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Der Hamster in der hohlen Erde

Verschwörungstheorien sind nicht nur "Hobbys" verwirrter Rentner. Wir haben uns von einem Psychologen erklären lassen, warum besonders junge Leute anfällig für diese Theorien sind. Und ab wann das gefährlich wird.
eva-hoffmann

Sebastian Bartoschek, 36, hat für seine Dissertation rund 1000 Menschen zu den 95 bekanntesten Verschwörungstheorien befragt. Gerade ist sein Film „Ein Interview mit Dr. Stoll“ erschienen, in dem der Psychologe sich kritisch mit dem bereits gestorbenen Verschwörungstheoretiker und unfreiwilligen Youtube-Star Axel Stoll auseinandersetzt. 

jetzt.de: Bei Verschwörungstheorien habe ich gleich diese Vorstellung von einem Typen mit Metallsuchgerät und Alu-Hut.
Sebastian Bartoschek: Das ist überholt. Heutzutage wird der Begriff „Verschwörung“ für alles Mögliche benutzt. Für meine Forschung habe ich eine eigene Definition gefunden: Es sind vereinfachende Welterklärungen, auf die sich eine Gruppe von Leuten einigt. Meistens stehen sie im Gegensatz zu einer offiziellen staatlichen oder wissenschaftlichen Erklärung, die wir Wahrheit nennen. Das Verschwörerische daran: Ich sehe höhere Kräfte, wo keine sind und beanspruche die Wahrheit für mich und niemanden sonst. Das Verständnis von „Wahrheit“ ist genauso vielfältig wie die Menschen, die an diese Wahrheiten glauben.  

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Sebastian Bartoschek erforscht, an welche Verschwörungstheorien wir am meisten glauben.

Was wäre so eine vereinfachte Welterklärung?
Es gibt Tausende. Manche davon lassen sich leicht als unwahr einordnen. Zum Beispiel, dass die Welt hohl ist und in ihrem Inneren ein großer Hamster die Erdrotation verursacht. Andere Theorien sind wesentlich komplexer und gefährlicher. Vor allem die politisch rechten. Da merken die Leute zunächst gar nicht, in welche Richtung sie sich bewegen, weil alles flauschig esoterisch verpackt wird. Und plötzlich finden sie sich mitten in knallharten Neonazi-Netzwerken und auf deren Veranstaltungen wieder. Das trifft meistens junge Leute.  

Warum sind die anfälliger?
Jugendliche sind oft noch nicht so gefestigt in ihrem Weltbild und suchen nach alternativen Sichtweisen. Meine Untersuchungen zeigen, dass besonders Jugendliche mit geringer Bildung an Verschwörungstheorien glauben. Sie sind vom Alltag überfordert, fühlen sich ungerecht behandelt und suchen deshalb nach anderen Schuldigen. Natürlich ist es einfacher zu behaupten, der Misserfolg liege daran, dass wir von Aliens regiert werden, statt einfach zu sagen „selber Schuld“. Im Internet bekommen sie unendlich viel Erklärungsangebote und finden Gleichgesinnte. Die Zugehörigkeit schafft Identität.  

"Wir werden von Aliens regiert" ist eine attraktivere Erklärung als "ich bin selber Schuld"

Also ist schon wieder dieses Internet Schuld?
Früher gab es die Tagesschau und ein paar andere Kanäle. Die haben dir deine Informationen eingeordnet. Heute gibt es online zu jeder Theorie eine Gegentheorie. Man kann nicht nachweisen, ob es zahlenmäßig mehr Verschwörungstheoretiker gibt, aber sie sind auf jeden Fall sichtbarer. Sie organisieren sich in Gruppen auf Facebook und veröffentlichen ihre Statements auf Twitter. Das virale Prinzip funktioniert viel besser als früher an dubiosen Stammtischen in irgendwelchen Hinterzimmern.    

Welche Verschwörungstheorie ist bei jungen Menschen besonders beliebt?
Dass Tupac noch lebt. Die Annahme ist weit verbreitet und ein wiederkehrendes Motiv für viele tote Promis. Das Gegenstück dazu wäre: Jemand ist schon lange tot und wurde nur durch einen Doppelgänger ersetzt, so wie Paul McCartney.  

Klingt nicht wirklich gefährlich, das zu glauben.
Natürlich gibt es Abstufungen. Wer zu viel Faktenwidriges behauptet, kann rechtliche Probleme kriegen. In Deutschland darf man zum Beispiel aus gutem Grund den Holocaust nicht leugnen. Gruppen, die das mithilfe von Verschwörungstheorien tun, werden dafür rechtlich belangt. Umso gruseliger, dass besonders antisemitische und fremdenfeindliche Theorien zur Zeit so Aufwind zu bekommen scheinen. Solche Theorien finden gleichzeitig von ganz rechts als auch von ganz links Zuspruch.  



Lässt sich das psychologisch erklären?
Nicht wirklich. Bei Patienten kann ich klar feststellen, wenn eine Persönlichkeitsstörung vorliegt. Zum Beispiel, wenn Personen sich selbst widersprechen oder unter Halluzinationen leiden. Bei Verschwörungstheoretikern ist das anders. Da ist alles sehr viel abstrakter und in sich logischer. Deshalb ist es auch falsch, dieses Denken als psychische Störung zu pathologisieren. Man müsste anders fragen: Wann fängt es an, die Person oder ihr Umfeld zu gefährden?
 
Eigentlich ist es doch ganz gesund, sich kritisch mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen.
Klar. Viele Theorien sind zunächst mal clevere Beobachtungen. Beispiel Mondverschwörung: Auf dem Mond weht kein Wind und deshalb muss das Triumph-Foto mit der wehenden Fahne in Mexiko aufgenommen worden sein. Die Frage ist nur, bleibe ich für eine Gegenerklärung empfänglich oder schieße ich mich so auf die Theorie ein, dass sich meine Weltsicht immer mehr verengt. Kann ich noch glauben, die Fahne sei für das Foto mithilfe von Eisenstangen so drapiert worden? Ein Ergebnis meiner Studie war nämlich auch, dass Menschen, die sich intensiv mit einer Theorie befassen, immer noch mehr Verschwörungstheorien nachgehen. Es hat ein gewisses Suchtpotenzial.

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Wir basteln keine Alu-Hüte mehr, glauben aber trotzdem an alles Mögliche

Was tue ich, wenn ich mir nicht mehr sicher bin, was ich glauben soll?
Es gibt eine einfache Frage, die man sich stellen kann: Bin ich offen für alternative Erklärungen und gäbe es etwas, dass mich von meiner Theorie abbringen könnte? Ist die Antwort immer Nein, wird es gefährlich. Gerade junge Menschen merken, wenn sie in den ideologischen Bereich abdriften, stecken dann aber oft schon zu tief drin in ihrer Theorie. Dafür gibt es Beratungshotlines wie die Sekteninfo NRW oder Wissensdurst e.V., wo ich im Vorstand bin.  

Was sagt man dann am Telefon?
Wie bei der Drogenberatung suchen viele Anrufer erst mal einen Gegenüber. Sie rufen mit ihren Theorien an und wollen, dass wir die widerlegen. Oft reicht es, einfach mal genauer nachzufragen, bis die Fassade bröckelt und die Person so was sagt wie „stimmt, so hab ich das noch nie betrachtet“.

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