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Bei Akademikern ist es besonders schlimm

Mindestens jede dritte Frau in der EU hat schon mal körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Sabine Böhm berät vor allem Frauen bis 25. Für diese Altersgruppe gibt es die wenigsten Unterstützungsangebote. Im Interview räumt sie mit der Vorstellung vom gewalttätigen Hartz-IV-Empfänger auf.
kathrin-hollmer

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hat am Mittwoch die weltweit größte Erhebung über Gewalt gegen Frauen vorgestellt. Dafür wurden 42.000 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren aus 28 EU-Mitgliedsstaaten befragt. Die Studie zeigt: Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen ist in allen EU-Mitgliedsstaaten viel verbreiteter als angenommen: Ein Drittel der Frauen hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, in Deutschland sind es sogar 35 Prozent. Jede fünfte hat Gewalt in der Partnerschaft erlebt. Eine von 20 Frauen ist seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden, und mehr als die Hälfte der Frauen hat irgendeine Form der sexuellen Belästigung erlebt. Nur 15 Prozent der Gewaltopfer sind damit zur Polizei gegangen. (Mehr über die Ergebnisse der Studie bei den Kollegen von Süddeutsche.de)  

Was viele zum Glück nur von den Werbetafeln für Gewalt-Notrufnummern in der U-Bahn kennen, ist für die Beraterinnen beim Frauennotruf Alltag. Wir haben mit Sabine Böhm, 48, gesprochen. Sie ist Traumafachberaterin und Geschäftsführerin des Frauennotruf Nürnberg e.V., einer psychosozialen Beratungsstelle für junge Frauen und Mädchen, die gewaltbetroffen sind oder waren.    

jetzt.de: Frau Böhm, in Deutschland haben 35 Prozent der Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Überrascht Sie so eine Zahl?
Sabine Böhm: Nein. Es ist die Realität, die wir jeden Tag erleben. Vor zehn Jahren gab die Bundesregierung eine große Studie in Auftrag, da war das Ergebnis, dass jede vierte Frau einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt hat. Jetzt sind es sogar noch mehr. Gewalt ist weit verbreitet, aber es wird immer noch sehr stark darüber geschwiegen.  

Warum das?
Die Opfer schämen sich und haben Angst, auch vor Repressalien durch den Partner oder Ex-Partner. Das soziale Umfeld schweigt, weil es das alles nicht wahrhaben will und die Konsequenzen unangenehm wären. Gewalt gegen Frauen wird mit einer Decke verhüllt, viele Frauen und Mädchen tun sich extrem schwer, darüber zu sprechen und in unsere Beratung zu kommen. 70 bis 80 Prozent der Täter kommen aus dem sozialen Umfeld: aus der Familie, dem Freundes- oder Bekanntenkreis. Da ist die Überwindung noch viel größer, genauso wie die Angst, dass einem niemand glaubt. Für junge Frauen ist das besonders schwer. Wenn man jung ist, braucht man noch viel mehr die Zustimmung seines Umfelds.

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Mit welchen Problemen kommen speziell junge Frauen zu Ihnen?
Junge Frauen sind häufiger mit K.-o.-Tropfen konfrontiert. Und es kommen viele, die vergewaltigt worden sind, gerade von Männern, denen sie vertraut haben, von ihren Freunden oder dem Kumpel vom Bruder. Gewalt beginnt aber schon viel früher.  

Das müssen Sie genauer erklären.
In Beziehungen passiert oft zunächst etwas viel Niedrigschwelligeres als körperliche oder sexualisierte Gewalt: Jungs und Männer machen ihre Freundinnen oder Frauen runter und demütigen sie. Sie sagen dann: „Du bist zu fett, die Hose sieht an deiner Freundin viel besser aus, mach mal was mit deinen Haaren!“ Oder sie sagen vor ihr und dem Freundeskreis so etwas wie: „Meine Freundin ist echt zu dumm für alles!“ Das zerstört das Selbstwertgefühl, gerade bei jungen Frauen. Wenn die Gewalt dann körperlicher und heftiger wird, haben die Frauen schon nicht mehr viel Kraft für Gegenwehr. Wir beschäftigen uns deshalb viel mit dem aktuellen Frauenbild und auch mit der Sexualisierung der Gesellschaft.  

