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Comic-Verfilmungen fehlt es an Vielfalt

Aber liegt das wirklich daran, dass das Publikum nur weiße Männer sehen will?
Von Victor Redman
  • superheldinen jetzt
    Photo: thetank / photocase.de, Illustrationen: http://www.freepik.com/free-photos-vectors/cartoon

Im Juni 2017 startete „Wonder Woman“ in den deutschen Kinos und brach prompt Rekorde. Noch ist Gal Gadot als Krieger-Amazone allerdings die einzige Superheldin auf der Leinwand. Und daran wird sich aller Voraussicht nach so schnell nichts ändern. Sowohl Marvel als auch Warner haben zwar bereits zahlreiche Comic-Verfilmungen für die nächsten Jahre angekündigt. Das nächste Solo-Abenteuer einer Heldin soll aber erst 2019 unter dem Titel „Captain Marvel“ anlaufen. Auch ethnische Minderheiten sind in der eigentlich so bunten Welt der Comic-Verfilmungen auffällig unterrepräsentiert: Mit „Black Panther“ bekommt Anfang 2018 zumindest der erste schwarze Marvel-Held ein eigenes Kinoabenteuer – zehn Jahre nach dem Start der erfolgreichen Marvel-Filme. 

 

Im Jahr 2017 tauchen Frauen und Minderheiten vor und auch hinter den Kameras nur selten in tragenden Rollen auf. Wissenschaftler der University of Southern California untersuchten im Rahmen einer Studie 400 Filme und Serien, die zwischen 2014 und 2015 veröffentlicht wurden. Nur ein Drittel der Sprechrollen entfiel dabei auf weibliche Charaktere; ethnische und andere Minderheiten machten kaum mehr als ein Viertel aus. Die Wissenschaftler sprechen angesichts dieser Ergebnisse gar von einer „Epidemie der Unsichtbarkeit“.

 

Natürlich gibt es Filme, in denen man versucht, diese Schieflage auszugleichen. Die neuen „Star Wars“-Filme „Das Erwachen der Macht“ und „Rogue One“ warteten mit starken weiblichen Hauptfiguren auf – allerdings waren die beiden ebenso weiß, wie auch der Löwenanteil der restlichen Besetzung. Paul Feigs „Ghostbusters“-Reboot aus dem Jahr 2016 ging mit vier Geisterjägerinnen an den Start, die eine dümmliche männliche Sexbombe vor übernatürlichen Bedrohungen schützen. Das Publikum konnten allerdings nur die beiden „Star Wars“-Filme überzeugen – die neuen „Ghostbusters“ floppten an den Kinokassen. Die Schuld hierfür sieht der Regisseur einzig und allein beim frauenfeindlich Kinopublikum.

 

Super-Agentin Black Widow war bisher kein eigener Film vergönnt

 

Kostspielige Misserfolge wie dieser dürften auch der Grund dafür sein, dass Vielfalt in Marvels „Avengers“-Filmen sich nur schleppend entwickelt. Nach Iron Man, dem Helden in der High-Tech-Rüstung, und Captain America geht dort dieses Jahr auch Donnergott Thor in die dritte Runde. Ein Mitglied der illustren Helden-Riege wartet allerdings bis heute auf ein Solo-Abenteuer: Super-Agentin Black Widow war bisher kein eigener Film vergönnt – und das, obwohl die mit Hollywood-Star Scarlett Johansson durchaus hochkarätig besetzt ist.

Wer sich fragt, warum eine vielschichtige Figur wie Black Widow keinen Film bekommt, sollte einen Blick auf Marvels Verlagsarm werfen. Die Comics, die hier veröffentlicht werden, dienen seit Jahren als Testballons für potentielle Filmprojekte – und die Verkaufszahlen sprechen leider nicht für mehr Vielfalt. Tatsächlich ist der Marvel-Verlag seit Jahren darum bemüht, sein Angebot zu diversifizieren. Unter dem Titel „A-Force“ ging 2015 sogar ein rein weibliches Superhelden-Team an den Start. Bereits ein Jahr später wurde die Reihe jedoch aufgrund rapide sinkender Verkaufszahlen wieder eingestellt. Andere Projekte mit diversen Charakteren in der Hauptrolle ereilte ein ähnliches Schicksal. „Was wir gehört haben ist, dass die Leute keine Vielfalt mehr wollen“, erklärt David Gabriel, Marvels Vertriebs-Vizepräsident. „Sie wollen keine weiblichen Charaktere mehr sehen. […] Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, aber das sehen wir an den Verkaufszahlen.“

 

Autorin G. Willow Wilson widerspricht diesen Einschätzungen energisch. Sie erfand für den Verlag die muslimische Jungheldin „Ms. Marvel“, die es bereits vier Mal in die Bestseller-Liste der New York Times schaffte. Eine Verfilmung war der Jungheldin bisher allerdings nicht vergönnt.

