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Hundstage

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Wie ich eines Sommers den "Schwörer-Slang" lernte Eigentlich war es jedes Jahr das Gleiche: Meine Freunde verbrachten ihre Sommerferien auf Gran Canaria, in New York, Tansania oder im Disneyland Paris – und ich blieb zu Hause. Von meinen Geschwistern war immer irgendjemand noch ein Baby, „da ist so ein großer Urlaub einfach zu anstrengend! Wenn ihr allesamt aus dem Gröbsten raus seid, dann verreisen wir richtig!“ So meine Eltern. Aber bevor das passieren konnte, trennten sie sich. Gerichtsverhandlungen und Umzüge stellten jeden Urlaubstraum in den Schatten – und ließen ihn nie mehr heraus. Es war okay: Im Alter von acht bis zwölf Jahren ist Heimaturlaub gut genug. Von morgens bis abends mit den Geschwistern ins Freibad oder an den See, Baumhäuser bauen und Waldschlösser erträumen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Aber dann kam der Sommer 2001 - ich war dreizehn. Und wollte nicht mehr mit „den Kleinen“, spielen. Meine Freunde waren wieder in Italien, Dubai&Co. Wenn sie die Welt schon auswendig kannten – während das einzige Flugzeug, das ich in meinem Leben von innen gesehen hatte, im Deutschen Museum stand – dann war ihr Vorsprung an Lebenserfahrung schon jetzt unaufholbar! In meinem Tagebuch sagte ich der Hoffnung auf eine aussichtsreiche Zukunft „Auf Nie-Wiedersehen!“. Meine Mutter legte mir die Sommerveranstaltungstipps des Jugendzentrums vor. Kindertöpfern, Wasserrutschen-Bauen, Regieworkshop für das Puppentheater. Bei der Lektüre stellte ich mir vor, wie vier einsame Halbwüchsige in einem gelb angemalten Raum standen und „jetzt mal was Schönes bastelten!“. Ein Trauerspiel. Ohne mich! Hin und wieder lag eine Postkarte auf dem Küchentisch. Freundinnen, deren Familien zusammen nach weit weg gefahren waren, schrieben von ihren ersten Flirtversuchen, von exotischen Früchten und bunten Fischen. Ich würde nichts erzählen können, außer, wie schrecklich es war, jeden Tag mit „den Kleinen“ ins Freibad zu müssen. Dort planschte ich herum und fühlte mich stündlich nutzloser. Schließlich freundete ich mich mit den Söhnen des Pommesverkäufers an. Und mit Özgul und Michele aus der Hochhaussiedlung. Worüber sie redeten, war nichts, was meine Eltern gutgeheißen hätten. Und deshalb abenteuerlich. Ich lernte den Schwörer-Slang, schämte mich für meinen bunten Kinder-Bikini und wollte dringend rauchen. In den klammen Draußen-Umkleiden des Bads rief ich eines Abends, kurz vor Schwimmbadschließung, laut „Hhhhhh, Mama kommt!“. Dann hustete ich den stickigen Qualm lange und mühsam aus mir heraus. Ich glaubte, sterben zu müssen. Am nächsten Tag kaufte ich Schulsachen - drei Wochen zu früh. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass die Schule wieder begann. mercedes-lauenstein


