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"Argumentieren erzeugt immer nur mehr Hass!"

Leah Bretz ist eine der Betreiberinnen von hatr.org. Im Interview erzählt sie, wie die Seite es schafft, unsere Internetwelt ein kleines Stückchen besser zu machen.
anja-schauberger
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jetzt.de: Also zuerst einmal für die Leute, die es nicht wissen: Was sind Trollkommentare?
Leah Bretz: Trollkommentare sind Kommentare zu Blog- und Online- Artikeln, die nicht zu einer konstruktiven und respektvollen Diskussion über die Inhalte der Artikel führen, sondern fast immer ausschließlich Hass verbreiten. Da ist alles dabei: von sexistischen, rassistischen, homophoben, transphoben Beleidigungen, Gewaltandrohungen bis hin zu platten Phrasen, zum Beispiel, dass mit Feministinnen nicht vernünftig zu diskutieren sei und es sich dabei um eine verbohrte Ideologie handele. 

Wie kam es überhaupt zu der Idee für hatr.org? Wann fing alles an?
Auf dem Gendercamp 2010 haben wir in einer Session über das große Problem der Hass-Kommentare auf queer-feministischen und anderen gesellschaftskritischen Blogs diskutiert. Fast jedes Blog das einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt und sich mit feministischen Themen auseinandersetzt ist mit diesen Kommentaren konfrontiert. Und die sind nicht harmlos, das ist nicht nur harsche Kritik oder Unverständnis, sondern zu großen Teilen werden die Blogbetreiber und Blogbetreiberinnen persönlich aufs Schlimmste beleidigt oder mit Gewalt bedroht. Wir haben überlegt, was wir dagegen tun können, da argumentieren immer nur mehr Hass erzeugt, aber niemals konstruktive Diskussionen mit diesen Kommentatoren entstehen können. Bei unseren Überlegungen erinnerte sich eine Teilnehmerin an die US-amerikanische Seite Monetizing the hate. Diese ist Vorbild von hatr.org. Im letzten Jahr haben wir die Seite über email-Kommunikation und Chats geplant. Offizieller Launch der closed beta war am 1. April diesen Jahres.  

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Und wie bekannt seid ihr mittlerweile?
Schwer zu sagen, da wir gerade noch keine Besucherzahlen sammeln. Die Reaktionen in der feministischen, aber auch darüber hinaus, Blogszene sind aber zahlreich und durchweg positiv. Wir bekommen haufenweise Anfragen von Blogs und Seiten, die einen Account haben wollen und viel Zustimmung für das Projekt an sich von allen Seiten. Nur bei den Trollen sind wir natürlich nicht sehr beliebt, aber das überrascht natürlich nicht.   
 
Wie viele Leute melden sich denn täglich bei euch an?  
Wieviele es täglich sind kann ich nicht genau sagen, aber es wurden 15 Accounts in fünf Tagen angemeldet und es werden jeden Tag mehr.  

Auf eurer Seite steht: "Wir machen aus Hass Geld, das wir für coole Projekte einsetzen werden". Welche Projekte denn?
Das wissen wir noch nicht genau. Wenn es soweit ist, sprich, wenn ein wenig Geld zusammengekommen ist, wollen wir uns mit den teilnehmenden Bloggern gemeinsam beraten, an wen das Geld gehen soll. Grob angedacht sind queer-feministische Projekte, die sich zum Beispiel gegen sexistische, rassistische, homophobe, transphobe Diskriminierung einsetzen und meist nicht viel Geld zur Verfügung haben.  

Was ist das Ziel eurer Seite?  
Es gibt eigentlich mehrere Ziele. Erstens wollen wir auf das Problem des Trollens auf den Blogs aufmerksam machen. Die Blogbetreiber und Blogbetreiberinnen sollen mit den schlimmen Beschimpfungen und Drohungen nicht länger alleine sein. Sich damit auseinanderzusetzen und immer und immer wieder mit den gleichen Fragen, Argumentationen, oder kurz Scheindiskussionen zu verschiedenen Themen konfrontiert zu sein ist zermürbend und oftmals persönlich verletzend. Um spannende und konstruktive Diskussionen auf den Blogs zu wahren und den Hass durch einfaches Löschen nicht nur unsichtbar zu machen und die Wut und Frustration darüber nur herunterzuschlucken, können die Trollkommentare jetzt auf hatr.org verschoben werden, wo sie öffentlich zu sehen sind und subversiv genutzt werden können. 

Aber haben Sie denn das Gefühl, dass die Trollkommentare zurückgehen?
Die Trollkommentare gehen nicht zurück, nein. Ich habe den Eindruck dass sie teilweise immer mehr werden. Nicht nur auf den Blogs, sondern auch unter den Artikeln von Online-Zeitschriften. Von einem Rückgang ist auf keinen Fall zu sprechen, eher vom Gegenteil.

Wie soll es weitergehen mit hatr.org?
Über die Werbung, die auf der Seite geschaltet werden wird und die noch im Aufbau ist, wird pro Klick auf hatr.org ein kleiner Betrag verdient. Außerdem gibt es einen Flattrbutton über den Geld gespendet werden kann. Wenn genug Geld zusammengekommen ist, werden wir uns mit den Blogbetreibern im hatr.org-Netzwerk beraten und mit dem Geld ein tolles Projekt fördern oder es zum Beispiel für Antidiskriminierungsarbeit spenden. Im Moment arbeiten wir also vor allem an der Werbung, die hoffentlich in kurzer Zeit sehr viel mehr werden wird. 

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