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Zauberwürfel und Flummi: Über die Spieldrogen unserer Kindheit

Der Zauberwürfel wird 30 Jahre alt. Er gehört in eine Reihe von Spielzeugen, die immer nur für kurze Zeit Sinn machten. Eine Rückblende mit Flummi, Slimy, Hacky Sack und Co
jetzt-Redaktion

Der Zauberwürfel

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Dieses Monstrum. Meine beiden älteren Brüder hatten es in ihrem Zimmer im Regal stehen und ich wusste erst nicht recht, was dieser bunte Klotz war. Na gut, er war bunt. Deswegen sortierte ich ihn, korrekt, zur Gattung der Spielzeuge. Aber ich war noch ein Kind im besten Sinne und der Zauberwürfel war eigentlich schon ein Spielzeug im erwachsenen Sinne. Er sprach den Kopf und nicht die Imagination an. Ich betrachtete das Ding einen Tag lang und empfand wie für eine Coladose ohne Trinkloch. Ich wollte unbedingt etwas mit dem Würfel machen, hatte aber keine Ahnung, was. Ich nahm den Würfel und reichte ihn meinem ältesten Bruder. Er drehte daran. Das hatte ich aber auch schon gemacht und es war langweilig. Dann wies er mich in die Bastelarbeit ein, die der Klotz einem abverlangte. Man sollte die Teilflächen so drehen, dass auf einer Seite nur eine Farbe zurückblieb. Aha. Ich kratzte zum ersten Mal im Leben meinen Kopf im Angesicht einer Denkarbeit. Mein Bruder gab ihn mir und ich legte ihn wieder ins Regal. Einige Woche später, ich hatte es genau verfolgt, hatten meine Brüder den Spaß an dem Ding verloren. Es setzte leicht Staub an. Ich nahm es ein letztes Mal aus dem Regal und versuchte mich an der farblichen Abstimmung. Ging aber nicht. Ich schaffte es nicht. In jenen Momenten spürte ich wieder dieses Gefühl in mir, das kindlich und erwachsen zugleich war. Die Ungeduld. Ich wollte wissen, was der Würfel wirklich war; nahm einen Hammer und einen Schlitzschraubenzieher, den ich im Spalt zwischen den bunten Teilwürfelchen ansetzte. Dann schlug ich zu und es war kein schlechtes Gefühl. Über den Typ, der drauf hängen blieb Die Geduld, die du dem Zauberwürfel entgegenbringst, lässt eine Aussage darüber zu, für welche Berufe du geeignet bist. Deutschland ist ein Land der Ingenieure. Deutschland ist ein Zauberwürfelland. Darum liegt er heute in der Kiste Weil er kaputt ist. Peter Wagner *** Der Flummi

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Schon lautmalerisch ist so ein kleiner Gummiball ein Ereignis: Flummi, Flummi, Flummi! Word follows function! Auch sonst eine tolle Erfindung: Ein perpetuum Spaßmobile, das immer gleich gut hüpft, nie müde wird und jederzeit maximale Verwirrung stiften kann, wenn man es etwa in ein vollbesetztes Klassenzimmer donnert. Deswegen ist ein Flummi auch ziemlich zeitlos en vogue, wenn man heute einen finden würde, wer könnte sich verkneifen ihn gleich gegen die Wand zu werfen? Wo die Dinger herkamen war genauso unklar wie ihr Verbleib nach einiger Zeit. Kaufte man ihn im Spielzeuggeschäft? Wohl kaum, eher klaute man ihn im Kiosk aus einer Dose, die gleich war wie die Dosen, in denen saure Süßigkeiten lagen. Hatte man ihn oft genug und so hoch wie möglich springen lassen, musste man ihn mit den Fingernägeln anknibbeln und Gummiftzel herausbrechen, so dass altgediente Flummis aussahen wie Kraterlandschaften. Über den Typ, der drauf hängen blieb Schwierig zu sagen. Durch ihr sprunghaftes Wesen eignen sich Flummis nicht gerade für Dauerbeschäftigung. Allerdings gibt es auch noch solche Typen: Darum liegt er heute in der Kiste Dahin kam der Flummi nie. Sein Ende war immer ein Verschwinden im Nirgendwo, hinter Schränken, in Gullys oder in der Schublade im Lehrerzimmer. Max Scharnigg


