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Handreichung: How to make your own Missy-Magazine

Jetzt liegt am Kiosk ein neues Heft: Missy, das Popkultur-Magazin für schlaue Frauen. Ausgedacht haben es sich Sonja Eismann, Chris Köver und Stefanie Lohaus. Wie aus der Idee ein Heft wurde, beschreibt Stefanie
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1. Die zündende Idee Am Anfang steht natürlich die Idee. Bestenfalls eine, die darüber hinausgeht, einfach nur ein Magazin machen zu wollen, das sich gut verkauft. Denn mal ehrlich: Dinge, die gemacht werden, nur um Geld zu verdienen sind langweilig und herzlos. Aber wenn man für etwas brennt und merkt, dass es fehlt, dann raus damit. Vielleicht bist du MeisterIn der Flohdressur und ärgerst dich, dass diese Kunst in der Öffentlichkeit völlig unterrepräsentiert ist. Oder dich fasziniert das Paarungsverhalten der australischen Nacktnasenwombats oder, oder, oder. Wir vom "Missy Magazine" waren der Meinung, dass in Deutschland eine vernünftige Pop-Zeitschrift für Frauen fehlt. Und da wir nicht darauf warten wollten, dass jemand anderes sie macht, haben wir einfach angefangen. Ganz abwegig konnte die Idee nicht sein, denn Sonja Eismann, Chris Köver und ich hatten sie alle drei – unabhängig voneinander und zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

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Von links nach rechts die Macherinnen von Missy: Stefanie Lohaus, Chris Köver und Sonja Eismann 2. Deine Zielgruppe Hast du eine gute Idee, solltest du als nächstes darüber nachdenken, ob und wie viele andere Menschen es geben könnte, die deine Obsession teilen. Denn jemand soll das Heft ja auch kaufen und lesen. Das ist erstmal schwierig herauszufinden, wenn man kein Geld hat, um ein Marktforschungsinstitut zu beauftragen. Eine kleine Umfrage im erweiterten Bekanntenkreis könnte ein erster Ansatz sein oder du baust dir eine Seite auf einem der sozialen Netzwerkdienste und evaluierst, wie viele „FreundInnen“ du dort begeistern kannst. Geh auf jeden Fall in die Öffentlichkeit, denn erst wenn andere von deiner Idee hören, wirst du merken, ob sie gut ankommt. 3. Von Konzepten, Plänen und Listen Von Beginn an ist es schlau, alles, was dir in Bezug auf deine Zeitschrift einfällt, niederzuschreiben. Gefühlte tausend Mal wirst du später deine Idee anderen Menschen darlegen müssen. Nur wenn es dir gelingt, andere zu überzeugen, dass sich die Welt aufhören wird zu drehen, falls deine Zeitschrift nicht auf den Markt kommen sollte, wirst du weiter kommen. Ein Konzept brauchst du auch, um MitstreiterInnen finden zu können (siehe Punkt 4), Pressemitteilungen verfassen und Anzeigenkunden gewinnen zu können. Später wirst du den Heftinhalt planen, einen Finanz- und Zeitplan erstellen, Adresslisten aufsetzen und deine Abonnenten verwalten. Irgendwann wirst du keine Listen und Konzepte mehr sehen können, aber das Leben ist nun mal keine Kaninchenfarm. 4. Netzwerke, Netzwerke, Netzwerke Unerlässlich sind MitstreiterInnen, FreundInnen oder ähnlich denkende Menschen, die ebenso begeistert von deiner Idee sind wie du und außerdem bereit, ihren Arsch dafür herzugeben. Denn: Eine Zeitschrift wirst du nie alleine machen können. Je nachdem was dir vorschwebt, brauchst du: AutorInnen, GrafikerInnen, FotografInnen, IllustratorInnen, jemanden, der die Anzeigen verkauft, die Webseite betreut, Pressearbeit macht, sich mit Buchhaltung auskennt, und so weiter und so fort. Da du kaum in jedem dieser Bereiche dir wohlgesinnte FreundInnen haben wirst, ist es schlau, sich von Anfang an mit Gleichgesinnten zusammen zu tun. In unserem Fall ging das relativ einfach: Ich kannte Chris, Chris kannte Sonja und zu dritt kennen wir gleich dreimal so viele Menschen. Dabei war es von Vorteil, dass wir selbst in der Branche keine unbeschriebenen Blätter sind. Nur durch diese Netzwerke konnten wir die erste Ausgabe von Missy in sehr kurzer Zeit, nämlich in etwas sechs Monaten, unter die Leute bringen. Hab keine Angst auch wildfremde Menschen anzusprechen! Wenn du findest, dass die Grafiken von Horst-Hugo von Schniephausen-Schnepel genau deiner Vorstellung von ästhetischer Floh-Fotografie entsprechen, ruf ihn einfach an und frag, ob er mitmachen möchte. Vielleicht hat er schon auf deinen Anruf gewartet. 5. Es geht immer nur um das eine: Geld, Geld, Geld Selbst wenn du genügend Leute kennst, die sich gratis für das Projekt hergeben, wirst du immer noch mit einem großen Problem konfrontiert sein: dem Finanziellen. Eine Hochglanz-Zeitschrift zu produzieren, ist ein teures Unterfangen. Das beginnt mit der Anmeldung deiner Marke (noch recht billig), geht weiter mit dem Bier, das während der Produktion getrunken wird (schon teurer) und endet beim Druck (sehr teuer). Und falls du nicht zufällig gerade im Lotto gewonnen hast oder ErbIn eines lukrativen Familienunternehmens bist, musst du schauen, wo es herkommt. Auf der Straße liegt es leider selten. Auch hier gilt: Lass dich nicht beirren. Schau dich um, ob du irgendwo Startkapital heranschaffen kannst. Staatliche Förderung, Stiftungen, MäzenInnen oder ein obskurer Förderpreis, der von einem neuen Internet-Startup ausgelobt wird – das alles sind Optionen. Lass nichts unversucht. Wir haben unser Startkapital bei einem Wettbewerb der Internet-TV-Senders Hobnox gewonnen. Du kannst vielleicht Schokoriegel in der Nachbarschaft verkaufen oder eine befreundete Band ein Benefizkonzert spielen lassen. Auf der nächsten Seite: Jetzt geht es darum, das Ganze in die Tat umzusetzen. Und um die letzten Schritte zur ersten Ausgabe.


