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"Der Computer hat Angst vor Vollmond"

Der Londoner Designer Shing-Tat Chung, 25, hat einen Handelscomputer entwickelt. Das Besondere daran: Der "Superstitious Fund" handelt nicht nach gängigen Algorithmen, sondern nach Mondphasen, Unglückszahlen und dem "Glückssockenprinzip".
kathrin-hollmer

jetzt.de: Shing, bist du abergläubisch?
Shing-Tat Chung: So 50:50. Ich bin so zur Hälfte abergläubisch, aber richte nicht mein Leben danach aus.

Was findest du an abergläubischem Verhalten so spannend?
Aberglaube ist ein sehr menschliches Verhalten. Ich finde es ziemlich lustig, wie diese Irrationalität die Welt um uns herum beeinflusst. Wir bestehen darauf, dass wir rationale und wissenschaftliche Wesen sind, dabei werden wir immer noch abergläubischer. Ein Beispiel: Eine Immobilie mit der Hausnummer 13 ist in Großbritannien automatisch im Schnitt 7.511 Pfund weniger wert. Diese leichte Verrücktheit finde ich bezaubernd, die Tatsache, dass sie unser Leben beeinflusst, ist einfach spannend.  

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Shing-Tat Chung in seinem Atelier

Computer und Aktien haben wenig mit Aberglauben zu tun. Warum hast du einen abergläubischen Handelscomputer entwickelt?
Computer und Finanzen hängen immer mit Menschen zusammen. Ich wollte unsere Beziehung zur Technologie erforschen. Ich habe viel über Aberglauben recherchiert und Fallstudien gesammelt, die beweisen, dass bestimmte Unvernünftigkeiten unser Leben beeinflussen. Ein einfaches Beispiel: Viele Hotels lassen Zimmernummern und Stockwerke mit Unglückszahlen aus. Auch wenn wir darauf bestehen, dass wir das Gegenteil sind, aber besonders in unsicheren Zeiten lässt uns die politische und wirtschaftliche Situation noch abergläubischer werden. Das hat mich auf die Idee gebracht, den "Superstitious Fund" zu entwickeln.

Wie arbeitet der Handelscomputer?
Der "Superstitious Fund" ist ein Investmentfonds, der von einer abergläubischen Software betrieben wird. Er handelt nicht nach gängigen Algorithmen, sondern zum Beispiel nach Mondphasen oder nach dem Prinzip der Numerologie. Der Computer tut nur drei Dinge – kaufen, verkaufen oder nichts. Jedes Signal ist entweder mit "gut" oder "schlecht", mit "Glück" oder "Pech" verknüpft. Wenn es ein unglückliches Vorzeichen gibt, verkauft er, bei glücklichen Vorzeichen investiert er.  

Bei einem guten Signal kauft der Computer dann Aktien?
Er kauft nicht wirklich Aktien. Bevor ich mit dem Projekt angefangen habe, hatte ich keine Ahnung davon. Der Computer betreibt "Spread Betting", das heißt, er setzt Geld auf die Differenz zwischen den An- und Verkaufskursen des Index, er wettet auf fallende oder steigende Kurse. Bei guten Vorzeichen wettet er, dass der Markt steigt, bei schlechten, dass er fällt.   



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Welche Vorzeichen gibt es?
Zum Beispiel die Zahlen. An bestimmten Tagen wie dem 4., 13. oder 17. des Monats kauft er nicht, weil das Unglückszahlen sind. Er kauft, wenn der Index einen "glücklichen" Wert hat, zum Beispiel 888, eine Schnapszahl; bei einem unglücklichen Wert, in dem etwa eine 13 vorkommt, verkauft er. Das sieht dann so aus: Wenn der Wert des FTSE 100 Index (der wichtigste britische Aktienindex, Anm. d. Red.) zum Beispiel bei 5.413 ist, verkauft er.

Wie ist es bei den Mondphasen?
Der Computer hat Angst vor Vollmond, Neumond ist dagegen gut. Eine Sonnenfinsternis ist schlecht. Außerdem schafft sich der Algorithmus seine eigenen Glücksregeln, so wie wir das auch manchmal tun. Wenn wir zum Beispiel ein Tennismatch gewinnen, schieben wir das auf unsere "Glückssocken" und ziehen sie beim nächsten Mal wieder an. Wenn der Computer mit einer Aktion Erfolg hat, wiederholt er sie ebenfalls, so lange, bis er damit kein Glück mehr hat.

