Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Wie beende ich eine Affäre?

Illustration: Federico Delfrati

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Du lernst jemanden kennen, ihr trefft euch mehrmals, schreibt hin und her. Und zwar nicht nur darüber, wann ihr wo das nächste Mal Sex habt, sondern auch über die kleinen Facetten eures Alltags. Und plötzlich, zackbumm, keine Antwort mehr. Der Anruf geht ins Leere. Die Person hat sich aus deinem Leben gestohlen, bevor sie ein fester Teil davon wurde. Ghosting nennt man das, aus dem Nichts heraus den Kontakt vollständig abzubrechen. 

Das ist unfair, feige, gemein und unreif. So darf man andere nicht behandeln. Aber das hier soll kein „Hass auf Ghoster“-Text werden, sondern ein Nachdenken darüber, wie man es besser machen kann. Denn sicher haben sich viele schon mal gefragt: „Mist, wie komme ich da jetzt wieder raus?“ Zumindest erinnere ich mich an diverse Mitbewohnerinnen, die sich verzweifelt auf mein Bett warfen – mit genau dieser Frage. Und dann überlegt man, ob eine schnelle Whatsapp-Nachricht reicht, ob man sich noch mal treffen sollte und wie man die Botschaft am besten verpackt.

Das Schwierige dabei ist, dass man bei einer Affäre etwas beendet, das noch nichts war – nichts Festes, nichts Klares. Wenn man eine Beziehung beendet, dann weiß man: Das muss ich dem oder der anderen persönlich sagen, außer vielleicht, er oder sie befindet sich auf der anderen Seite der Weltkugel und wird aller Voraussicht nach noch eine Weile dort bleiben.

Mit einem „Es ist aus!“ würde man das, was da war, künstlich überhöhen

Wenn man aber noch gar nicht zusammen war, beendet man keine Beziehung, sondern eine Phase, in der man sich näher war als anderen Menschen. Man hat noch nicht darüber gesprochen, was das jetzt gerade ist, man ist dem oder der anderen nichts schuldig. Man hat sich nur ein paar Mal gesehen und vielleicht Interesse bekundet, bevor man es sich aus irgendeinem Grund wieder anders überlegt. Und deshalb kann man auch nicht pathetisch sagen: „Es ist aus!“ Denn dann würde man das, was da war, künstlich überhöhen und das ist irgendwie peinlich. Man bewegt sich da in einem Graubereich.

Dieses peinliche Gefühl kenne ich nur zu gut. Erster Kuss. Mit einem Typen, der Gitarre spielte. Sein Gitarrenkoffer war über und über mit Stickern beklebt. Am nächsten Tag schrieb er: „Hast du Lust, mit zur Bandprobe zu kommen?“ Ich hatte keine Lust. Heute würde ich schreiben: „Sorry, keine Zeit.“ Damals: „Hey, es war schön gestern Abend, aber es fühlt sich nicht ganz richtig an. Lass uns doch lieber befreundet sein.“ So etwas in der Art. Nach einem Kuss. Eine etwas erfahrenere Freundin versuchte noch, mich davon abzuhalten. Vergeblich. Meine sehr viel erfahreneren Eltern, die ich in meiner Hilflosigkeit zu Rate gezogen hatte, ließen mich ins offene Messer laufen. Ich nehme ihnen das heute noch übel.

Diese frühe Prägung hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mich danach meistens für die andere Variante entschied: einfach keine Zeit zu haben. „Ne, sorry, heut passt es mir nicht. Hab grad viel zu tun.“ Wenn man ein paar Mal abgesagt hat, ohne einen Gegenvorschlag zu machen, sollte der andere es verstanden haben.

Meistens funktioniert das auch, hin und wieder gibt es aber auch signalresistente Menschen, die die Hinweise nicht verstehen können oder nicht verstehen wollen. Je öfter sie schreiben, desto stärker fühlt man sich von diesen Menschen in die Enge getrieben. Und natürlich wäre es jetzt unfair, dieses Gefühl des Bedrängtseins am anderen auszulassen. Eigentlich könnte man sich ja geschmeichelt fühlen, weil er oder sie so hartnäckig ist. Bevor man dann gemein wird – weil genervt – ist es besser, zu sagen (oder zu schreiben), dass man sich einfach nicht mehr treffen will.

Wenn schon schriftlich, dann so persönlich wie möglich

Das ist natürlich ein direkterer Schlag ins Gesicht. Vielleicht kann der andere aber besser damit umgehen als damit, ewig hingehalten zu werden oder? Ein Freund von mir sagte einmal, dass das Lesen der Zeile „Ich wünsch dir“ in einer Nachricht stets ein kurzes Erschrecken in ihm triggere. Weil in Zusammenhang mit dieser Zeile zu häufig der Satz „war echt schön, ich wünsch dir alles Gute in deinem Leben, ciao“ stand. Und wenn man so was hört, dann kommen einem diese Worte plötzlich furchtbar beliebig und austauschbar vor. Und so soll sich der andere doch überhaupt nicht fühlen.

An diesem Punkt kommt dann wieder die gute Freundin oder die liebe Mitbewohnerin ins Spiel, mit der man gemeinsam stundenlang über eine möglichst schonende Formulierung für „Das war es“ nachdenkt. Und natürlich gibt es da kein Patentrezept. Außer: Wenn schon schriftlich, dann so persönlich wie möglich. Man hat den anderen immerhin schon so weit kennengelernt, dass man weiß: „Das passt nicht mit uns“. Oft kann man ganz gut einschätzen, wie er oder sie den Korb am liebsten bekommen will, wenn er oder sie schon einen Korb kriegen muss. Nur gar nichts tun und einfach untertauchen – das geht gar nicht!

Dieser Text erschien zuerst am 23.02.2017 und wurde am 19.8.2020 nochmals aktualisiert.

  • teilen
  • schließen