Inwiefern führt diese zu Gewalt?
Junge Frauen sind sich sehr unsicher, welche Sexualität sie haben wollen. Sie sehen im Internet, im Fernsehen, in Zeitschriften, dass es anscheinend dazugehört, den Jungs einen runterzuholen und einen zu blasen. Sie überlegen nicht, was ihnen Spaß machen könnte, und sind unsicher, wo sie nein sagen dürfen. Wir wollen vermitteln, dass sie genau das dürfen und sollen. Das ist eine sehr langfristige Aufgabe. Genauso wie wir herausfinden wollen, wo man ansetzen muss, dass es aufhört, dass sich Gewalt meistens durch die Generationen zieht. Oft ist eine Frau mit ihren Kindern im Frauenhaus, und 15 Jahre später landet ihre Tochter mit deren Kindern auch dort.  

Woran liegt das?
Wer in der Kindheit Gewalt erlebt hat, hat ein fünf Mal höheres Risiko, später in seiner eigenen Beziehung und Familie wieder Gewalt zu erfahren. Wir wollen versuchen herauszufinden, woran das liegt, dass sich Frauen dann wieder Partner suchen, die gewalttätig werden. Aber das ist natürlich sehr komplex.  

Warum brauchen junge Frauen eine andere Unterstützung, wenn Sie Gewalt erlebt haben?
Zu uns können alle Frauen kommen, aber wir haben vor drei Jahren angefangen, uns auf sehr junge Frauen zu konzentrieren. Vorher haben wir Frauen ab 18 beraten. Wir haben gemerkt, dass vor allem Mädchen zwischen 14 und 25 eine ganz andere Unterstützung und Beratung brauchen. Die Beratung muss noch viel niedrigschwelliger einsetzen und ansetzen als bei erwachsenen Frauen. Wir müssen an den Orten sein, an denen sich die Mädchen treffen: in der Schule, in Jugendzentren und Jugendtreffs. Wir gehen nicht hin und sagen: So, jetzt melden sich mal alle, die Gewalt erlebt haben. Wir thematisieren das Thema Gewalt, erzählen von Situationen, in die man geraten kann. Wenn sie Vertrauen gefasst haben, kommen sie zu uns in die Beratungsstelle. Von selbst und alleine ist das ein zu großer Schritt. Viele junge Mädchen erzählen bereits in dieser Phase, dass sie hin und wieder von ihrem Freund geschlagen werden – und sagen gleich, dass das nicht so schlimm sei und dass es ihm leid tue. Bei jungen Frauen beobachten wir eine viel größere Ambivalenz, sich wieder „kaufen zu lassen“, mit einem Blumenstrauß, einer Entschuldigung.  

Was sagen Sie dann?
Es wäre kontraproduktiv, wenn wir sagen würden: Ja, was ist das denn für ein Arschloch!? Wir fragen: Wie gehst du damit um, was macht das mit dir? Kannst du dir eine andere Art von Beziehung vorstellen?  

Spezialisieren sich heute mehr Beratungsstellen auf junge Frauen und Mädchen?
Langsam, ja. Da klafft eine Unterstützungslücke, gerade bei sexualisierter Gewalt. Wenn eine Zwölfjährige unter der Dusche von ihrem Sportlehrer angegrapscht wird, ist das ein klassischer Fall von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen, da gibt es einschlägige Einrichtungen. Immer häufiger passiert es, dass eine Zwölfjährige oder ein Zwölfjähriger von Gleichaltrigen massiv sexuell belästigt wird. Da gibt es nichts, wo sich die oder der Jugendliche hinwenden kann. Wir wollen da Vorreiter sein.

