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In den Abgrund

Unter dem Hashtag #walkingtoworktoday sammelt ein Designer Fotos von seinem Weg zur Arbeit. Jetzt löste eines der Bilder eine Debatte aus: Es zeigt ein Plakat, das böse Erinnerungen weckt.
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Der Weg in die Arbeit oder in die Uni ist normalerweise jeden Tag derselbe, und er kann einen beizeiten ein bisschen langweilen. Das liegt dann aber auch ein bisschen an einem selbst. Wer nichts entdeckt, hat seine Augen nicht richtig benutzt. Denn es sind täglich andere Menschen unterwegs, in Städten werden neue Plakate geklebt oder Graffiti gemalt, auf dem Land ändern sich mit den Jahreszeiten und dem Wetter die Landschaft, die man durchquert. Und manchmal entdeckt man Dinge, die eigentlich ganz banale Kleinigkeiten sind. Diese kleinen Veränderungen festzuhalten und über das Netz mit anderen zu teilen, ist die Idee hinter dem Hashtag #walkingtoworktoday. Wer mit einem Smartphone ausgestattet ist, kann seine kleine Entdeckung gleich auf Flickr hochladen und mit besagtem Hashtag auf Twitter verlinken. Freunde der normalen Digitalkamera können diesen Prozess in der Arbeit nachholen.

Die Idee stammt von Michael Surtees. Er bezeichnet sich selbst als „multidisziplinären Designer“, lebt und arbeitet in New York und rief dazu auf, die Augen offen zu halten und auf dem Weg zur Arbeit die täglichen Entdeckungen ins Netz zu stellen. Zusätzlich trudeln mit dem Hashtag markierte Fotos auf einer gesonderten Sammelseite seines Blogs ein, wo man sie bequem durchscrollen kann.

Man sieht dort zum Beispiel ein mit einem schadenfreudigen Kommentar versehenes Fotos eines Jaguars, der gerade vom Abschleppwagen geholt wird, oder eindrucksvolles Wolken-Sonnen-Zusammenspiel über einer Stadt. Die meisten Bilder zeigen aber Kleinigkeiten, die man normalerweise im Vorbeigehen übersehen würde. Jetzt aber rufen sie ein Schmunzeln hervor, oder machen einem bewusst, dass es möglich ist, in etwas Alltäglichem etwas Schönes zu entdecken.

Oder sie lösen eine Debatte aus.

Vergangene Woche bemerkte Michael nämlich etwas Ungewöhnliches. Er hatte wie schon so oft auf dem Weg zur Arbeit ein Foto mit einem Tweet versehen und hochgeladen. Ein paar Tage später sah er, dass sehr viel mehr Leute sein Foto auf Flickr angeklickt hatten. Er suchte ein bisschen und stellte fest, dass einige Blogs das Thema aufgegriffen hatten und sich daraus eine Diskussion ergeben hatte.

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Denn das Foto zeigt ein Werbeplakat, das bei manchen unschöne Assoziationen weckt. Zu sehen ist die Silhouette eines Mannes in Anzug und Krawatte, der vor weißem Hintergrund kopfüber in die Tiefe stürzt. Darunter steht „March 25“. Kenner der Serie Mad Men werden sofort erkennen, dass es sich um eine Werbung für die fünfte Staffel handelt, die am 25. März in den USA startet. Die Szene des fallenden Anzugträgers stammt aus dem Vorspann der Serie, auch die Schrift ist eindeutig zuzuordnen.

Wer mit der Erfolgsserie über den Werber Donald Draper nicht so vertraut ist, fühlt sich hier vielleicht eher an ein anderes Bild erinnert. Es wurde am 11. September 2001 von einem AP-Fotografen aufgenommen und zeigt einen Mann, der aus einem der brennenden Twin Towers seinem Tod entgegen stürzt. Es ist unter dem Titel „Falling Man“ berühmt geworden und wurde als eines der einprägsamsten Fotos auch zum 10-Jahrestag vergangenen Herbst wieder häufig abgedruckt. Die Ähnlichkeit zu dem Mad-Men-Poster ist nicht zu leugnen, und gerade ein New Yorker, der den 11. September miterlebt hat, mag das Plakat pietätlos finden.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Werbung für eine Fernsehserie über eine Werbeagentur sich so einen Fehltritt leistet. Falls es überhaupt ein Fehltritt war. Man kann sich schließlich ganz gut vorstellen, wie Don Draper, der Kreativdirektor aus der Mad Men, mit einem Glas Hochprozentigem und einer Zigarette in der Hand in seinem viel zu großen Büro sitzt und den Einfall zu einem schockierenden Plakat hat, mit dem er kalkulierte Empörung auslösen und so Aufmerksamkeit generieren will.


Text: christian-helten - Foto: Michael Surtees / flickr

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