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Was mir das Herz bricht: After-Work-Einkäufer

Kurz vor Ladenschluss im Supermarkt: Ein Mann im gut geschnittenen Anzug mit gelockerter Krawatte kauft ein Glas Bockwürstchen und Pandabären aus Schaumzucker. Die Vorstellung, wie sein Feierabend aussieht, bricht unserem Autoren das Herz.
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Der Supermarkt, davon bin ich überzeugt, versammelt mehr als jeder andere Ort die grundlegenden Empfindungen des modernen Menschen. Die Lust, die Gier. Und die Einsamkeit. In einem Berliner Supermarkt sah ich neulich einen Mann. Sein dunkelblauer Anzug war gut geschnitten, die dezente Krawatte nach einem langen Tag gelockert. Es war schon fast Mitternacht – in Berlin keine ungewöhnliche Zeit zum Einkaufen – als der Anzugträger im Gang mit den Konserven an mir vorbeieilte. Vor der Brust hielt er drei Artikel umklammert: eine Flasche Dunkelbier, ein Glas Bockwürstchen und eine Tüte schwarz-weißer Pandabärenköpfe aus Schaumzucker und Lakritz.  

Ich sah ihm nach, roch den schweren Duft seines Aftershaves, und fragte mich: Pandabären? Was will dieser nach Moschus und Macht duftende Wirtschaftsführer mitten in der Nacht mit Schaumzucker? Kurz wärmte mich ein rührendes Bild: Der Geschäftsmann beugt sich zum Kopfkissen seines schlafenden Kindes, küsst ihm sanft die Wange und legt die lustigen Bärchen neben das Kopfkissen. Ein kleiner Gruß vom Papa.

Dann bot meine Fantasie ein zweites Bild an: der Anzug-Mann im Unterhemd vor dem Fernseher, mit leerem Blick abwechselnd eine Bockwurst und einen Schaumzuckerpanda in seinen Mund schiebend. Ich fürchte, diese Vision ist näher an der Wahrheit. Deshalb bricht jedes Mal mein Herz, wenn ich After-Work-Einkäufer sehe. Man trifft sie kurz vor Ladenschluss, wenn das „Office“ sie nach 14 Arbeitsstunden endlich ausgespuckt hat. Blass und ausgebrannt streichen sie durch die Regalreihen in dem Versuch, ein kleines bisschen Lebensqualität aus einem beschissenen Tag zu quetschen; ein flüchtiges Glück aus Zucker, Fett und künstlichen Geschmacksstoffen.

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Knack!

In ihren Plastik-Tragekörben sammeln sie winzige Einkäufe zusammen, denen man auf den ersten Blick ihre Bestimmung ansieht: einen einzigen Menschen genau einen Abend lang nicht zu ernähren, sondern zu trösten. „Der Schröder hat schon wieder das Sonderlob vom Kunden bekommen? Soll er doch! Dafür habe ich jetzt Mini-Geflügel-Frikadellen mit Käsefüllung“, höre ich sie denken. Oder: „Die Sekretärin wird mich ewig hassen, weil ich sie entlassen musste? Egal! Mit diesen drei Tafeln quadratischer Nussschokolade verstehe ich mich bestens.“  

Auf ihrem Weg zur Kasse bewegen sich After-Work-Einkäufer durch ein grausam zynisches Labyrinth unerfüllbarer Versprechungen. Sie umrunden Pappaufsteller mit Chipswerbung, auf denen lachende Models Partys im Sonnenuntergang feiern. Doch so viele Chipstüten sie auch in ihre Körbchen häufen: Zuhause erwartet sie keine Model-Party. Zuhause warten nur das Sofa und Alarm für Cobra 11.  

Als wäre das nicht schon genug, lauert auf die After-Work-Einkäufer noch die finale Demütigung: das Kassenband. Hier werden sie mit echten, notwendigen, lebensbejahenden Einkäufen anderer Menschen konfrontiert. Vor ihnen das Babyöl und Biogemüse der Bilderbuchfamilie. Hinter ihnen die Fertiggrills, Nackensteaks und Sixpacks der Studentenclique. Und dazwischen, eingepfercht zwischen zwei Warentrennern, eine Fertigpizza und ein halbes Kilo Mousse au Chocolat. Es ist eine Scham, für die es wohl keine Linderung gibt – außer vielleicht im Süßigkeitenregal an der Kasse.

Text: philipp-stute - Illustration: Daniela Rudolf

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