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Herzensbrecher: Die UV-Schutz-Kinder

Illustration: Lucia Götz

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Dieses sehr spezielle Exemplar eines Herzensbrechers begegnet mir jedes Jahr aufs Neue, wenn ich mich  im Sommer in die Nähe eines Gewässers begebe. Unweigerlich findet sich dort in der Nähe des Nichtschwimmerbeckens mindestens eines dieser bemitleidenswerten Geschöpfe – Kinder, die von ihren Eltern in Burka-ähnliche Gewänder gesteckt wurden. Nicht aus religiösen Gründen, sondern, um sie vor den bösen kurz-, wie langwelligen UV-Strahlen zu schützen, die die Sonne auf die Erde schickt.

Ab 25 Grad im Schatten kommen die kleinen Menschlein da angestolpert - so klein, dass sie noch kein Wörtchen mitzureden haben bei der Wahl ihrer Klamotten. Und das ist ihnen deutlich anzusehen. Sie stecken in ihrem Ganzkörper-Wet-Suit in schreienden Pink- und Blau-Tönen, auf dem Kopf eine Haube mit extra-langem Nackenschutz und auf der Nase eine Sonnenbrille - bevorzugt im schnittigen Oakley-Design und ebenfalls farblich abgestimmt auf das Geschlecht des UV-Geistleins. Richtig abgerundet wird ihr Outfit dann noch mit der Doppel-Sicherung Schwimm-Gürtel und Schwimm-Flügelchen - und einem Liter extra-weißem Zink-Sonnenschutz, der großzügig auf den letzten noch hervorblitzenden Resten Haut und Bekleidung verteilt wurde. 

Nun ist das Freibad an einem heißen Sommertag sowieso schon ein Ort, der reich an optischen Herausforderungen ist. Durch die Enge wird man Zeuge der diversen Körper-Modifikations-Trends aus den vergangenen Jahrzehnten. Man kann Körper in verschiedenen Stadien des Verfalls beobachten, sich Gedanken über die Verfassung einer ganzen Stadt machen und über die neuesten Tattoo-Trends informieren. Komischerweise macht mir aber auch das verblassteste Arschgeweih und die topografisch fragwürdigsten Berg-und-Tal-Schenkel weniger aus als der Anblick dieser kleinen, komplett vermummten Kindlein. Ich glaube, das liegt hauptsächlich an der Wehrlosigkeit der UV-Kinder.

Die Angst und die Übersprungshandlung

Vermutlich haben deren Eltern wie die meisten von uns vor sehr vielen Dingen Angst, die in der Zukunft liegen: dem Tod, dem Terrorismus, dem Klimawandel, dem Zuwachs des Individualverkehrs, der Wertentwicklung ihrer zu erbenden Immobilie im Sauerland. Und vermutlich ist ihnen auch bewusst, dass sie auf die wenigsten dieser potentiell furchteinflößenden Dinge auch nur den geringsten Einfluss haben. Also konzentrieren sie sich in einer Art Übersprungshandlung übermäßig stark auf die ein, zwei Bereiche, die sie tatsächlich ansatzweise steuern können.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass zu viel Sonne ungesund ist. Übermäßiger Einfluss von UV-Strahlen kann Hautkrebs verursachen. Und Sonnenbrand. Und Falten. Und überhaupt. Besonders Kinderhaut, die um einiges dünner ist als die von Erwachsenen, ist Sonnenbrand-gefährdet. Deshalb werden Babys und Kleinkinder bei jeder Gelegenheit dick mit Sonnenschutz eingeschmiert, ob sie wollen oder nicht: Auf Spielplätzen, Camping-Plätzen, am See, am Meer und im Freibad kann man Eltern dabei beobachten, wie sie ganze Sonnencreme-Tuben (immer 50 plus, drunter geht's nicht) auf ihren Kindern ausleeren und kräftig verreiben, während ihr Nachwuchs sich schreiend windet. 

Doch selbst diese umfassenden Schutzvorkehrungen reichen den UV-Panikern unter den Eltern nicht aus. Sie  greifen für den Sonnenschutz ihres Nachwuchses zu weiteren Maßnahmen, um die bösen UV-Strahlen zu blockieren. Denn erst dann können ihre Eltern sicher sein, alles, wirklich ALLES getan zu haben, um ihren Nachwuchs vor der bösen Sonne zu schützen.

Die Botschaft der Eltern: Die Sonne ist böse

Das Gemeine daran ist nicht nur, dass so einem Kind von frühester Kindheit an vermittelt wird, dass die Welt da draußen nur mit extra starken Schutzmaßnahmen zu ertragen ist. Sondern vor allem die optische Diskrepanz zu all den anderen Kindern, die neben den UV-Geistlein im Pool plantschen. Denn neben all den Kindern in Badehose und Badeanzug ist der Kontrast der UV-Geister besonders sichtbar. Und als Außenstehender fragt man sich automatisch, ob es überhaupt noch Spaß macht, in so einer Komplett-Verhüllung ins Wasser zu gehen und was denn eigentlich mit diesen Kindern nicht stimmt. Wobei die Antwort in dem Fall ganz einfach wäre: die Eltern.

Immer wenn ich diese von Kopf bis Fuß verunstalteten kleinen Kinder sehe, wird mir ganz wund ums Herz. Weil diese Ausrüstung doch nur Ausdruck für die Angst der Eltern vor der feindlichen Welt ist.

Ich will mit diesem Text keineswegs ein Plädoyer dafür halten, wieder in die guten alten Zeiten zurückzukehren, als sich die Menschen Teer oder Tiroler Nussöl auf die Gliedmaßen schmierten, um ihre Bräunung zu beschleunigen. Ich will auch niemanden dazu ermuntern, sich einen Spiegel unters Kinn zu halten, damit der Hautkrebs auch an die weniger leicht zugänglichen Stellen kommt.

Trotzdem hoffe ich inständig, dass all die kleinen UV-Gespenster bald dazu in der Lage sein werden, gegen den Sonnenschutz-Wahn ihrer Eltern zu rebellieren. Und dass die im Laufe ihres Elterndaseins akzeptieren können, dass das Leben ein gefährliches und aufregendes Abenteuer mit ungewissem Ausgang ist. Und dass dagegen nichts hilft. Ganz besonders nicht diese beknackten UV-Anzüge.

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