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Berlin ist einfach mehr Musik

"I Make Noise" schreibt Simina Grigoriu auf ihrer Facebook-Seite. Der sorgsam produzierte Lärm der Wahl-Berlinerin und Ehefrau von Paul Kalkbrenner sorgt zunehmend und clubübergreifend für Furore. Im Interview spricht sie über ihre Heimatstadt Toronto und ihr Debütalbum "Exit City".
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Simina, du bist in Rumänien geboren, aber in Toronto aufgewachsen, richtig?
Simina Grigoriu: Ja, ich bin in Bukarest geboren. Als ich drei Jahre alt war, sind meine Eltern dann wegen des Ceaucescu-Regimes nach Toronto geflüchtet. Insofern verbinde das Beste aus beiden Welten in mir.
 
Hast du Eigenschaften, die du auf deine verschiedenen kulturellen Wurzeln zurückführst?
Eigentlich nicht. Ich bin seit jeher ein Großstadtkind gewesen, und dort kommen so viele unterschiedliche Einflüsse zusammen, dass man das nur schwerlich auseinanderklamüsern kann. Nimm doch nur mal die Deutschen, denen man nachsagt, sehr diszipliniert und pünktlich zu sein. Das mag generell zutreffen, aber nicht in Berlin. Hier kommt jeder zu spät.

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Hat mehr zu bieten als ein hübsches Gesicht: Simina Grigoriu
 
Hast du dich schon immer für Musik interessiert?
Ja. Als Kind war ich in der Musikschule, habe dann in der Highschool angefangen zu rappen und bin danach Raver geworden. Weil ich in Clubs hinter der Bar gearbeitet habe, kam dann irgendwann das Interesse am Auflegen – so ging es los.
 
Was hat dich an der Rave-Szene fasziniert?
Die Rave-Parties in den 90er-Jahren haben mir eine komplett neue Welt aufgezeigt. Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal als Tourist in Berliner Clubs unterwegs war. Das war ein vollkommen neues Universum für mich. Als ich dann nach Kanada zurückkam, hatte ich diese ganzen neuen Ideen und Einflüsse im Gepäck und versucht, einige davon auch in Toronto umzusetzen.

Also gibt es große Unterschied zwischen den Elektro-Szenen in Toronto und Berlin?
Berlin ist einfach größer – in jeglicher Hinsicht. Es gibt mehr Clubs, es gibt mehr DJs, es gibt mehr Partys, es gibt mehr Musik. Was in Berlin kommerziell ist, ist in Toronto noch tiefster Underground. Die haben da drüben einfach nicht so viel. Dafür freuen die sich aber umso mehr über jeden einzelnen DJ, der sich mal nach Toronto verirrt.
 
Die Leute sind dort also euphorischer?
Auf jeden Fall! In Berlin gehe ich manchmal auch schlafen, wenn meine Lieblings-DJs auflegen, weil ich weiß, dass sie in zwei Monaten eh wieder hier spielen. In Toronto würde mir das nicht passieren. Da bekommst du deinen Arsch hoch, weil du nicht weißt, ob diese Chance noch einmal kommen wird. Man ist in Berlin einfach verwöhnt. Wie ein Kind, das jedes Spielzeug hat, dass es sich wünscht.
 
Im Netz stand irgendwo über dich: „Simina Grigoriu: Wird diese Granate Deutschlands neue Techno-Königin?“ Was geht in dir vor, wenn du so etwas über dich liest?
Ich bin knallrot geworden, als ich das entdeckt habe. Denn ich habe noch sehr viel Arbeit vor mir, bis ich diesen Titel verdient habe.
 
Fühlst du dich da nicht auf dein Äußeres reduziert?
Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sehe ich das durchaus als Kompliment, aber dein Aussehen darf natürlich nicht das einzige sein, das du zu bieten hast. Gerade deshalb führen solche Aussagen aber dazu, dass ich noch härter an mir arbeite, weil ich den Leuten natürlich beweisen will, dass ich auch musikalisch etwas auf dem Kasten habe. Deshalb steht auf der Rückseite meines Albums auch in großen Lettern zu lesen: „All Tracks written and produced by Simina Grigoriu.“ Nicht mein Mann Paul Kalkbrenner, keine Kollegen im Studio, sondern ich habe dieses Album geschaffen. Ich hoffe einfach, dass die Leute in der Lage sind, mehr in mir zu sehen als nur ein hübsches Gesicht.
      