Der Sommer meines Pickels Es fing damit an, dass ich einen Pickel auf der Nase hatte. Da war es Anfang Juli. Zwei Wochen später hatte ich den gleichen Pickel immer noch, auf der gleichen Nase. Ich sah ihn mir genauer an. Er war anders als andere Pickel. Irgendwie stabiler, größer. Was tun? Auf der Nase finde ich schon kleine Pickel auffällig, das Ding, wie ich es nannte, war beim besten Willen nicht zu übersehen. Jeden Morgen redete ich mir ein, dass es kleiner geworden wäre. Stimmte nie. Es war Mitte Juli. Bei 35 Grad fuhr ich auf ein Schloss in Mitteldeutschland, weil ich bei einem Preis für Nachwuchsschreiber in die Endrunde gekommen war. Da ging es sehr vornehm zu, aber ich dachte mittlerweile 24 Stunden am Tag nur an den Zuwachs auf meiner ohnehin nicht zierlichen Nase. Dann wurde ich Erster und musste auf die Bühne, Scheinwerfer heizten mein Gesicht auf Kernschmelz-Temperatur. Als ich etwas ins Mikro sagen sollte, schielte ich nur auf meine Nasenspitze. Draußen, in der hellsten aller Mittagssonnen stand ein Lokalfotograf und fotografierte mich. Ich versuchte die Hand oder die Urkunde vor meine Nase zu halten, aber er wies mich an, das zu unterlassen. Es war alles sehr fürchterlich. Dem Ding hatte die Sonne gut getan, es warf einen kleinen Schlagschatten auf meine Wange. Als ob ich eine Sonnenuhr ins Gesicht gepflanzt bekommen hätte. Danach nahm ich Urlaub, die Nasensache war mir zu unangenehm geworden. Ich ging zu einer Hautärztin, die so aussah wie alle Hautärzte die ich kenne: Als würden sie ihre eigenen Sonnenschutz-Regeln nicht kennen. Sie besah das Ding mit Lupe, dann ohne. Wildwucherndes Fleisch, sagte sie und ich musste schlucken. Klang das scheiße! Meine Nase wurde betäubt, sie schnitt daran herum. Das riesige weiße Pflaster das ich danach trug, zog weitaus mehr Aufmerksamkeit auf sich, als das Ding vorher. Wer fragte, dem erzählte ich von einer Prügelei. Nach einer Woche fand ich eine komische Delle unter dem Pflaster. Das Ding war zurückgekehrt und die Hitzewelle dauerte an. Ich zerfloss in Selbstmitleid. Die Hautärztin sagte: Das kommt vor. Wieder alles von vorne. Nach der zweiten Nasen-OP wurde ich im Wartezimmer ohnmächtig. Kein Wunder bei der Hitze, sagte die Arzthelferin später. fabian-fuchs
Weihnachtsstimmung im August In meinen beknacktesten Sommerferien habe ich vom Sommer quasi nichts mitbekommen. Ich stand mit einer dicken Jacke in einer eiskalten dunklen Lagerhalle und habe Weihnachtsdekoration für polnische Supermärkte gebastelt. Auf das Praktikum bei der Dekofirma habe ich mich wochenlang geftreut, aber weil die ruppigen Herren in der Firma nicht wussten, was sie mit „so einem Mädle“ in der Werkstatt anfangen sollten (sie haben einen Praktikanten erwartet), haben sie mich kurzerhand in dieser Halle abgestellt um Plastikchristbäume zu schmücken. Sehr, sehr viele Christbäume. Ich habe mir diese Arbeit mit ca. 30 vom Arbeitsamt vermittelten Muttis und Rentnern geteilt, die mich allesamt für verrückt erklärten weil ich nicht pro fertig dekoriertem Kratzplastik-Baum, Adventskranz oder acht Meter Girlande bezahlt wurde, sondern gar nicht. In den nächsten Wochen haben sich meine geschäftstüchtigen Kollegen dann darum gestritten, wer mich versklaven darf, bzw. wem ich durch mein flinkes Geschmücke den Stundenlohn aufbessere. Am Ende der Ferien war ich kein bisschen braun und auf der Suche nach einem neuen Traumjob. Nur ein Gutes hatte der Sommer: Supermarkt-Lebkuchen im September schocken mich seitdem nicht mehr. katharina-bitzl
Der stille Franzose Zu einer Zeit, als in meiner Familie noch Hoffnungen auf eine akademische Karriere meinerseits existieren, beschlossen meine Eltern, mir einen Vorsprung durch Wissen zu vermitteln in Form eines privat geplanten Sprachen-Austausch in Frankreich. Irgendwelche Freunde von Freunden wurden angeheuert, einen gleichartigen Franzosenmenschen zu besorgen, bei dem ich die Sommerferien verbringen konnte. Der wurde dann auch gefunden – in Gestalt des 16-jährigen Romarin, wohnhaft in einer südfranzösischen Kleinstadt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Auf dem Papier klang das alles für mich 14-jährige pubertätsgeplagte und liebeshungrige Teenagerin nach einer echten Traum-Destination mit Versprechen auf „mehr“. Ich hatte schließlich genug Teenager-Schundromane gelesen, um zu wissen, dass ein Sprachurlaub zwangsläufig in stürmischen Liebesaffären mit heißblütigen und glutäugigen Einheimischen enden musste. Und selbst wenn dieser Romarin nicht unbedingt mein Typ sein würde, bestimmt hatte er zahlreiche Freunde, unter denen das eine oder andere annehmbare Exemplar zu finden sein würde. Ich also: rein in den Zug, Käsebrote verschlungen, warme Apfelschorle-Teemischung von Muttern getrunken, Ewigkeiten gefahren und irgendwann ganz rammdösig in dem südfranzösischen Kaff angekommen. Romarins Familie erwartete mich am Bahnhof: seine kleine, sichtlich gestresste Mutter, der einsilbige Vater, seine zwölfjährige Schwester und Romarin selbst – ein Brille tragender Mickerling mit schlechter Haut und noch viel schlechterer Laune. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es nicht direkt an mir lag, dass Romarin von diesem Tag an bis zu meiner Abreise kein Wort mehr mit mir sprach. Er war vermutlich ein nonverbaler Vorwurf an seine Eltern, die ihm diese Austausch-Misere eingebrockt hatten – in Verbindung mit schwerster Pubertät und Bocklosigkeit, die ihn zu dieser Maßnahme brachten. Für mich waren die nächsten vier Wochen dennoch relativ unschön. Ich wurde zwar täglich mit drei Mahlzeiten versorgt und durfte sogar einmal mit auf dem Motorboot über das Meer brettern. So gesehen ging es mir nicht schlecht. So richtig gut aber auch nicht wirklich. Das kann man vielleicht daran erkennen, dass die Höhepunkte meines vierwöchigen Aufenthalts darin bestanden, mir mit der Austausch-Schwester das Musical „Grease“ auf Video angesehen zu haben – jeden Tag mindestens einmal (sie war Fan). Immerhin: Die Songs kann ich heute noch auswendig. christina-waechter


