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"Alles ist: Für uns!" Erwin Wagenhofers Film "We Feed The World"

Ein Dokumentarfilm aus Österreich zeigt in ernüchternden Bildern, wie und wo in der Welt unsere Lebensmittel produziert werden. Er zeigt, wie Menschen trotz Überflussproduktion im gleichen Land hungern und was bei dieser Produktion neben der Menschenwürde, ganz nebenbei, auch verloren geht: Der Geschmack. Ein Interview mit Regisseur Erwin Wagenhofer über seine Fassungslosigkeit in Anbetracht einer globalisierten Lebensmittelproduktion, über den Erfolg des Films und über die Rückkehr zur Einfachheit.
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Am Donnerstag läuft in den deutschen Kinos We feed the world an, ein Dokumentarfilm, in dem sich der österreichische Regisseur und Filmemacher Erwin Wagenhofer auf die Spur unserer Nahrungsmittel macht. Er zeigt, wie in Österreich Mastgeflügel produziert wird, wie in Rumänien die traditionelle Landwirtschaft verdrängt wird, wie in der größten Gewächshauslandschaft der Welt in Andalusien Tomaten gedeihen, wie der Fischfang zur Industrie mutiert und wie der Nestlé-Chef über den Zugang zu Wasser denkt: „Wie jedes andere Lebensmittel sollte es einen Marktwert haben.“ Der Film zeigt, wie unsere Lebensmittel im industriellen Maßstab erzeugt werden – und diese eigentlich einfachen Bilder sind verblüffend. „Der Konsument hat keine Ahnung mehr, wie was funktioniert und wie was gemacht wird“, sagt ein Geflügelzüchter. Was für den Züchter und wohl auch für die meisten Verbraucher zählt, ist allein „Preis und Lieferpünktlichkeit“. Der Geschmack? Egal. Ob in der Produktion von Tomaten, beim Fang von Fischen, beim Mästen von Hühnern: In einer globalen Produktion ist er scheinbar kein Kriterium mehr. Wagenhofer zeigt simple Bilder, zum Beispiel das Leben einer Masthenne von dem Moment, in dem das Kücken durchs Ei bricht bis zu dem Moment, in dem es eingeschweisst und kopf- und krallenlos die Fabrik verlässt. Er zeigt afrikanische Arbeiter, die in den spanischen Gewächshäusern für wenig Geld arbeiten und dementsprechend hausen, die aus Kanistern für Pflanzenschutzmitteln Gitarren gebaut haben. Und immer wieder drängen einen die Bilder seltsam in die Couch. Weil Sie von uns handeln. Diese Bilder gäbe es ohne uns nicht. Es gibt sie, weil wir konsumieren, wie wir konsumieren. Schnell, billig, lieblos. Deshalb: Den Film anschauen. Ist kein Gutmenschenfilm, ist kein böser und auch kein brutaler Film. Nur ein wichtiger.

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Ernst Wagenhofer lebt in Wien und wuchs im ländlichen Amstetten in Österreich auf. Dort beginnt auch sein Film und seine Reise durch die globalisierte Lebensmittelproduktion. Herr Wagenhofer, ihr Film gilt als der erfolgreichste Dokumentarfilm in der österreichischen Geschichte. Ja, es ist brutal. Er läuft jetzt im 7. Monat und es waren schon über 190.000 Besucher drin und jetzt läuft er sogar in Deutschland an. Wie kamen Sie auf die Idee, etwas über den Weg unserer Nahrung zu machen? Ich bin ein politischer Mensch und wollte die Probleme der Globalisierung zeigen – die sind am schönsten an der Lebensmittelindustrie darstellbar. Essen betrifft jeden. Aber ich gebe zu, man könnte den gleichen Film zum Beispiel auch mit Kleidung machen.

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Schlüpfen, Piepen, Fressen, Kopf ab: Mastküken in einem österreichischen Mastbetrieb. Sie zeigen die Produktion und sie spielen mit Vergleichen. Zum Beispiel sagen Sie: In Wien wird täglich soviel nichtverkauftes Brot weggeworfen, wie in der zweitgrößten österreichischen Stadt, nämlich Graz, gegessen wird. Was hat sie am meisten verstört? Naja, man wird im Laufe solcher Dreharbeiten abgebrüht. Aber am intensivsten war der Brasilienteil des Films. Wenn Sie sehen, welche Flächen da schon vom Urwald abgerodet sind, weil dort Soja angebaut wird, eine Eiweißpflanze, mit der bei uns die Tiere gemästet werden – wir sind es, die diese Flächen auffressen! Sie drehten im Bundesstaat Mato Grosso, wo der Großgrundbesitzer Blairo Maggi zum größten Sojaproduzenten mutierte, weil in Europa nach der BSE-Krise kein eiweißhaltiges Tiermehl mehr verfüttert werden darf. Brasilien ist heute das größte sojaexportierende Land der Welt. Und Maggi ist gleichzeitig Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso. Das ist das eine: Die Vermischung von Wirtschaft und Politik. Das Andere ist: In ganz Brasilien hungern 25 Prozent der Bevölkerung, sie hungern in derselben Region, in der Großgrundbesitzer den Soja für unsere Tiere anbauen. Das ist doch absurd! Die meisten von den 850 Millionen Menschen, die auf der Welt zurzeit hungern, hungern in solchen Ländern! In Ländern, in denen es genug zu essen gibt. Mich interessiert, was diese Nahrungsmittelproduktion im Ausland mit uns zu tun hat. Denn: Es hat alles mit uns reichen Mitteleuropäern zu tun. Alles ist: Für uns! Die Fische aus den besten Fischgewässern der Welt in der Bretagne, die Tomaten aus der größten Gewächshausanlage der Welt in Andalusien oder die Produkte des größten Lebensmittelkonzerns, von Nestlé.