Meinst du denn, du würdest genauso viele Bookings und Presseanfragen bekommen, wenn du weniger dem gängigen Schönheitsideal entsprächest?
Nein. Natürlich hat das auch mit meinem Aussehen und Auftreten zu tun. Was soll ich sagen: Das ist eben eine fake industry, in der ich arbeite. Und es gibt durchaus auch Tage, an denen ich mir wünschte, mit einer Papiertüte auf dem Kopf auflegen zu können. Auf der anderen Seite gibt es aber auch haufenweise Frauen, die es viel schlechter erwischt haben als ich. Frauen, die oben ohne auflegen, und denen man die ganze Zeit nicht in die Augen, sondern bloß auf die Titten starrt. Insofern schlage ich mich noch recht gut, glaube ich.
 
Wie viele Interviews hast du bisher in etwa gegeben?
Ein paar.

Und in wie vielen davon ging es neben deiner Musik auch um deine Weiblichkeit?
In allen.

Woran liegt das denn? Bei Männern interessiert das in der Regel niemanden.
Eine berechtigte Frage. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass ein Typ mal danach gefragt wurde, wie es sich anfühlt, einen Penis zu haben. Aber das fängt ja bereits damit an, dass man als weiblicher DJ häufig DJane genannt wird. Ich hasse dieses Wort. Warum soll man den Leuten denn bereits Auskunft über das Geschlecht des DJs erteilen, bevor sie überhaupt nur einen Ton gehört haben?
 
Du hast also auch keine Antwort darauf?
Ach, das ist nun mal das Spiel der Medien. Die wollen eben wissen, wie es ist, ein weiblicher DJ zu sein. Die wollen wissen, wieso und mit wem ich liiert bin. Aber ich komme damit klar. Und wenn ich mal wieder über dieses Medien-Ding verzweifle, dann habe ich immer noch meinen Mann an meiner Seite, der mich wieder beruhigt und auf den Boden zurück holt.
 
Du hast es gerade selbst angesprochen: Du bist mit Paul Kalkbrenner zusammen. Wo habt ihr euch kennen gelernt?
In Toronto, über einen guten gemeinsamen Freund. Dieser Freund hat Paul eines Tages mit zu mir nach Hause gebracht, als die gerade Promotion gemacht haben für ihren Film „Berlin Calling“. Und ich muss sagen: Ich danke Gott heute noch dafür, dass ich Paul kennengelernt habe, bevor der ganze Rummel um ihn und den Film losging. Wir glauben beide, dass wir uns nicht hätten leiden können, wenn wir uns jetzt erst kennengelernt hätten.
 
Wie kommt ihr darauf?
Ich glaube, wir hätten beide zu große Egos gehabt – oder zumindest hätte der jeweils andere das vom anderen gedacht. Insofern bin ich wirklich froh, dass er damals noch nicht der Superstar war, der er heute ist.
 
Und wann bist du ihm dann nach Berlin gefolgt?
Einen Monat, nachdem ich ihn kennengelernt habe – im Sommer 2008. Ich wusste einfach, in ihm den Richtigen gefunden zu haben. Jetzt steht die Hochzeitsfeier an.
 
Wie muss man sich die musikalische Untermalung bei einer Hochzeit zweier Techno-Musiker vorstellen? Da wird ja sicherlich kein Walzer laufen, oder?
Ich dachte eigentlich an irgendetwas von Frank Sinatra oder John Coltrane. Oldschool-Stuff. Und im Laufe des Abends dann vielleicht ein paar 80er-Hits von Bands wie Alphaville oder so. Das ist eben eine Familienfeier. Daraus werden wir bestimmt keine Techno-Party machen.

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