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Das Chamäleon der Medizin

Die Syphilis ist zurück - dabei war sie eigentlich nie weg. Viviane Bremer vom Robert Koch-Institut verrät, warum die Aufklärung über Geschlechtskrankheiten nicht nur AIDS zum Thema machen darf.
kathrin-hollmer

Im Bewusstsein vieler haben AIDS und andere sexuell übertragbare Krankheiten ihre Bedrohlichkeit verloren. Nun ist mit Syphilis eine zurückgehkehrt, die man eigentlich für überwunden gehalten hat. Vor allem in Großstädten wie Berlin und Köln wurden 2011 22 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr verzeichnet. Wir haben mit Viviane Bremer, Syphilis-Expertin am Robert Koch-Institut in Berlin, über Symptome und Heilungschancen der "Lustseuche" sowie den Zusammenhang mit HIV gesprochen.

jetzt.de: 3700 neue Fälle von Syphilis hat das Robert Koch-Institut im vergangenen Jahr verzeichnet, einer Krankheit, die man, fast wie die Pest, für überwunden hielt. War sie eigentlich je weg?
Viviane Bremer: In den vergangenen Jahrzehnten war sie immer da, aber sehr schwankend, weshalb viele gar nicht an diese Gefahr denken. Besonders viele Fälle von Syphilis gab es in den Sechzigern wegen der sexuellen Revolution. In den Achtzigern nach dem AIDS-Schock ging die Zahl der Syphilis-Erkrankungen stark zurück. Doch in den vergangenen zehn Jahren hat AIDS im Bewusstsein vieler seine Bedrohlichkeit verloren, die Leute schützen sich nicht mehr so konsequent. 2011 haben die Syphilis-Fälle wieder das Niveau von 1986 erreicht, was sehr beunruhigend ist.

Ist die Sorglosigkeit beim Sex der Grund für den plötzlichen Anstieg?
Grundsätzlich ist eine gewisse Sorglosigkeit schon ein Grund für so einen Anstieg. In unseren Erhebungen haben wir festgestellt, dass 93 Prozent der Betroffenen Männer sind, ein großer Teil davon ist homosexuell. Wir gehen davon aus, dass der Motor dieser Entwicklung schwule Männer sind. HIV ist heutzutage dank sehr guter Therapiemöglichkeiten nicht mehr so bedrohlich wie vor zehn Jahren. Das führt dazu, dass sich bei manchen eine gewisse Sorglosigkeit eingeschlichen hat. Ob sich allerdings von 2010 auf 2011 das Verhalten so schnell geändert hat, dass ein Anstieg von 22 Prozent zustande kommt, glaube ich weniger.  

Wie wurden Sie auf den Anstieg der Syphilis-Fälle aufmerksam?
Es gibt eine gesetzliche Meldepflicht bei Syphilis. Labore, die Syphilis nachweisen, müssen das dem Robert Koch-Institut melden. Die Ärzte müssen uns bestimmte Angaben weitergeben. Das Alter des Patienten, welche Symptome auftreten, ob die Syphilis in einer hetero- oder homosexuellen Beziehung übertragen worden ist, ob der Infizierte aus Deutschland oder dem Ausland kommt und wo er sich ansteckt hat. Das passiert anonym, keiner taucht bei uns mit Namen auf.  

Ist eine bestimmte Altersgruppe besonders betroffen?
Bei sexuell übertragbaren Krankheiten denkt man schnell, das sind die jungen Leute, aber ältere ab 50 sind genauso betroffen. Der Anstieg ist in allen Altersklassen zu spüren, am höchsten war er aber bei Männern zwischen 20 und 24 sowie zwischen 25 und 49. Bei Frauen gibt es einen kleinen Anstieg bei den 20- bis 24-Jährigen.  

Wie kann man sich anstecken?
Der Hauptübertragungsweg ist Sex – und zwar in allen Formen. Es gibt noch eine kleine Wahrscheinlichkeit, sich beim Küssen anzustecken. Das Geschwür, das man in der frühen Phase der Syphilis hat und oft nicht erkennt, kann man am Penis oder auch in der Schleimhaut der Scheide, aber auch im Mund haben. Die Flüssigkeit, die daraus hervortritt, ist sehr ansteckend! Die Wahrscheinlichkeit, sich beim Küssen anzustecken, ist allerdings sehr gering.  

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Wie sicher schützen Kondome beim Sex?
Die schützen schon ziemlich gut – wenn man sie konsequent benutzt. Oft verwendet man zum Beispiel beim Oralsex keins, da kann man sich aber genauso schnell anstecken. Allerdings kann man das Geschwür auch am Schambein haben, da schützt das Kondom natürlich nicht. Grundsätzlich ist es aber der beste Schutz.  

Welche Möglichkeiten gibt es noch?
Natürlich gibt es da die Treue. Diejenigen, die ungeschützten Sex mit verschiedenen Partnern haben, sollten regelmäßig zum Arzt gehen und sich auf Syphilis testen lassen.

Wie geht so ein Test?
Mit einem Bluttest, zum Beispiel beim Hausarzt, Hautarzt, Urologen oder Gynäkologen. In manchen Gesundheitsämtern kann man sich auch anonym und kostenlos testen lassen, wenn man sich schämt.  