Laut der Studie holt sich nur ein Bruchteil der Opfer Hilfe. Was hält junge Betroffene davon ab?
Die höchste Hürde ist, dass sie nicht wissen, dass es Beratungsangebote gibt. Auch in der Psychiatrie wird zum Beispiel ganz selten über Gewalt oder sexualisierte Gewalt gesprochen. Das zweite Problem ist, dass sie das, was sie an Gewalt und Übergriffen erleben, als Teil ihres Alltags empfinden. Und da ist natürlich die Scham. Gerade sehr junge Frauen finden manchmal keine Worte, um zu beschreiben, was ihnen passiert ist, wie es ihnen in einer Situation ging. Ich höre in der Beratung oft: „Voll blöd gelaufen, drei Typen aus der Clique haben mich vergewaltigt. Das langweilt mich halt.“  

Wie bitte?
Hinter diesem Satz verbirgt sich alles mögliche: von „das nervt mich“ bis hin zu „das verletzt mich ganz grauenvoll, aber ich kann nichts dagegen tun“. Mein Job ist dann herauszufinden, welche Unterstützung sie sich selbst vorstellen kann. Da hilft das psychotherapeutische „Oh Gott und wie geht’s dir und was ist besonders schlimm?“ nichts.  

Viele haben Angst, in eine Beratungsstelle zu gehen, weil sie nicht wissen, was sie erwartet.
Die Vorstellung ist immer, dass es wie beim Arzt ist, und wir sagen, was die Betroffenen tun müssen. Und wenn es um Gewalt in der Beziehung geht, dass wir sagen, sie müssen sofort Schluss machen.  

Das sagen Sie nicht?
Wir wollen auf keinen Fall zusätzlich Druck aufbauen. Wenn eine Frau sagt, dass sie keine Möglichkeit sieht, ihn zu verlassen, nicht nur, weil er das Geld verdient, sondern weil sie ihn immer noch liebt, dann versuche ich, mit ihr zusammen ihre Situation zu verbessern: Wie merkt sie schneller, wenn er wieder in eine Stimmung kommt, in der er schlägt? Hat sie Eltern, zu denen sie dann gehen kann? Es geht immer darum, was sie will. Wenn wir aber die Situation so einschätzen, dass Lebensgefahr besteht, dann müssen wir handeln, dazu sind wir strafrechtlich verpflichtet. Genauso, wenn wir von einer Klientin annehmen müssen, dass sie versucht sich umzubringen. Dann müssen wir die Polizei rufen. Bei uns muss man auch nicht erzählen, was einem passiert ist. Wir können auch damit arbeiten, wenn jemand sagt: „Da war was, seitdem habe ich Schlafstörungen, aber ich will nicht darüber sprechen.“ Dann sehen wir, wie wir das mit den Schlafstörungen hinkriegen. Aber jede kann alles erzählen. Wir halten schlimme Geschichten aus, dafür sind wir ausgebildet worden.  

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                                     Sabine Böhm

Kommen die Täter und Opfer denn aus allen sozialen Schichten?
Ja, nur die Aufmerksamkeit richtet sich fast nur auf soziale Unterschichten, weil die häufiger schon an soziale Institutionen angedockt sind, die kriegen HartzIV oder Erziehungsbeihilfe. In Akademikerhaushalten, in denen beide Partner einen akademischen Abschluss haben, ist das Risiko häuslicher Gewalt sehr viel höher ist als in jeder anderen Gruppe.  

Warum?
Vielleicht, weil der Mann sich nicht so stark, nicht als der Ernährer fühlt. Das ist auch der Bereich, in dem so etwas am allermeisten totgeschwiegen wird. Auch, weil solche Frauen niemals in ein Frauenhaus gehen würden. Unter Akademikern kommt Gewalt auf keinen Fall seltener vor, sie ist nur sehr viel besser verschleiert. Und in allen Schichten geben sich die Frauen die Schuld.  

