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Wie geht gutes Homeoffice?

Illustration: Federico Delfrati

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Es ist fast Mittag und ich liege noch im Bett. Wäre das ein normaler Arbeitstag, würde ich in der nächsten Stunde so langsam in die Kollegenrunde fragen, ob schon jemand Lust auf Mittagessen hat. Ich hätte bereits ungefähr 20 Mails verschickt, mindestens einer Konferenz beigewohnt und ein Experteninterview zu diesem Text geführt, der wahrscheinlich bereits zur Hälfte fertig wäre. Heute arbeite ich aber von zu Hause aus, so wie viele Menschen es nun tun müssen. Denn während sich das Coronavirus verbreitet, werden die Büros geräumt, um die Ansteckung zu verlangsamen. Was sich allerdings auch verlangsamt, bin ich.

Im Bett liegend habe ich angefangen, diesen Text zu schreiben. Nach dem ersten Absatz da oben habe ich mir ein monströses Frühstück zubereitet (Rührei oder Semmel oder Müsli? Rührei UND Semmel UND Müsli!), ausgiebig geduscht und die Waschmaschine befüllt. Jetzt ist es aber soweit – ich fühle ich mich bereit, vom heimischen Schreibtisch aus so richtig tief in die Materie „Homeoffice“ einzusteigen.

Ich bin ein großer Freund dieses Konzepts: Ich denke an eine dampfende Kaffeetasse neben mir, ein paar beiläufig verfasste Notizen im Moleskine auf meiner Naturhholzschreibtischplatte, zart gestreichelt von der Morgensonne, Leonhard Cohen auf dem Plattenteller. Meine eigentliche Arbeitsaufgabe ist da nur dankbarer Anlass für eine Vielzahl hochangenehmer Rituale, sie erledigt sich in der Zwischenzeit von selbst.

Die wahre Geschichte meiner Homeoffice-Erfahrungen sieht leider anders aus: Die Morgensonne streichelt nicht meine Naturholzschreibtischplatte, sondern einen Haufen Zettel, Kabel und ja, Müll. Um mittlerweile halb eins kann man aber auch nicht mehr wirklich von Morgensonne sprechen. Und die Rituale funktionieren zwar super, von selbst erledigt sich dabei aber leider nichts.

Schon während meines Studiums habe ich nie den richtigen Modus gefunden, um anständig daheim produktiv zu werden. Als absoluter Verachter der studentischen Bibliothekskultur und ihrer ach so sexuell aufgeladenen Stimmung zwischen Handapparat und Prosemikomilitiodozprof-Gebrabbel am Garderobenspind, war ich eigentlich immer auf meinen eigenen Schreibtisch angewiesen. Vor lauter schönen Ritualen blieb meine Lernleistung dort aber meistens auf der Strecke und ich fand mich am Tag vor der Hausarbeitsabgabe doch wieder zwischen den nach Altersheim riechenden Bücherregalen des Politikinstituts wieder.

Während ich mich bei einem sinnlosen Snack in der Küche (habe ich nicht gerade erst gefrühstückt?) der Fragestellungen meiner 30 Hausarbeiten im Studium entsinne, fällt mir Professor Rigotti ein. Er ist Arbeitspsychologe an der Uni Mainz, wir haben uns um halb 2 zum Telefoninterview verabredet, das Thema: Effektiver Arbeiten von daheim. Es ist bereits Viertel nach 1, ich lasse das angebissene Brot liegen und setze mich schnell wieder an die notdürftig von Kabeln und Müll freigeschippte Schreibtischhälfte, um mir noch ein paar Fragen zurechtzulegen, bevor ich zum Handy greife.

 

Wer sich morgens an den Schreibtisch setzt um „jetzt mal zu arbeiten“, kommt nicht weit

„Wichtig beim Homeoffice ist, dass man einen klar definierten Arbeitsplatz hat“, sagt Rigotti gleich zu Beginn. Vom ersten Arbeits-Mailcheck im Bett an den Küchentisch, von dort aufs Sofa, dann erst an den Schreibtisch – laut dem Professor keine gute Idee. Wer dauerhaft von zu Hause arbeitet, brauche einen festen, störungsfreien Ort, der dann eben auch nur für die Arbeit reserviert ist. Mitbewohner, Freunde oder Kinder sollte dabei auch klar gemacht werden, dass man die nächsten Stunden nur in Ausnahmefällen verfügbar ist.