Geht das sofort oder muss ich wie beim HIV-Test erst eine Weile warten?
Drei Monate wie beim HIV-Test muss man nicht warten, aber am Tag nach einem ungeschützten Kontakt ist es auch zu früh. Ein bis zwei Wochen nach dem Sexualkontakt kann man anhand der Laboruntersuchungen sehen, ob man sich infiziert hat.  

Wer soll sich testen lassen?
Jeder, der ungeschützten Sex mit unterschiedlichen Partnern hat, insbesondere schwule Männer, weil es da viele gibt, die schon mal infiziert waren oder es gerade sind. Wenn Symptome auftreten, muss man sofort zum Arzt.  

Welche Symptome sind das?
Die Syphilis wird auch das „Chamäleon der Medizin“ genannt, weil sie viele verschiedene Symptome hat, die nicht gleich auf eine Syphilis schließen lassen. In der Frühphase tritt ein Geschwür auf, das meist münzgroß ist und nicht weh tut, viele merken das gar nicht. Nach zwei bis drei Wochen heilt es von selbst wieder ab. Wer dann noch nicht beim Arzt war, hat eine frühe Behandlung schon verpasst. Später treten noch Hautausschlag, Fieber, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit und ein allgemeines Krankheitsgefühl auf – Symptome, bei denen man nicht gleich auf Syphilis kommt. So kann es passieren, dass die Syphilis jahrelang im Körper schlummert und Spätfolgen nach sich zieht.

Welche Spätfolgen sind das?
Ohne Behandlung kann die Syphilis Organe wie das Herz, Gehirn oder die Leber schädigen. Berühmte Beispiele aus der Geschichte wie Friedrich Nietzsche sind mit Syphilis im Irrenhaus gelandet. So weit kommt es aber heutzutage nur ganz selten.  

Wie gut ist Syphilis heilbar?
Das ist die gute Nachricht: Die Syphilis lässt sich gut behandeln. Wenn man sie in der Frühphase erkennt, reicht eine Spritze mit Penizillin. Je später sie erkannt wird, desto mehr Spritzen braucht man. Erkennt man sie zu spät, sind trotz erfolgreicher Therapie Folgeschäden möglich. Problematisch ist der Zusammenhang mit HIV.  

Inwieweit besteht da ein Zusammenhang?
Wenn man eine Syphilis hat, ist das Immunsystem angegriffen, Viren können leichter in den Organismus gelangen. Wenn man HIV und zusätzlich eine Syphilis hat, wird auch in dem Geschwür HIV übertragen. Viele stecken sich mit beidem gleichzeitig an. Wir haben festgestellt, dass bei etwa zehn Prozent der HIV-Diagnosen auch eine Syphilis dabei ist. Das „Doppelpack“ kommt relativ häufig vor.  

Wirkt sich das auf die Zahl der HIV-Neuinfektionen aus?
Wenn die Syphiliserkrankungen ansteigen, befürchten wir mit zeitlicher Verzögerung immer einen Anstieg von HIV, etwa nach ein bis zwei Jahren. Das haben wir schon einmal beobachtet: In den Jahren 2000 und 2001 haben sich die Syphilis-Erkrankungen verdoppelt, die HIV-Infektionen sind parallel dazu in den folgenden Jahren angestiegen. Die zeitliche Verzögerung kommt daher, dass HIV in der Regel nicht gleich erkannt wird.  

Geschlechtskrankheiten haben immer noch etwas Anrüchiges an sich. Viele trauen sich bestimmt nicht, einen Test zu machen, weil sie sich schämen.
Sexuell übertragbare Krankheiten sind viel mit Scham belegt, es hat aber auch mit Unwissen zu tun. Die BZGA tut seit den Achtzigern viel, um die Gefahr von AIDS ins Bewusstsein zu rücken. Seit März 2012 umfasst die "Machs mit"-Kampagne zum ersten Mal nicht nur HIV, sondern alle sexuell übertragbaren Infektionen.  

Welche sind das vor allem?
Zum einen die Gonorrhö, oder „Tripper“. Da gibt es keine Meldepflicht, darum wissen wir da nicht genau, wie häufig die Erkrankung vorkommt. Da ist das Problem, dass es viele Antibiotika-Resistenzen gibt, die gängigen Antibiotika wirken zum Teil nicht mehr. Es kann sein, dass irgendwann jemand eine Form von Tripper hat, die man nicht mehr behandeln kann. Das wollen wir sehr genau beobachten, ebenso wie Chlamydien. Das ist immer noch eine sehr unbekannte Infektion, obwohl fünf bis zehn Prozent der jungen Frauen davon betroffen sind, im schlimmsten Fall kann sie zu Unfruchtbarkeit führen. Auch da gibt es keine Meldepflicht. Über beides wissen viele Menschen gar nichts, man denkt immer, HIV sind die anderen, ich brauche kein Kondom. Dass es da auch noch andere Geschlechtskrankheiten gibt, die beim Sex übertragen werden, wollen wir nach und nach in den Vordergrund rücken. 

Auch, indem man die Meldepflicht erweitert?
Wir wollen die Meldepflicht und sind gerade im intensiven Gespräch mit dem Gesundheitsministerium. Inwiefern es umsetzbar ist, werden wir sehen.


Text: kathrin-hollmer - Foto: dpa

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