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Eingreifen, nicht danebenstehen!

Diese Menschen handelten, als andere Hilfe brauchten.
Protokolle: Lou Zucker

Aleyna, 28, griff ein, als Betrunkene ihren schwarzen Freund beleidigten.  

  • ubahn
    Illustration: Joanna Mühlbauer

Mein Freund James und ich waren auf dem Heimweg in der Straßenbahn. Der Wagen war sehr voll. James ist schwarz, und eine Frau begann, ihn rassistisch zu beschimpfen. Sie war mit zwei Männern unterwegs, alle drei waren sehr betrunken und aggressiv. James blieb ruhig und ignorierte sie. Aber die Frau hörte nicht auf zu schimpfen, sie sagte extrem beleidigende, rassistische Dinge, so laut, dass alle es hörten. Aber niemand reagierte. Irgendwann meinte ich zu ihr, sie soll die Fresse halten. Sie machte weiter. "Halt die Fresse", wiederholte ich. Da schlug sie mich ins Gesicht. Als James dazwischen ging, spuckte sie ihn an. Die zwei Männer mischten sich ein, es entstand eine Rangelei. Als die Straßenbahn hielt, versuchten wir die drei aus der Bahn zu drängen. Erst jetzt half uns ein anderer Fahrgast, ein junger Mann, der, wie er uns später erzählte, selbst einen Migrationshintergrund hatte. Er schob ein bisschen mit, aus der Deckung heraus, aber das Ziel der Attacke blieb in erster Linie James. Schließlich hatten wir es geschafft, die drei Betrunkenen aus der Bahn zu werfen. James wollte hinterher, aber ich zog ihn zurück, weil er sonst alleine mit denen auf dem Bahnsteig gewesen wäre. Die Türen standen immer noch offen. Die zwei Männer zielten schon mit ihren Bierflaschen auf uns. Ich hob mein Bein, um die Flaschen mit dem Fuß abzuwehren und die Frau trat mir mit aller Kraft zwischen die Beine. 

Endlich gingen die Türen zu. Da sagte plötzlich eine andere Frau, die direkt daneben gestanden und alles mitbekommen haben musste, wir sollten hier nicht so einen Ärger machen, es säßen auch noch andere Leute Bahn. Das war sowohl für James als auch für mich fast noch schlimmer als die Attacke der Betrunkenen. Nach allem, was passiert war und nachdem uns fast niemand geholfen hatte, wurde uns auch noch gesagt, wir sollten uns zurückhalten! Ich kann ja verstehen, dass sie Angst hat, aber hätte sich die ganze Bahn zusammen getan...

 

Wenn ich noch einmal in der gleichen Situation wäre, würde ich das Risiko vorsichtiger abschätzen. Wenn der Angriff körperlich wird, ist es klar, dass ich mich oder die Person, die angegriffen wird, verteidige. Ab dem Zeitpunkt, an dem mich die Frau ins Gesicht geschlagen hatte, habe ich auch gar nicht mehr nachgedacht, sondern nur noch gehandelt. Ich hatte auch wirklich nicht damit gerechnet. Trotzdem: Die drei waren betrunken und aggressiv, sie hatten in der Bahn schon vorher Streit angefangen und hatten Bierflaschen dabei. In so einer Situation würde ich das nächste Mal vielleicht nicht etwas so Provozierendes sagen wie "Halt die Fresse!", sondern eher versuchen, so ruhig zu bleiben wie James. 

 

Amina, 23, vertrieb einen Typen, der ihre Freundin auf der Tanzfläche belästigte: 

  • club
    Illustration: Joanna Mühlbauer

Wenn ich mit Freundinnen tanzen gehe, achten wir eigentlich immer sehr gut aufeinander. Auch an dem Abend im Club waren meine Antennen wachsam und ich hatte ein ungutes Gefühl bei den drei Kerlen hinter uns. Was dann passierte, habe ich nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen, jedenfalls beugte sich meine Freundin plötzlich zu mir und sagte: "Hey Amina, hast du mitbekommen, was der Kerl da gerade gemacht hat? Er hat mich von hinten angetanzt und meine Arme gepackt, sie festgehalten und damit hin und her gewackelt!", erzählte sie. "Ich habe mich losgemacht und ihn angeschnauzt, was ihm einfällt und dass er das lassen soll, aber er hat mich einfach ignoriert."

 

Was genau vorgefallen war, war für mich in dem Moment gar nicht so entscheidend. Für mich zählte nur, dass meine Freundin es offensichtlich als übergriffig empfunden hatte. Also fing ich an, in ihn hinein zu pogen. Ich habe nicht lange darüber nachgedacht, alles was ich wusste, war: ich habe überhaupt keinen Bock, dass dieser Kerl meine Freundin oder irgendwen anders nochmal angeht. Reden hatte ja offensichtlich nicht geholfen und deshalb wollte ihm irgendwie physisch zu verstehen geben, dass er sich hier keinen Raum mehr zu nehmen hat.