Das Fingerboard

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Es klackerte und rollte, Papier knickelte und ab und zu zischte wahlweise ein „Scheiße!“ oder ein „Yesss!“ zu uns nach vorne. Anstatt uns Mädchen wie gewohnt mit angeleckten Papierkügelchen zu beschießen, fuchtelte die Skaterhosenfraktion der hintersten Reihe mit den Armen unter der Schulbank herum. In der Pause erforschten wir, was uns da Konkurrenz machte: Fingerboards. Miniaturskateboards. „Dürfen wir auch mal?“, fragten wir. Wir durften. Und es machte tatsächlich Spaß, das kleine Rollbrett über Tisch und Federmäppchen sausen zu lassen. Es erinnerte uns ein bisschen an Barbie’s Inline-Skates und weckte so unseren Spieltrieb. Nach außen hin war es aber vor allem eins: verdammt cool. Es machte uns zu imaginären Skaterbräuten und damit zu Verbündeten unserer angehimmelten Jungs. Über den Typ, der drauf hängen blieb Der Einzelgänger mit der randlosen Brille. Konzentrierte sich in der Schule so auf den Unterricht, dass er den Hype erst bemerkte, als er schon fast wieder vorbei war. Er war von der Frickeligkeit des Miniboards so begeistert, dass er das Hantieren damit während der Sommerferien zu seiner Königsdisziplin machte. Weil sich in seinem näheren Umfeld niemand mehr für sein Können begeisterte, entschied er sich dazu, als Nischentalent groß zu werden. Bei der Fingerboard-Meisterschaft in Schwarzsulzingen an der Dröhne kam er jedes Jahr unter die ersten Drei. Obwohl er heute als Leiter der städtischen Bankfiliale hauptberuflich seriös ist, kann er sich von seinem kleinen Taschenboard nicht trennen. Er zieht es auf dem Heimweg in der S-Bahn oder wahlweise im ärztlichen Wartezimmer aus der Tasche und lässt es gekonnt über Klappmülleimer oder Stuhlkanten schnalzen. Darum liegt’s heute in der Kiste Als der Sommer kam, merkten alle, dass echtes Skaten mehr kickt und rauchen wurde wichtig. Vielleicht stahlen auch die neuen Handyspiele dem kleinen Board die Show. Jedenfalls verschwand das Fingerboard schneller wieder in der Versenkung, als es dort heraus gekommen war. Mercedes Lauenstein *** Der Hacky Sack

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Der kleine Ball wird meist aus Wolle hergestellt, ist wenige Gramm schwer, sparsam im Durchmesser und oft sehr farbenfroh. Man kann ihn fangen, kicken, knautschen, drücken. Und das Gute: Er ist so träge, dass er liegen bleibt, wo man ihn hinwirft. Deshalb taugt er nicht nur für Kinder, sondern auch für das dosierte studentische Fußballspiel zwischen den Pausen in den Pausen. Über den Typ, der drauf hängen blieb Das müsste Ronni sein, der Typ vom Chiemsee Reggae-Summer, der nie zum Fußball wollte und es doch so gut gekonnt hätte. Ronni! You wasted your talent! Darum liegt er in der Kiste Zum Stressabbau trifft man sich irgendwann nimmer im Hof sondern in der Kneipe. Ulrike Schuster


Das Jojo

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Ich glaube Dagmar hieß die Frau aus meiner Klasse, die unsere Schule Jojo-verseucht hat. Sie war groß gewachsen und konnte das Ding einwandfrei nach unten wegrollen lassen. Bei ihr ging das sogar im Sitzen so gut, dass der zweischalige Jojo-Korpus nicht den Boden berühren musste. Dagmar saß schräg links vor mir. Wenn der Lehrer an die Tafel schrieb, jojote sie schnell ein paar Aufzüge rauf und runter. Die Bewegung hatte etwas hypnotisches. An manchen Tagen saß Dagmar sechs Schulstunden lang schräg links vor mir und in diesen Stunden drehten meine Spiegelneuronen ziemlich hohl. Meine Hand begann die Bewegung zu wiederholen, die schon beim Anschauen so angenehm sanft und natürlich wirkte und, ich kann es nicht anders sagen: so menschlich rauf und runter ging! Damals kannte ich Meditation noch nicht, aber ich bin mir auch ohne Googeln sicher, dass sich indische Top-Buddhisten schon ziemlich lange vor Christus einen Wolf jojoten, um nebenbei in Sphäre acht zu kommen. Nach drei Wochen hatte Dagmar alle versaut. Wir kauften Billigjojos, ersetzten sie mit großartigen und gut ausgewuchteten Holzjojos und die Pausen waren ein schönes Auf und ein Ab. Überhaupt war es ein guter Sommer, schon aus körperpädagogischer Sicht. Koordination deluxe, sage ich mal nur. Bis der Hacky Sack kam. Über den Typ, der drauf hängen blieb Dagmar hat nach der Schule die Artistenakademie besucht und tritt heute gemeinsam mit anderen Fahrensleuten in spanischen Dörfern zwecks Zirkus auf. Aber das ist nur eine Vermutung. Darum liegt es heute in der Kiste Verheddert. Peter Wagner *** Der Slimy bzw der Slime

