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Die Sarkasmus-Minister

Die Orsons entziehen sich Rap-Konventionen, sie rappen über einen transsexuellen Nazi, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht und auch seine politische Einstellung ändert. Der Song brachte der Band viel Ärger und sogar eine Klage ein. War alles nur gut gemeint, sagen sie.
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Die Orsons sind das, was man landläufig einen Sack voller Flöhe nennt. Vier Individuen, wie sie individueller kaum sein könnten, die dennoch zusammengefunden haben, um ihre kreativen Ideen zu bündeln und das klanggewaltige Ergebnis auf die Allgemeinheit loszulassen. Ein persönliches Gespräch kam leider nicht zustande, stattdessen sollte von einem Hamburger Hotel aus telefoniert werden. Aufgrund eines Staus auf der Autobahn musste jedoch umdisponiert werden, und so rief man per Handy von unterwegs an, um über schlechte Eigenschaften, Geschlechtsumwandlung und Regelbrüche zu diskutieren.

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jetzt.de: Als ich heute Mittag einem Kollegen erzählt habe, dass ich ein Interview mit den Orsons hätte, fragte er mich, seit wann ich denn solche Idioten interviewen würde. „MMMBop“ hätte er damals richtig scheiße gefunden – er hatte euch mit der Band Hanson verwechselt.
Tua: Im Ernst?! Aber doch wohl nicht wegen unserer Mucke!?

Nein, der hat einfach die beiden Bandnamen „Hanson“ und „Orsons“ durcheinander gebracht.
Tua: Ach so – dann bin ich beruhigt. Aber diese Verwechslung ist wunderschön. Hey Jungs, was haltet ihr davon, wenn wir uns für die nächste Platte „Die Hansons“ nennen?
Kaas lacht künstlich und klingt dabei wie Lil Wayne. Der Rest scheint von der Idee ebenfalls nicht sonderlich begeistert zu sein.

Im Stück „Horst & Monika“ gibt es die Zeile: „Alles ist möglich, wenn du willst“. War das der Ausgangsunkt des Songs, durch den ihr auf das Thema gekommen seid?
Maeckes: Forensiker und Detektive können den Ursprung heute nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Aber wir sind zum einen auf diese Geschichte gestoßen und wollten zum anderen einen positiven Song mit dieser „Alles ist möglich“-Aussage machen. In dem Stück haben wir beides zusammengepackt.



Und? Konntet ihr zufriedenstellende Aufklärung leisten?
Maeckes: Jeder, der sich mit den Orsons und diesem Song auseinandersetzt, wird feststellen, dass wir das positiv meinen. Aber wer den Song falsch verstehen will, dem wird das auch gelingen.

Bei Wikipedia steht über euch, euer Markenzeichen sei „die Umkehrung ungeschriebener Hip-Hop-Regeln in Verbindung mit viel Ironie, Fantasie und Sarkasmus“. Welche HipHop-Regeln sollen das sein?
Plan B: Bei dieser Frage gebe ich dich weiter an den selbsternannten Sarkasmus-Minister Maeckes.
Maeckes: Ich glaube, das bezieht sich noch auf unser erstes Album namens „Das Album“, auf dem wir uns uncool und süß präsentiert haben. Damals haben wir die ungeschriebenen Regeln der Härte, der Competition und der Homophobie im HipHop erfolgreich missachtet.

Und auf den beiden Alben danach hat sich das verändert?
Maeckes: Auf jeden Fall! Genauso wie sich das öffentliche Bild von HipHop verändert hat. Die Werkzeuge zum Regeln brechen sind heute andere als damals, weil Gangsta-Rap heute nicht mehr so angesagt und HipHop insgesamt offener geworden ist. Es ist heute schwieriger, sich in der HipHop-Szene als Regelumdreher zu positionieren.