 

Für den anhaltenden Erfolg ihrer Schöpfung hat Wilson eine einfache Erklärung: Sie durfte mit „Ms. Marvel“ genau die Geschichte erzählen, die sie erzählen wollte – ohne Vorgaben, Erwartungsdruck oder Marketing-Konzept. Und genau diese Geschichte schlug beim Publikum ein. „[Die Serie] beschäftigt sich mit traditionellem Glauben im Kontext sozialer Gerechtigkeit“, schreibt Wilson auf ihrem Blog. „Anscheinend gab es ein bis dahin unentdecktes Publikum mit verschiedensten religiösen Hintergründen, das scharf war auf so eine Geschichte.“

 

Dagegen wirkt die Vielfalt in anderen Marvel-Comics häufig gut gemeint, aber aus Sicht des Publikums schlecht umgesetzt: Captain America ist jetzt Afro-Amerikaner, Thor und Wolverine wurden durch Frauen ersetzt, und der neue Hulk hat asiatische Wurzeln. Ob diese Neubesetzungen von Dauer sein können, bleibt angesichts rückläufiger Verkaufszahlen fraglich. Wilson glaubt nicht, dass es sinnvoll ist, etablierte und beliebte Figuren kurzerhand durch diverse Versionen zu ersetzen. Echte Vielfalt sieht sie darin nicht.  „Vielfalt als Schuldanerkennung funktioniert nicht“, sagt sie. „Das Wort Diversität gehört abgeschafft und ersetzt durch Authentizität und Realismus. Das hier ist keine neue Welt. Es ist die Welt.“

 

„Wenn Minderheiten fürs Marketing gebraucht werden, ist das keine Vielfalt, sondern Marginalisierung“

 

Vor dem selben Problem wie der Marvel-Verlag steht nun auch Hollywood. All zu oft gerät Diversität zum Lippenbekenntnis – oder zum Werbemittel. Für kontroverse Diskussionen sorgte etwa die Ankündigung einer homosexuellen Rolle in der Neuverfilmung von Disneys „Die Schöne und das Biest“. In Russland wurde der Film deswegen sogar erst ab 16 Jahren freigegeben . Zum Kinostart entpuppte die fragliche Rolle sich dann als unbedeutende Nebenfigur, deren mögliche Homosexualität lediglich zart angedeutet wurde. 

 

Thilo Kasper ist Creative Producer für Funk, das junge Angebot von ARD und ZDF. Wenn das Marketing queere Charaktere künstlich in den Vordergrund rückt, obwohl deren sexuelle Orientierung keine tragende Rolle für die Handlung spielt, nennt er das Queer Baiting – hierbei geht es nicht darum, eine queere Geschichte zu erzählen, sondern lediglich darum, ein queeres Publikum anzulocken. „Wenn Minderheiten fürs Marketing gebraucht werden, ist das keine Vielfalt, sondern Marginalisierung“, findet Kasper. Statt Minderheiten auf eine authentische und realistische Art und Weise abzubilden, werden sie auf Klischees reduziert und der Lächerlichkeit preisgegeben.

 

Wie auch Wilson plädiert Kasper für eine selbstverständlichere Form der Repräsentation. „Queere Geschichten mehrheitsfähig zu machen, das sollte unser Anspruch als Produzenten sein“, meint er. Sein Wunsch ist es, Geschichten zu erzählen, in denen queere Charaktere ganz selbstverständlich vorkommen, ohne, dass ihr Queer-Sein notwendigerweise Gegenstand der Handlung ist.

 

Dass Vielfalt durchaus funktionieren kann, zeigen die jüngsten Erfolgsgeschichten: „Moonlight“, das Drama um einen homosexuellen schwarzen Jugendlichen aus einem Armenviertel von Miami, erhielt den Oscar als bester Film des Jahres 2016. „Wonder Woman“ gilt als die bisher stärkste Comic-Verfilmung aus dem Hause Warner. Und G. Willow Wilsons „Ms. Marvel“ gehört weiterhin zu den Fan-Favoriten unter den Comic-Helden. Was sie gemeinsam haben, ist ihre Authentizität – es geht nicht darum, eine schwule Geschichte, eine weibliche Geschichte, oder eine muslimische Geschichte zu erzählen; es geht einfach um die guten Geschichten. Und die funktionieren offenbar mit jeder denkbaren Figur.

 

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