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F**k dich, Washington!

Jeff Jarvis macht spontan seinem Ärger Luft und schimpft auf die Politiker in Washington. Was dann geschieht, überrascht ihn selbst.
christian-helten
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Da war eine Menge Wut, und sie musste raus. Jeff Jarvis, Journalismusprofessor in New York und einer der bekanntesten Blogger der USA, saß am Wochenende gerade mit seinem Abendessen vor dem Fernseher und schaute Nachrichten. Er hörte die neuesten Nachrichten aus Washington und ärgerte sich über die Unfähigkeit seiner Volksvertreter, zu einer Lösung für die drohende Zahlungsunfähigkeit der USA zu gelangen. „It pissed me off. I had enough“, erinnert er sich in einem rückblickenden Blogeintrag. Er legte die Gabel weg und tippte folgende 89 Zeichen in die Eingabemaske bei Twitter:

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Es war der Beginn eines Twitter-Tsunamis der Frustration und Enttäuschung. Seine Follower begannen haufenweise, auf Jarvis’ Tweet zu antworten, er ermutigte sie, in einen großen virtuellen Chor einzustimmen und gemeinsam ein lautes „Fuck you, Washington!“ in die Haupstadt zu grölen. Ein Follower schlug vor, das Ganze mit dem Hastag #fuckyouwashington zu versehen. Was dann losbrach, überraschte selbst den Social-Media-Experten Jarvis: „It exploded as I never could have predicted“, schreibt er in seinem Blogeintrag. Zehntausende Twitternutzer machten ihrem eigenen Frust über die Politik Luft, in den USA und auf der ganzen Welt. Demokraten wetterten gegen Republikaner, Republikaner gegen Demokraten. Der Großteil allerdings erregte sich darüber, dass die Abgeordneten es nicht schafften, trotz der unheilvollen Finanzlage des Staats über ihre parteipolitischen Schatten zu springen und aufeinander zuzugehen. Sie schrien der Washingtoner Elite entgegen, sich dafür zu schämen, die Kompromissfähigkeit eines Dreijährigen zu besitzen und die Parteiinteressen vor das Interesse der Bevölkerung zu stellen.

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Schnell verselbstständigte sich der Hashtag und prangerte nicht Dinge an, die in direktem Zusammenhand mit der Zahlungsunfähigkeitsdebatte stehen, sondern so gut wie alles vom Militärengagement in Afghanistan bis zur Frage der Legalisierung von Marihuana. Jarvis stellte fasziniert fest: „#fuckyouwashington is not mine anymore. That is the magic moment for a platform, when its users take it over and make it theirs, doing with it what the creator never imagined.“

Aus einem empörten Tweet beim Abendessen war also eine Art nationale Online-Demo geworden. Blogger und Medien berichteten, manch einer ließ sich schon dazu hinreißen, eine Revolution auszurufen und Vergleiche zu Libyen und Ägypten zu ziehen. Auch Jarvis wird in seiner Nachbetrachtung der Ereignisse ein wenig pathetisch: Was mit seinem Hashtag passiert sei, stärke seinen Glauben an Demokratie und Gesellschaft. Die ganz großen Jubelstürme hingegen relativierte er auch ziemlich deutlich: „Believe me, I'm not overblowing the significance of this weekend's entertainment. All I'm saying is that when I get to hear the true voice of the people – not the voice of government, not the voice of media, not a voice distilled to a number following a stupid question in a poll – I see cause for hope.“

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