 

Wie ein Flummi bin ich dem Typen immer und immer wieder gegen die Schulter gesprungen. Ein bisschen Bedenken hatte ich dabei schon, weil er wirklich sehr groß und breit war und weil sein kleinerer Kumpel dann auch noch anfing, uns zusätzlich zu provozieren und zwischen mir und meiner Freundin herum zu tanzen. Ich dachte kurz: Wird der jetzt sauer? Aber selbst wenn... Ich pogte einfach weiter zu allen Seiten. Für mich war es selbstverständlich, dass die jetzt zu gehen haben. Dem Großen, der meine Freundin angemacht hatte, schien das Ganze auch tatsächlich unangenehm zu werden. Er wich eher zurück und versuchte irgendwann auch, seinen kleineren Kumpel zu besänftigen.

 

Ich glaube, es hat mir geholfen, zu wissen, dass noch mehr Leute da  waren, die wahrscheinlich im Notfall eingegriffen hätten. Obwohl ich es schade fand, dass so wenig Unterstützung von den Umstehenden kam. Nur ganz am Ende meinte eine Frau zu den drei Typen: "Jetzt geht doch endlich mal!". Das haben sie dann nach ein paar Minuten auch getan. Wir haben sie auf der Party nicht mehr gesehen. 

Anastasija, 28, griff ein, als Rentner zwei Frauen rassistisch beleidigten:

  • rentner
    Illustration: Joanna Mühlbauer

Einmal war ich tagsüber mit einer Freundin von mir spazieren. Neben uns auf dem Zebrastreifen gingen zwei Frauen mit langen schwarzen Haaren und Kinderwägen. Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht aus Deutschland kamen. Sie sprachen auch nur wenig Deutsch, wie ich später bemerkt habe. Außerdem war da ein weißes deutsches Paar, das ebenfalls den Zebrastreifen überquerte. Die beiden waren schon älter, so um die 70 oder 80.

 

Falls überhaupt irgendetwas passiert ist, muss es so geringfügig gewesen sein, dass ich es nicht mitbekommen habe. Vielleicht haben die beiden Frauen den älteren Herrn mit ihren Kinderwägen gestreift? Jedenfalls fing der Mann bereits auf dem Zebrastreifen an zu fluchen. Und kaum waren sie auf der anderen Straßenseite angekommen, baute er sich vor den Frauen auf und schrie sie aus vollem Hals an. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber es hatte auf jeden Fall rassistische Untertöne. Es war irgendetwas in die Richtung von "Diese Ausländer können sich hier nicht benehmen". Er war sehr laut und aggressiv und haute mit seinem Schirm leicht gegen die Kinderwägen, während er schrie. 

Meine Freundin und ich waren schon etwas weiter vorne, aber als ich mitbekam, was passierte, drehte ich sofort um und ging zurück. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, es war wie ein Reflex. Sicher hat es auch geholfen, dass ich nicht viel zu befürchten hatte, weil es heller Tag war, weil noch mehr Leute drum herum waren, weil der Mann schon alt war und ich auch nicht schwach bin.

 

Eigentlich habe ich aber immer eingegriffen, wenn ich irgendetwas mitbekommen habe. Zum Beispiel das eine Mal auf Cuba, wo so ein alter weißer Tourist in unserer Unterkunft zwei sehr junge kubanische Mädchen mit in sein Zimmer genommen hat, die bestimmt noch minderjährig waren. Hätte ich die Polizei gerufen, hätte ich vielleicht auch den Mädchen geschadet, aber ich habe dem Mann zumindest sehr deutlich die Meinung gesagt, damit er sich in Zukunft vielleicht nicht ganz so sicher mit sowas fühlt. Es gibt natürlich Situationen, in denen man dabei mehr riskiert, aber dann kann man versuchen, noch andere Leute anzusprechen, damit sie einen unterstützen.

 

Jedenfalls habe ich mich vor den Opa hingestellt und ihn auch richtig angeschrien: "Was erlauben Sie sich, das sind zwei Frauen mit Kindern, ich habe das genau beobachtet, die haben überhaupt nichts getan....!" Ich bin in Russland geboren, aber im Gegensatz zu den Frauen, die angegriffen wurden, spreche ich akzentfrei deutsch und komme auch deutsch rüber. Das habe ich genutzt in der Situation. Ich habe den alten Mann schon ein bisschen eingeschüchtert. Er wurde ganz kleinlaut und hat sich dann verkrümelt. Danach habe mich noch kurz mit den beiden Frauen unterhalten und ich habe ihnen gesagt, dass es mir leid tut, was passiert ist. 

 

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