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Die Filmretter

Eigentlich sollte "Under the Skin" mit Scarlett Johansson gar nicht ins deutsche Kino kommen: zu schräg, zu nischig. Jetzt läuft der Film doch - wegen ein paar Studenten in Konstanz. Ein Anruf bei Marvin, 24, Mitarbeiter im Zebra Kino.
charlotte-haunhorst

jetzt.de: Gratulation, euretwegen kommt der Film „Under the Skin“ deutschlandweit ins Kino. Wie habt ihr das geschafft?

Marvin: Es hat damit begonnen, dass Senator, der Filmverleih, verkündet hat, den Film in Deutschland nur auf DVD rauszubringen. In 20 anderen Ländern läuft er hingegen im Kino. Der Kinokritiker Sebastian Selig hat dann eine Facebook-Initiative gestartet. Das hat Wellen geschlagen.

 

Warum?

Weil es nicht das erste Mal war, dass ein Fantasy-Film in Deutschland auf DVD verramscht wird. Diesen Frust teilen wir vom Zebra Kino. Jemand von uns hat dann bei Senator angerufen und gefragt, ob wir den Film nicht trotzdem spielen können. Wir dachten, das sei sicher ein Riesenproblem – aber wir waren einfach die ersten, die gefragt haben. (Lacht)

 

Und?

Senator hat direkt zugesagt. Das hat uns selbst überrascht. Wir haben unsere Erfahrung dann an die Facebook-Initiative weitergeleitet und mittlerweile spielen 22 weitere Kinos den Film.

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Das Zebra-Team: Marvin ist der fünfte von links. 

Was unterscheidet das Zebra Kino von anderen Kinos?

Vor ziemlich genau 30 Jahren haben Studenten es gegründet. Wir sind bis heute kein kommerzielles Kino, arbeiten ehrenamtlich. Zum Teil werden wir dabei aber auch von der Stadt Konstanz und vom Land Baden-Württemberg gefördert.

 

Wie entscheidet ihr, welcher Film läuft?  Bei uns ist alles sehr basisdemokratisch organisiert, da merkt man die studentischen Wurzeln. Wir treffen uns jede Woche und stimmen über das Programm ab. Jeder kann Filme vorschlagen, muss aber auch begründen, warum dieser Film ins Zebra gehört. Manchmal wird’s dabei ein bisschen zickiger und lauter, manchmal gibt es aber auch ein Vorschlag, bei dem alle aufspringen und sagen „Ja, das machen wir!“

Ich dachte immer, Kinostarts wären unantastbar. Hat sich da etwas verändert?

Dadurch, dass die Kinofilme digitalisiert wurden, sind die Karten neu gemischt. Vor fünf Jahren war der Aufwand für einen Kinostart viel größer. Damals hätten noch 35 Millimeter-Filmrollen extra produziert werden müssen. Allein eine Kopie hätte mehrere tausend Euro gekostet. Heute kann der Verleih einfach eine Festplatte an uns schicken, die kostet nicht viel und ist auch einfacher zu vervielfältigen.

 

Das hat auch Nachteile, oder?

Natürlich verschwimmen dadurch auch Grenzen. In den USA gibt es zum Beispiel immer häufiger das Konzept „Day and Date“, dort erscheint ein Film zeitgleich im Kino, auf DVD und auf iTunes. Über kurz oder lang wird das vermutlich auch in Deutschland so kommen. 

Ist diese Entwicklung für euch gut?

Wir glauben schon. Seit 1998 haben wir stetig an Zuschauern verloren und in den letzten zwei Jahren auf einmal wieder so stark gewonnen, dass wir wieder auf dem Niveau von damals sind. Natürlich hören auch wir oft das Klischee, das gerade junges Publikum nicht mehr ins Kino geht sondern lieber streamt. Aber wir haben den Eindruck, dass durch die Verfügbarkeit im Internet das Bedürfnis nach handgemachtem Kino größer wird.

 

Bei Arthaus-Kino, wie ihr es pflegt, denkt man eher an ältere Intellektuelle. Woran liegt das?

Das Genre hat sich zur Zeit stark auf eine Zielgruppe eingeschossen: das ältere Publikum. In vielen Städten werden deshalb mittlerweile sogenannte „Premium-Kinos“ geschaffen – mit weniger Plätzen, aber Bedienung am Platz und höheren Preisen. Zu sehen gibt es dann Wohlfühlfilme, oft aus Frankreich. Junges Publikum und junges Kino spielen in der Branche eine untergeordnete Rolle. Wir tun was dagegen, indem wir zum Beispiel in unserer Reihe „Junger deutscher Film“ Erstlingswerke zeigen und Regisseure einladen.

 

Aber kommen dann auch wirklich junge Leute? Oder alte, die sich die Jungen mal angucken wollen?

Natürlich kommen auch ältere Leute. Das Publikum ist im Schnitt aber sehr jung und das nicht nur bei aktuellen Filmen. Im Juli haben wir Stanley-Kubrick-Filme gezeigt, zeitgleich zur WM. Da hatten wir vier Mal einen vollen Saal, der Altersdurchschnitt lag gefühlt bei 20, 21 Jahren.

 

Was muss Arthaus-Kino bieten, damit mehr junge Leute kommen?  Mehr Mut zum Risiko und mehr Experimente. In meinem Umfeld halten alle amerikanische Fernsehserien für mutiger und innovativer als das Kinoprogramm. Aus meiner Sicht liegt das an der Routine, die es ja im Arthaus- genauso wie im Mainstream-Kino gibt. Deutschland ist als Filmland bei vielen sowieso abgeschrieben, die Leute denken dann direkt an Til Schweiger.

 

Welchen deutschen Film würdest du uns denn empfehlen?

Da fallen mir spontan zwei ein, die wir dieses Jahr gezeigt haben. Beide sind Eigenproduktionen, weil sie Sendern zu heikel waren. Zum einen 

"Der Samurai" von Till Kleinert "ein queerer Coming-out-Märchen-Thriller. Das klingt, als würde es nicht funktionieren, funktioniert aber erstaunlich gut. "Love Steaks" von Jakob Lass ist der andere Film. Sehr kompromisslos. Der sollte zeitgleich im Kino starten und auf DVD erscheinen, aber da gab es heftige Proteste. Dabei sieht man daran wunderbar, wie gut ein bisschen Mut dem deutschen Film tut.

 

"Under the Skin" läuft am 2. Oktober in ausgewählten Kinos an. 

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