Du bist Designer. Wie kommt es, dass du dich mit Aktien auskennst?
Bevor ich das Projekt begonnen habe, wusste ich nicht einmal 80 Prozent von dem, was ich heute weiß. Begriffe wie "Spread Betting" haben mir überhaupt nichts gesagt. Ich musste viel über den Markt lernen. Am schwierigsten war es, den Algorithmus zu entwickeln. Vor dem Projekt wusste ich nicht einmal, ob man einfach einen Handelsalgorithmus erstellen und nutzen kann.

Kritisierst du mit dem "Superstitious Fund" das Spekulieren an der Börse?
Der Finanzmarkt ist sehr umstritten, vor allem durch die Finanzkrise. Dabei wissen die meisten gar nicht, wie der Markt funktioniert. Ich wollte vor allem, dass über diese Themen diskutiert wird und dass das System etwas transparenter wird. Man hört oft so Sätze wie: "Affen geben die besseren Aktienberater ab." Ich will dazu keine Stellung beziehen, die Leute sollen sich ihre eigene Meinung bilden.  

Ein bisschen Kritik schwingt aber schon mit. Die Frage ist nur, ob an der Irrationalität im Aberglauben oder der in den Finanzmärkten?
Beides. Ich glaube sogar, dass es drei Themen anspricht, die miteinander verknüpft sind. Es geht um Irrationalitäten, im Aberglauben ebenso wie in den Finanzmärkten, aber auch um Technologie und speziell Trading-Algorithmen. Ich wollte eine alternative Sicht darauf schaffen, wie Technologie funktionieren kann. Funktioniert sie zum Beispiel auch mit menschlichen Eigenschaften?

Tut sie’s?
Ja, es funktioniert. Ich habe eine Technologie entwickelt, die mit abergläubischem Verhalten arbeitet, und sich so irrational verhält wie wir auch.  

So irrational, dass du auf deiner Seite schreibst, dass der Algorithmus spekulativ und unbewiesen ist und zum Totalverlust der Einlagen führen kann. So ehrlich bekommen das Anleger sonst bestimmt nicht gesagt.
Ich weiß nicht, wie das bei regulären Fonds ist, ich habe mir das Kleingedruckte nicht angeschaut. Um den "Superstitious Fund" als reines Experiment und auch die Mystik zu bewahren, haben wir ihn nicht getestet. Ich bin ziemlich sicher, oder ich hoffe zumindest, dass die meisten Fonds ihre Strategien gründlich getestet haben. Irgendwo haben sie alle etwas stehen, das sie schützt, wenn etwas schief geht.  

Wie erfolgreich ist der "Superstitious Fund" bis jetzt?
Es hängt davon ab, was man unter erfolgreich versteht. Wenn man darunter Gewinn versteht ... In den ersten zwei Monaten ist er auf -10,99 Prozent abgestürzt.   

Welche Auswirkungen hat das?
Wenn der Kurs bis zum Schluss im Minus ist, bedeutet das natürlich Verlust. Aber ich will mit dem Projekt in erster Linie kein Geld verdienen. Es ist ein Experiment. Jeder, der investiert hat, wusste, dass es keine sichere Anlage ist, darum geht es nicht. Am Anfang war er bei +12 Prozent, mal bei +5. Der Kurs wird steigen und auch wieder fallen. 

Im Fonds sind knapp 5.000 Pfund Kapital. Von wem kommt das Geld?
Erst mal von Bekannten, aber nach den Artikeln in den Medien haben sich Leute aus der ganzen Welt angeschlossen.

Kann man immer noch einsteigen?
Nicht mehr. Der Computer hat am 1. Juni begonnen hat, bis dahin konnte jeder für die Laufzeit von einem Jahr einsteigen, nachträglich ist das nicht mehr möglich.  

Wie geht es damit weiter?
Das Experiment dauert ein Jahr. Ich denke, ich werde den Fonds weiterhin verwalten, aber auch andere Projekte übernehmen. Ich habe schon ein paar Ideen für weitere algorithmische Experimente. Noch ein Projekt, das ich gerne angehen möchte, ist die "unartige Kamera". Ich beschäftige mich mit der Frage, was passiert, wenn Technologie intelligenter wird. Können Kameras plötzlich selbst unerwartet und ungewollt handeln? Was daraus wird, hängt natürlich wieder von der Finanzierung ab.

Text: kathrin-hollmer - Fotos: Shing-Tat Chung

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