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Die EU wird den Fischfang industrialisieren. Das Aus für die kleinen Fischer. Sie haben mit Peter Brabeck gesprochen, dem Chef von Nestlé. Wie war ihr Eindruck von Nestlé? Das ist eine Parallelwelt. Die denken ganz anders wie wir, müssen sie auch, die sind Aktionären verpflichtet und nicht irgendeinem gesunden Gedanken. Das ist das Hauptproblem, das wir im Moment haben: Das Wirtschaftssystem, die Liberalisierung und dann die Privatisierung der Ressourcen. Drückt der Film schiere Hoffnungslosigkeit aus oder ist er eine Aufforderung? Letzteres, denke ich. Wieso Hoffnungslosigkeit? Die Szene mit dem Fischer in Concarneau. Er fischt mit einem kleinen Kutter und „erntet“ dadurch besten Fisch. Nun will die EU den Fischfang industrialisieren. Und Sie zeigen, dass es ein Unterschied ist, ob ein Fisch am gleichen Tag aus dem Wasser kommt oder ob er erst nach 20 Tagen, die ein großer Trawler sein Netz durch das Meer zieht, an Land kommt. Dann wirkt er grau, fast vergammelt. Man hat das Gefühl: Mist, diese Entwicklung ist nie mehr rückgängig zu machen. Insofern: Hoffnungslosigkeit. Ich sehe das so: Das ist ein menschengemachtes System und nicht ein natur- oder gottgemachtes. Und wir können es auch wieder ändern. Freilich, das ist jetzt ein EU-Beschluss mit dem Fisch, aber auch diese Beschlüsse könnten wir wieder ändern. Viele Leute arbeiten daran, aus gegenseitigen Richtungen kommend: Die Attac-Bewegung aus der linken Richtung, die Fairtrade-Bewegung kommt dagegen von den Kirchen, also aus einem ganz einem anderen Eck. Und alle ziehen am gleichen Strang weil sie sehen, das geht einfach so nimmer. Das Ding ist ja: Es wird doch keiner glücklich dabei! Würden wir irrsinnig glücklich werden, und sagen: Ha, super! Alles passt – dann! Aber das stimmt ja gar nicht, das Gegenteil ist der Fall. Wo sind denn die glücklichen Leute? Ist ihr Umgang mit Lebensmitteln anders geworden? Ja. Wobei ich schon immer sehr gerne einfache Sachen beim Essen mochte. Nudeln, gutes Olivenöl drüber, Knoblauch und gut. Die einfachen Sachen schmecken am Besten.

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In Wien wird täglich soviel Brot weggeworfen, wie in Graz konsumiert wird. Zurück zur Einfachheit – ist das auch die Botschaft des Films? Vor der Haustür einkaufen? Bio einkaufen - wenn es auch teurer ist? Ja. Das heißt aber nicht: Nicht genießen. Ich halte es mit Loriot: Ein Leben ohne Genuß ist möglich aber sinnlos. Und Genuß ist keine Frage des „sich leisten können“. Die Idee bei Bioprodukten zum Beispiel ist ja auch die, dass sie, wenn sie wirklich Bio essen, das Leben komplett umstellen. Das ist, wie wenn sie mit dem Rauchen aufhören. Das Geldargument – Bio ist so teuer – stimmt überhaupt nicht. Wenn Sie wirklich ihre Ernährung umstellen, dann leben sie viel billiger, weil sie früher satt sind, weil die Lebensmittel gehaltvoller sind. Wenn Sie aber zu McDonalds gehen, was geben Sie da aus – 10 Euro? Und sind immer noch nicht satt. Welche Reaktionen löst der Film aus? Ich habe 90 Veranstaltungen zu dem Thema hinter mir. Seit dem Filmstart im September 2005 bin ich unterwegs. Es ist unfassbar. Podiumsdiskussionen, Veranstaltungen an Universitäten, schon fünf Uni-Institute haben Seminararbeiten gemacht und ich weiß gar nicht mehr, wie viele Schulen über den Film schon Arbeiten geschrieben haben. Es ist brutal. Aber gut so. Alle Bilder: we-feed-the-world.at

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