ergänzt Google welche Unterstellung? Je brisanter, desto höher steht der Stern des Gesuchten.   ...schwul, nackt, Freundin, schwanger - diese Ideen basieren nicht auf der pubertären  Phantasie der Programmierer, sondern auf einem Algorithmus, der wiederum, ganz demokratisch, die häufigsten Eingaben der User berücksichtigt (neben einigen anderen, geheimeren Faktoren).

Jeder von uns bestimmt also täglich ein bisschen mit, was welchem Prominenten wie schnell angehängt wird. Die Klage einer ehemaligen Präsidentengattin, deren Name in der Eingabemaske von einer obszönen Berufsbezeichnung entehrt wurde, trifft mit der Suchmaschine also die Falschen. Wie so oft im Internet ist nicht die Technik oder Google, sondern zuerst der fehlerbehaftete Mensch schuld. In diesem Fall seine voyeuristische Neugier, gepaart mit Sexualtrieb und einem Schuss Bosheit. Diese weit verbreiteten Eigenschaften ermöglichen einen untrüglichen Klima-Index der Aufmerksamkeitsökonomie. Denn nur wer so interessant ist, dass seine Sexualität eine Rolle spielt, nur wessen Bettgefährten und Problemzonen das Publikum spionieren will, ist wirklich oben angekommen. Seriöse Menschen werden selten mit diesen Stichworten in Verbindung gebracht, und deswegen sind sie auch ein bisschen zu langweilig, um echte Stars zu sein. Normalos müssen ihren Namen bis zum letzten Buchstaben ausschreiben, und selbst dann erscheint ein Vorschlag nur, wenn man einen berühmten Namensvetter hat. Allein wer in wirklich vielen Köpfen, Herzen und Hosen seiner Mitmenschen eine große Rolle spielt, dem sortiert Google etwas vermeintlich Schlüpfriges zu. Ihr glaubt das nicht? Na los, googelt Eure Lieblinge. Man muss nicht auf die dubiosen Vorschläge eingehen, nicht auf die Suchergebnisse klicken. Das will ja alles keiner wissen.

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