Außerdem wichtig: Der Homeoffice-Arbeiter sollte dieselben Vorschriften beachten, die jeder Arbeitgeber beim Gestalten seiner Büroräume einhalten muss. Der Schreibtischstuhl sollte ergonomisch sein um den Rücken zu schonen, außerdem sollte man den Augen zuliebe den korrekten Abstand zum Bildschirm einhalten (Richtlinie: halber Meter). Ich fühle mich halbwegs ertappt und schiebe den Laptop gleich mal ein paar Zentimeter Richtung Wand.

Was hält wohl Rigotti von meinen Ritualen, die mich daheim konsequent von der Arbeit ablenken? Anstatt meinen eigenen Hang zur Prokrastination zu beichten, erzähle ich ihm lieber ein positives Beispiel: Ein Bekannter, auch er arbeitet von zu Hause aus, spielt seinem Kopf jeden Morgen einen kleinen Streich. Er wacht mit seiner Freundin auf, sie frühstücken zusammen, und wenn sie zur Arbeit gehen muss, geht er mit aus dem Haus. Er kehrt allerdings an der nächsten Ecke beim Bäcker ein, trinkt einen Espresso und geht dann zurück in die Wohnung, um dort seinen Arbeitstag zu beginnen.

Ist diese Selbsttäuschung sinnvoll? „Von Selbsttäuschung würde ich da gar nicht sprechen, das sind einfach Routinen. Wie Zähneputzen oder Mittagessen“, meint Rigotti. Er nennt das „externe Zeitgeber“. Sie könnten helfen, den Arbeitstag trotz des ungeordneten Umfelds im heimischen Wohnzimmer halbwegs zu strukturieren. Ein fester zeitlicher Rhythmus könne so leichter aufrechterhalten werden. Klingt für mich zu schön um wahr zu sein. Ich wende ein, dass genau diese Routinen meinen Arbeitstag daheim eher ruinieren, da ich mich gerne in ihnen verliere.

Nirgends ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit so verschwommen, wie in den eigenen vier Wänden

„Routinen reichen natürlich nicht aus“, meint Rigotti. Ein weiterer wichtiger Faktor seien Ziele. Wer sich morgens an den Schreibtisch setzt um „jetzt mal zu arbeiten“, komme nicht weit. Ein selbst gesetztes Tagesziel sei hilfreich, außerdem auch eine nachträgliche Dokumentation des Erreichten. Wie weit bin ich gestern gekommen? Was steht heute an? Der kritische Blick des Chefs muss zu Hause zum eigenen Blick werden. Allerdings: Irgendwann muss auch Schluss sein. Ein fester Feierabend sei wichtig, um Arbeitstag und Feierabend auseinander zu halten, sagt Rigotti.

Woran ein Homeoffice-Tag nämlich meistens scheitert, ist genau das: Nirgends ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit so verschwommen, wie in den eigenen vier Wänden. Wer sich nicht mit maximalem Ehrgeiz gegen die Ablenkungen und Verlockungen in direkter Reichweite rüstet, hat schlechte Chancen auf einen produktiven Tag. Die gute Nachricht: Alle anderen dürfen sich nach einem erreichten Etappenziel laut Rigotti auch mal mit einem Stück Kuchen oder einer Kaffeepause mit dem Mitbewohner belohnen, solange die Struktur oder die Zielsetzungen nicht darunter leiden. Mit diesen Worten verabschiedet sich der Arbeitspsychologe und wünscht mir viel Erfolg für meinen restlichen Homeoffice-Tag.

Zurück in die Einsamkeit meiner Wohnung geworfen, denke ich über seine Worte nach. Interview geführt, Etappenziel erreicht, da kann man sich ja wohl mal belohnen, vielleicht endlich zu Mittag essen, natürlich nur kurz ...

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde zum ersten Mal am 2. Februar 2017 veröffentlicht und anlässlich der großen Homeoffice-Welle während der Coronakrise aktualisiert.

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