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Die Halbmast-Beflaggung des Internets

Nach dem Shitstorm hat sich längst eine weitere Netzgewohnheit herausgebildet: Wenn eine Berühmtheit wie Nelson Mandela stirbt, fegt der #RIPstorm durchs Internet. Diese Halbmastbeflaggung im Netz hat aber weniger mit wahrer Trauer zu tun als mit Angeberei.
christian-helten
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Flagge zeigen reicht nicht. Heute wird auf Facebook massengetrauert.

„Die olle Hilton wieder. Die verwechselt echt Nelson Mandela mit  Martin Luther King jr.! War ja klar, ey!“ So oder so ähnlich dürften die meisten Menschen reagiert haben, die einen peinlichen Tweet von Paris Hilton gelesen haben. Er machte die Runde, kurz nachdem am späten Donnerstagabend die Nachricht vom Tod Nelson Mandelas bekannt geworden war.  

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Die Geschichte stimmte allerdings nicht. Der Tweet stammte gar nicht von Paris Hilton, sondern von einem Account namens @DeletedTweets. Der gibt vor, Tweets zu sammeln, die Prominente abgesetzt und dann gleich wieder gelöscht haben. In Wirklichkeit sind diese Tweets aber nur ausgedacht. Paris Hilton saß im Flugzeug, als Mandelas Tod bekannt wurde, erst nach der Landung äußerte sie sich empört zu ihrer falschen Trauernachricht.  

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Diese Anekdote ist natürlich nur eine Randnotiz zum Tod von Nelson Mandela. Aber sie verdeutlicht sehr gut, wie sehr sich die Reaktionen auf das Ableben von Berühmtheiten verändert haben.  

Sobald jemand gestorben ist, den alle Welt (oder zumindest der größte Teil im Facebook-Freundeskreis) gut kannte (und vor allem: gut fand), greift alle Welt zum Tablet oder zum Smartphone oder zu Maus und Tastatur und äußert ihre Betroffenheit darüber. Binnen Sekunden ist der jeweilige Hashtag – #Mandela, #LouReed #Hildebrandt – in den Twittertrends. Der Name des Verstorbenen taucht in jedem zweiten Facebook-Post auf. Meistens tut er das in der Kombination mit einem "R.I.P.". Deshalb scheint sich dafür langsam aber sicher der treffende Begriff „RIPstorm“ durchzusetzen.  

Diese RIPstorm-Posts sind die Halbmastbeflaggung des Internets: öffentliche Trauerbekundungen, Zeichen der Anteilnahme, die jetzt eben noch auf einem weiteren Kanal stattfinden können, vielleicht sogar stattfinden müssen. Es dürfte nicht leicht sein, ein Staatsoberhaupt zu finden, das nicht zumindest seinen Regierungssprecher einen Trauertweet hat absetzen lassen. Bis Barack Obama über den Twitteraccount des Weißen Hauses ein Statement abgeben ließ, dauerte es nur Minuten.  

RIPstorm-Posts setzen ihre Urheber in eine Beziehung zum Betrauerten. Deswegen enthalten sie immer auch eine Prise Selbstdarstellung. Sie sollen Ausdruck des eigenen Geschmacks sein, Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Oder würde jemand, der „Danke, Dieter Hildebrandt“ postet, sich in ähnlicher Form äußern, wenn heute Mario Barth einen tödlichen Unfall hätte? Wohl kaum. 

Wegen dieser Angeberkomponente des RIPstorms reicht den meisten das bloße „R.I.P.“ längst nicht mehr. Diese einfache Zeile geht unter, sie ist zu unpersönlich, weil sie nicht mehr sagt, als dass jemand Eilmeldungen von Onlinemedien nachplappern kann. RIPstorm-Profis haben deshalb gleich Tiefergehendes parat. Irgendwas, das die Trauer unterstreicht und zeigt, dass man ein echter Fan des Verstorbenen ist (oder ihn mal getroffen hat): das Youtube-Video vom legendären Lou-Reed-Konzert oder der ewigen Hildebrandt- oder Loriot-Fernsehperle, das bewegende Zitat aus einer Mandela-Rede. Für Verfechter der letzten Taktik hat Buzzfeed heute eine Liste mit grafisch aufbereiteten Mandela-Zitaten zusammengestellt, die regelrecht danach schreien, auf Facebook geteilt zu werden.  

All das zeigt, dass der gefälschte Tweet von Paris Hilton eben doch nicht nur eine Randnotiz ist. Man darf ihn nur nicht ausschließlich als Gemeinheit gegenüber einem It-Girl verstehen. Sondern als einen Kommentar zum Phänomen #RIPstorm, als eine Frage an all die Trauernden auf Facebook und Twitter.  

Die Frage lautet: Trauert ihr wirklich - oder gebt ihr schon an?

Text: christian-helten - Foto: rtr

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