Warum ist das so?
Frauen geben sich für alles die Schuld. Wir haben immer wieder Frauen bei uns, die krasse Geschichten erzählen, und die sich entschuldigen, weil sie unsere Zeit vergeuden und ihnen noch nichts wirklich schlimmes passiert ist. Vielleicht kriegen sie die Schuld auch vom Täter zugeteilt. Frauen entwickeln auch oft Erklärungsmuster wie: Wenn ich jetzt noch ein bisschen besser werde, dann schlägt er mich nicht mehr. Frauen bekommen auch von ihrem Umfeld, von ihren Müttern oder Vätern, von Schwestern die Schuld zugeschoben. Das ist auch bei Vergewaltigungen so. Und auch kleine missbrauchte Jungs übernehmen die Schuld vom Täter.    

Wie ist es mit Jungs und jungen Männern, die Gewalt erleben?
Die erleben statistisch sehr viel mehr Gewalt als junge Frauen, aber sie erleben sie meistens in dieser typischen Rauferei-auf-dem-Schulhof-Situation. Das Leben von Männern ist sehr viel gewalthaltiger als das von Frauen. Natürlich erleben Jungs und junge Männer alles von Schlagen bis zur Vergewaltigung, und auch Männer werden in Beziehungen geschlagen, von der Partnerin oder dem Partner. Sexuell missbraucht werden im Durchschnitt vier von 100 Jungs. Zum Vergleich: Das gleiche passiert neun bis zwölf von 100 Mädchen. Bei Jungs und Männern ist das ein unendlich riesiges Tabu, sie schämen sich noch mehr das zu sagen. Leider gibt es sehr viel weniger Beratungsstellen für Jungs und Männer. Da muss jemand anfangen, es war auch bei den Beratungsstellen für Frauen ein langer Weg. In den Achtzigern hat man noch darüber gesagt, das sind nur hysterische Weiber, völlige Übertreibung. Das wird nur langsam besser.

Wenn du Hilfe brauchst:
Beratungsstellen für Gewaltopfer - weibliche und männliche - gibt es in jeder Stadt. Sie sind ein guter Ansprechpartner für alle Situationen, in denen man sich psychisch, körperlich oder sexuell verletzt fühlt. Dort ruft man an oder schreibt eine Email und macht einen Termin aus. Im ersten Gespräch spricht die oder der Betroffene darüber, warum sie oder er hier ist. Man kann nur ein einziges Mal zur Beratung gehen, mehrere Termine vereinbaren oder immer anrufen, wenn man Probleme hat. Zum Termin kann man jemanden mitbringen, dem man vertraut. Beratungsstellen vermitteln auch Selbstverteidigungskurse oder begleiten einen bei einer Anzeige.  
Wenn man mitbekommt, dass eine Freundin oder ein Freund in Gefahr ist, rät Sabine Böhm: „Das Wichtigste ist, dass man da ist und keine Vorwürfe macht. Am besten sagt man: ‚Ich bin an deiner Seite, ich glaube dir’, und fragt: ‚Was möchtest du jetzt machen? Es gibt Stellen, da kann man sich beraten lassen. Da geh ich mit dir hin, aber nur wenn du magst.’ Wenn sie oder er reden will, ist es okay, wenn nicht, auch. Wir bieten auch Beratung für Bezugspersonen an, für Freundinnen und Familie. Die brauchen auch Unterstützung. Auf keinen Fall sollte man so etwas sagen wie: ‚Den müssen wir jetzt anzeigen!’ Eine Anzeige gegen den Willen der oder des Betroffenen kann noch schlimmer sein als die eigentliche Vergewaltigung. Das ist eine große Anstrengung, man wird zum Teil mehrere Stunden verhört, und oft verfolgt die Staatsanwaltschaft den Fall nicht weiter, weil es zu wenig Beweise gibt.“

Unter der kostenlosen Nummer des Hilfetelefons - 08000 116 016 - bekommen Betroffene bundesweit und 24 Stunden am Tag Unterstützung.

Text: kathrin-hollmer - Foto: inkje / photocase.com

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