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Im Leben eines fast jeden Jungen gab es eine Zeit, in der man den Ekel entdeckte. Die Anzahl der Jahre war noch einstellig, doch Intelligenz wie Motorik reichten aus, um kleine Geschmacksgrenzen zu übertreten. Pausenbrote wurde versehentlich unter dem Pult drei Wochen lang vergessen, auf dem Schulklo wurde probiert, wer am höchsten pinkeln konnte und einer schnippte immer seine Popel durch die Gegend. Die Mädchen kreischten, doch der kleine Junge spürte bereits, dass diese ablehnende Reaktion des anderen Geschlechts letztlich etwas positives bedeutete: Aufmerksamkeit. In diese Zeit fiel die Begeisterung für den „Slimy“ – einen glibberigen Klumpen, der in seiner Skurrilität irgendwo zwischen Yps, Alf und Tennage Mutant Hero Turtels oszillierte. Der Slimy hatte keinerlei praktische Funktion, er war ganz er selbst, nämlich grüner Schleim. Man konnte ihn gegen die Wand werfen, wo er dann für einige wertvolle Sekunden haften blieb und dann langsam zu Boden tropfte. Man konnte ihn kneten, mit den Fingern darin herumwühlen und ihn sich in die Haare schmieren, aus denen man ihn nie wieder herausbekam. Nach einer Woche war der Slimy voller Fussel und schließlich unbrauchbar. Das war enttäuschend. Ähnlich erging es einer Mutter, die ihren Frust in Form einer Kundenrension auf amazon.de ausdrückt: Ich habe für meinen Sohn(7Jahre) zum Geburtstag einen Slimy bestellt. Wir sind beide total enttäuscht. Erstens wurde uns ein rosa (!) Exemplar geschickt, was ja bei Jungs bekanntlich nicht gut ankommt. Außerdem ist der Slimy viel zu schleimig. Man bekommt ihn schon sehr schlecht aus der Dose und dann überhaupt nicht mehr von den Fingern. Er tropft auf Hose, T-Shirt, Boden und überall hin. Wenn man einmal damit gespielt hat, ist hinterher nur noch die Hälfte übrig, weil alles andere irgendwo klebt! Mein Sohn ist traurig, weil ich ihm schon untersagt habe, das Zeug herauszuholen, damit nicht die ganze Wohnung versaut wird. Ich ärgere mich das ich soviel Geld ausgegeben habe. Über den Typ, der darauf hängen blieb: Warum er mit 27 noch immer keine Freundin hat, weiß er nicht so Recht. Damals klappte es doch auch mit den Mädchen. Sie kreischten immer: Pauli, Pauli, geh weg mit dem Slimy! Das ist so eklig! Aber schließlich luden sie ihn doch ein auf die Geburtstagsfeier. Als dann mit 13, 14 die anderen Jungs eine Freundin hatten, kaufte er sich eine Vogelspinne – die logische Fortsetzung des Slimys, seiner Meinung nach. Brachte doch auch die Spinne Mädchen zum Kreischen. Heute steht in seiner Wohnung ein Terrarium von fünf Quadratmetern mit einer Kreuzotter und sieben exotischen Spinnen. Darum liegt er in der Kiste: Es liegt nicht in der Kiste, denn Mama warf es weg, als der grüne Slimy vor lauter Fussel, Staub und Dreck grau geworden war. „Unhygienisch“, sagte sie. Philipp Mattheis

Text: jetzt-Redaktion - Fotos: amazon.de/Hersteller

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