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Diät für Venus

Anna Utopia Giordano hat klassische Venusdarstellungen einer Photoshop-Diät unterzogen und versucht damit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Magermodels. Pikantes Detail: Die Italienerin modelt selbst.
veronika-wawatschek

jetzt.de: Anna, wie passt das zusammen? Einerseits kritisierst du mit dem Venusproject die aktuellen Schönheitsideale. Andererseits modelst du selbst, um dein Studium zu finanzieren.
Anna Utopia Giordano: Ja, es stimmt. Ich arbeite als Model – aber ohne eine Agentur. Ich kann mir die Projekte also selbst aussuchen, mir die Fotografen anschauen, das Styling, das Make-Up, die Location. Aber ich gebe zu, beim Venusproject hat es mir geholfen, das System der Modeindustrie zu kennen.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich war dabei, Fotos für einen Freund zu retuschieren und ich dachte nach - über unsere Gesellschaft, über soziale Netzwerke und die Hektik unseres Daseins: immer akzeptiert sein, immer präsent sein, den Schein ins Sein verwandeln. In anderen Worten: Die ganze Dynamik der menschlichen Evolution, die natürliche Folge dessen, was in der Vergangenheit war. Und dann bin ich auf die Venusdarstellungen gekommen.



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Welche Venusdarstellungen hast du denn ausgewählt?
Ich habe mehrere bearbeitet. Veröffentlicht habe ich aber nur die zehn berühmtesten.

Und warum die Venus?
Sie ist der Inbegriff von Schönheit. Sie zeigt aber auch den Wandel des Schönheitsideals.

Was willst du damit aussagen?
Zunächst wollte ich zeigen, wie sich das Schönheitsideal über die Jahrhunderte gewandelt hat. Und irgendwie führte es dann dazu, große Themen wie Anorexie und Bulimie und das ständige Photoshop-Retuschieren in der Werbung zu diskutieren.

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Model und Künstlerin: Anna Utopia Giordano

Soll das Venusproject also eine Kritik sein?
Nein, ich will es nicht direkt als Kritik verstanden wissen. Ich habe lediglich die Mittel und Dynamiken verwendet, die bei uns existieren. Ich habe nicht das Recht, zu kritisieren oder entscheiden, ob unsere Gesellschaft auf dem richtigen oder falschen Weg ist. Ich werde nicht einmal das vorherrschende Konzept vom „Körper“ in Frage stellen. Ich habe da einige Ideen zu dem Thema und ich arbeite daran. Aber mir ist es lieber, gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen. Die Presse hat angefangen, Magersucht und Bulimie und das Perfekt-sein-Müssen zu thematisieren, also habe ich in einigen Interviews auch über diese Themen gesprochen. Aber als ich das Venusproject entwickelt habe, hätte ich mir nicht vorstellen können, diese Themen überhaupt zu berühren. Mich interessiert der Wandel der Schönheitsideale. Diese „richtig-falsch-Diskussion“ über den Gebrauch von Photoshop kam erst durch das Publikum auf.

Was hast du denn nun an den Venusfrauen verändert? Ich vermute, es waren nicht nur die Brüste…
Ganz genau, ich habe einige, teilweise wirklich absurde Studien über Proportionen gelesen, die in unsere Gesellschaft als perfekt gelten. Und dann habe ich die Dinge, die unsere Gesellschaft als „Defekt“ ansehen würde, entfernt, etwa die Hüfte verschmälert oder den Bauch verkleinert.

Was denkst du, wenn Tizian, Botticelli oder Velazquez Photoshop gehabt hätten, hätten sie Models gemalt, wie sie Victoria's Secret propagiert?
Ich glaube, alle Epochen hatten ihre Parameter, um die Welt zu beurteilen. Wahrscheinlich würden die Menschen von damals unsere Models zu mager finden. Ich glaube, dass es immer wichtig ist, den Kontext miteinzubeziehen, in dem sich der Betrachter befindet.

Das Venusproject ist nicht deine einzige kritische Arbeit. Was hat es mit PopBottles auf sich, den Schnapsflaschen, die du bunt bemalt hast?
Damit wollte ich auf provokative Art und Weise Alkoholkonsum und -missbrauch von Jugendlichen illustrieren.

Und worum geht es bei My social generation?
Das ist ein photografisches Projekt darüber, wie Jugendliche soziale Netzwerke nutzen und damit ihre Selbstwahrnehmung verändern. Ich spielte die Rolle des imaginären  13-jährigen Mädchens „Amy little Princess“ und machte einige jugendliche Selbstporträts.

Verstehst du dich also als eine Art „moralische Instanz“?
Nein, auf keinen Fall. Ich sage keineswegs, was richtig oder falsch ist oder was die Menschen tun sollten oder nicht. Ich möchte Diskussionen anregen. Es geht mir nicht darum meine Sicht der Dinge jemanden überzustülpen.

Das Venusproject ist derzeit auch in Njimwegen im Museum Het Walkhof zu sehen.     


Text: veronika-wawatschek - Fotos: Anna Utopia Giordano

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