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"Also 'nur' in Anführungszeichen!"

Manche Sätze hört man häufiger als andere. Regelmäßig stellt unser Autor einen davon vor.
max-scharnigg
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  Das ist der gebräuchlichste von einer ganzen Reihe von Sätzen, in denen die Anführungszeichen neuerdings mitgesprochen werden. Beispielsweise ist er an die Aussage gekoppelt, in Bremen würden Dreizimmerwohnungen nur um die 950 Euro Miete kosten. Nach dieser Feststellung muss man sagen: „Also nur in Anführungszeichen.“ Weil man ja eben keinesfalls den Eindruck erwecken möchte, man könnte sich nicht noch niedrigere Dreizimmer-Mieten vorstellen oder wäre gar ein Vierzimmer-Snob, der 950 Euro Miete für lächerlich empfindet.
 
  Das „nur in Anführungszeichen“ wird auch im Zusammenhang mit Zwillings- im Vergleich zu Drillingsgeburten, mit dem Lernaufwand in unterschiedlichen Prüfungsfächern oder beim Debattieren über den Benzinverbrauch von SUVs gerne benutzt. Das Grundproblem, das diesen Hauptsatz überhaupt erst notwendig macht, ist die Unsichtbarkeit der gesprochenen Sprache. Die Generationen vor uns hat dieser Umstand nicht sonderlich gestört, aber wir haben eine Heidenangst, eines unserer unsichtbaren Worte könnte falsch verstanden werden und deswegen sichern wir uns mit diesem Zu-Satz ab oder zeichnen mit den Händen Anführungsstriche in die Luft. Eigentlich ist das Verständigung für Dummies.

Man möchte mutmaßen, dass diese Sitte mit den Gepflogenheiten des Webs zu tun hat, wo man sich ja ständig in mündlicher Rede unterhält, dies aber notgedrungen meistens schriftlich, in Form von Kommentaren, Botschaften oder Forumseinträgen. Bei diesen Dialogfetzen ist es extrem wichtig, nicht falsch verstanden zu werden, weil man sonst Gefahr läuft den Nachmittag im Auge eines Shitstorms zu verbringen, der einen zum Beispiel ereilt, nur weil man vergessen hat, die Aussage: In Bremen kosten die Dreizimmerwohnungen ja nur 950 Euro!, mit ironischen Strichen, Smileys und „AchtungIronie!“-Buttons zu versehen. Ganze Foren sind schon implodiert, weil ein Nebensatz nicht als Witz oder Unernst gekennzeichnet war und der betreffende User nach Diktat verreiste, während die Foristen sich über seinen Eintrag erst in Rage posteten und schließlich in Grabenkämpfen gegenseitig zerfleischten. Um derartigen Verwicklungen zu entgehen und weiterhin eine unbescholtene Netzexistenz zu führen, gewöhnt man sich am Besten eine wasserdichte Etikettierung an, die jeden im Web abgesonderten Satz begleitet. Die gesetzten Smileys oder „Ironiemodus-Off“- Schilder haben nicht mehr, wie zu Beginn, die Aufgabe zusätzlich zu animieren, sondern sind wie Satzzeichen elementarer Bestandteil der Netzsyntax und das färbt eben auch auf die Sprache ab. Bis jetzt betrifft das zwar nur auf die Anführungszeichen, aber hey: Nur in Anführungszeichen!

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