Die Stunde der Zeitung Ein warmer Sommermorgen. Man ahnt, dass die Sonne bald aufgehen wird. Ich trage einen Stapel Zeitungen durch eine menschenleere Straße, als neben mir ein blauer Papa-Benz bremst und laut hupt. Wenn ein schlechter Sommer sich in einem Moment zusammenfassen lässt, ist es ein schlimmer Sommer. Das Bremsmanöver meiner Klassenkameraden an einem Sommerferien-Samstag um halb fünf in der Früh war genau dieser Moment: Ich war Zeitungsausträger im Ferienjob, die Freunde waren Party-Heimkehrer im vom Vater geborgten Auto. Ich war gerade – und viel zu früh – aufgestanden, die Freunden auf dem Weg ins Bett. Ich war nüchtern und müde, sie das Gegenteil. Schlimm war dieser Sommer nicht, weil ich nicht mit meinen Freunden ausgehen konnte. Schlimm war er, weil ich jeden Morgen gegen vier Uhr aufstehen und Pakete von Papier in den Kofferraum laden musste. Ich liebe Zeitungen, aber in diesem Sommer wurde meine Sympathie auf eine harte Probe gestellt. Jeden Morgen. Die ganzen Ferien lang. Zum Glück sind diese Frühmorgen-Stunden lange vorbei. Geblieben ist mir seit dem allerdings die Unfähigkeit, eine Zeitung ungelesen ins Altpapier zu tragen. Ich muss dabei immer an den übermüdeten Zeitungsboten denken, der ich selber mal war. dirk-vongehlen
Französische Kakerlaken Es sollte der erste Frankreich-Urlaub mit meinen Eltern werden. Ich war 14 und wollte nach 14 Jahren Sommer-Urlaub in Österreich in den schönen Bergen auch endlich mal ans Meer fahren. Meine Mutter hatte sich schon Wochen zuvor eingebettet mit Französisch-Deutsch-Wörterbüchern, „Französisch für die Ferien – pour le vacances“ und „Französisch für Einsteiger“. Während meine Mutter die Bücher studierte, frischte ich mein Schulfranzösisch auf und hoffte, damit wenigstens am Strand beim Eiskaufen zu punkten. Soweit so gut zur Vorbereitung für den coolsten Frankreich-Urlaub mit Mama und Papa. Nach 13 Stunden Fahrt sind wir dann auch irgendwann im Süden Frankreichs angekommen. Dass dieser Ort weniger Montpellier glich oder Lyon fiel mir schon die ersten Minuten dort auf. Nein, Cap d’Agde stellte sich als ein weniger schöner Ort heraus so wie auch unser Hotel. Da half auch die Hoffnung nicht, ein passables Zimmer zu bekommen, nein, schon gleich nach dem Öffnen der Tür entpuppte sich dieser Urlaub als ein ekliges Erlebnis. Kakerlaken an der Wand, Kakerlaken neben der Toilette, ungewischter Boden, 15m“ für 3 Leute etc.pp. Ich versuchte zwar noch kurz einen Luftzug Optimismus aus diesem Zimmer zu erhaschen, aber das war unmöglich. Im Nebenzimmer packten die Gäste ihre Koffer aus, wir packten unsere unausgepackten Koffer unter die Arme, gaben den Schlüssel an der Rezeption wieder ab und fuhren nach Hause. Das einzig gute an diesem Urlaub waren die französischen Hollywood-Kaugummis.

Text: jetzt-redaktion - Fotos: prokop / photocase.com, focus98 / photocase.com

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