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Voila: die erste Ausgabe von Missy. Seit Montag am Kiosk. 6. Die Geister, die sie riefen Nun geht es an die Heftentwicklung und Umsetzung. Dafür brauchst du Kompromissbereitschaft und Sozialkompetenz. Wenn du nicht gerade ein Egozine planst, dann hast du jetzt einen Haufen Leute am Start, die von deiner Idee begeistert sind. Aber abweichende Vorstellungen wird es immer geben, denn einer stellt sich unter dem von dir vorgeschlagenem Grün ein leuchtendes Apfelgrün vor, während der andere an ein dunkles Tannengrün denkt. Wenn es sich nur um solche Nuancen handelt und nicht eine deiner neuen KollegInnen eine Rot-Grün-Schwäche hat, hast du Glück gehabt. Hatten wir bei Missy. Aber es gilt, immer kompromissbereit zu sein und Abweichungen zuzulassen. Vor allem, wenn dein Projekt auf der freiwilligen Mitarbeit der Anderen beruht. Zur Not lieber alles drei Mal diskutieren, bis alle zufrieden sind. Und manchmal sind die Ideen der anderen sogar besser als deine. Soll vorkommen. 7. Wie man Unvorhergesehenes meistert Ihr sitzt an eurem Heft, wurschtelt vor euch hin und glaubt, ihr hättet dank eurer tausend Pläne und Listen alles im Griff. Falsch gedacht. Irgendwas habt ihr garantiert nicht bedacht. Der 3.000 Zeichen lange Artikel, den ihr bei einer AutorIn in Auftrag gegeben habt, kommt an und hat 15.000 Zeichen. Alle Fotos kommen im Druck türkiser als gedacht. Ihr habt euch im Zeitplan komplett verschätzt und müsst nun drei Wochen 16 Stunden am Tag arbeiten. Da hilft nur Folgendes: Nicht die große Katastrophe ausrufen, sondern tief durchatmen, vielleicht ein Bier trinken und eine Zigarette rauchen oder eklig schmeckende Guaranadrinks bereitstellen. Und dann einfach durchziehen. Und wenn etwas wirklich mal schief ght: Das Tolle an einer Zeitschrift ist ja, das sie immer wieder erscheint. Also habt ihr die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. 8. Das Heft unter die Menschen bringen Eigentlich etwas, das ihr schon zwischendurch festlegen solltet, aber der Dramaturgie halber bringe ich es hier erst am Schluss. Irgendwie muss das Magazin unter die Leute kommen. Mit Missy haben wir recht schnell einen professionellen Vertrieb gefunden, der uns an die Bahnhofsbuchhandlung und in Großstädten auch an den Kiosk bringt. Es geht aber auch anders. Man kann sein Heft zum Beispiel selbst über eine Webseite vertreiben, es kostenlos verteilen oder in Läden, von denen man glaubt, dass dort die Zielgruppe einkaufen geht, verkaufen lassen. Wichtig ist, dass ihr euch euren Vertriebsweg früh überlegt, denn ein Kioskvertrieb bedeutet, dass man viel mehr Hefte drucken muss, als wenn man es über das Web selbst vertreibt, was sich wiederum auf die Produktionskosten niederschlägt. 9. Nach dem Heft ist vor dem Heft Es ist vollbracht und du hast Ausgabe #1 erfolgreich unter die Leute gebracht. Bestenfalls hast du es auch geschafft, die Presse auf dich aufmerksam zu machen. Dann hagelt es Lob und Kritik von allen Seiten, von der du dich nicht zu sehr verunsichern lassen solltest. Dein Telefon klingelt im Sekundentakt und obskure lokale Fernsehsender bieten dir telefonisch Werbespots in der Nachtschleife für ganz wenig Geld an. Nun gilt es weiterzumachen und den Fokus nicht zu verlieren. Denn für die nächste Ausgabe brauchst du wieder Ideen, MitstreiterInnen, Pläne, Geld ... ** Auf der Missy-Website erfährst du mehr über das Heft, das am Kiosk für 3,80 Euro bereit liegt. Stefanie Lohaus, Jahrgang 1978, lebt und arbeitet in Hamburg. Sie studierte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg mit den Schwerpunkten Kunst- & Bildwissenschaften und Kulturinformatik. Sie hat als DJ und Radiomoderatorin gearbeitet. Neben der verlegerischen und redaktionellen Tätigkeit bei Missy ist sie Mitglied des Archivs „Kultur & Soziale Bewegung“ und Redakteurin bei der Internet-Plattform "The Thing" in Hamburg.

Text: stefanie-lohaus - Foto: privat

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