Habt ihr besagte Regeln damals denn des Regelbrechens wegen gebrochen? Oder kam das so aus euch heraus?
Maeckes: Eine Mischung aus beidem. Kass wollte damals nur noch positive Musik machen; Tua wollte gar keine Musik machen, sondern nur bei uns abhängen, weil wir Alkohol da hatten; ich fand den Regelumdreh-Aspekt total spannend und bin sehr theoretisch an das Thema herangegangen; und Bartek (Plan B, Anm. d. Red.) hat einfach nur gespittet. Es gab vier verschiedene Ansätze für das Orsons-Projekt – und das ist bis heute so geblieben.

Deshalb wohl auch der aktuelle Albumtitel „Das Chaos und die Ordnung“.
Maeckes: Ja, genau. Nach sehr, sehr langer Zeit haben wir endlich einen gemeinsamen Nenner gefunden. Aber es gab wirklich stundenlange Diskussionen auf dem Weg dorthin. Wir haben unzählige Songs verworfen, uns gegenseitig beleidigt und mit tagtäglich mit Auflösung gedroht. Auf Tour sind wir wirklich die besten Freunde, aber im Studio wollen wir uns oft gegenseitig an die Gurgel.

Woran liegt das denn?
Maeckes: Das hat viele Gründe: Zwei Leute in der Band sind zum Beispiel krasse Diktatoren und bevormunden die anderen beiden. Außerdem gibt es unterschiedliche Auffassungen von der richtigen Arbeitsmoral.

Du scheinst ja der Sarkasmus-Minister zu sein. Wer sind denn die beiden Diktatoren?
Maeckes: Rate doch mal.

Ich würde auf dich und Tua tippen.
Maeckes: Bingo. Der rote Faden dieses Albums ist eben auch der Clinch zwischen einer undurchdachten Albernheit und einer theoretisch-rationalen Ernsthaftigkeit. Diesen Umstand haben wir irgendwann als „Chaos und Ordnung“ bezeichnet. Kaas nennt das immer das „Prinzip von Weiblichkeit und Männlichkeit innerhalb der Orsons“. Und bevor du fragst: Das weibliche Prinzip sind Kaas und Bartek.

Auf eurer Platte gibt es ein Stück namens „Unperfekt“. Welche Eigenschaften stören euch an euch selbst, beziehungsweise was würdet ihr euren Kollegen gerne abgewöhnen?
Plan B: Kannst du später noch mal anrufen? Dann mache ich dir eine Liste.
Maeckes: Worin ich mich für unperfekt halte, sage ich ja im Song: Ich bin ein Angeber, Tagträumer, bin vergesslich, aggressiv und häufig uneinsichtig. Hmm, was würde ich an den Anderen ändern? Bartek würde ich seinen Pünktlichkeitsfimmel aus dem Gesicht treten. Tua würde ich seine Überheblichkeit abfuchsen – treten traue ich mich bei ihm nicht. Und Kaas ist perfekt, wie er ist, an dem würde ich gar nichts ändern.
Im Hintergrund wird rege diskutiert.

Maeckes: Oje, jetzt geht es hier drunter und drüber. Du hast offenbar in ein Wespennest gestochen.
Plan B: Ich würde meinen Pünktlichkeitssinn noch verschärfen. Dem Maeckes würde ich Empathie einspritzen. Und Gefühle allgemein. Tua würde ich gerne in unsere bezaubernde Background-Sängerin Jasmin Shakeri umwandeln – die ist einfach cooler als er. Und Kaas ist perfekt wie er ist, den würde ich so lassen.
Kaas: Tua würde ich einen kleineren Penis verpassen, denn ich bekomme immer Komplexe, wenn ich den seh. Ansonsten würde ich an den Jungs aber gar nichts ändern. Ich liebe die Energie zwischen uns, weil jeder die Asozialität der anderen auffängt und gleichzeitig verstärkt – das ist wunderschön.
Tua: Kaas würde ich seinen fürchterlichen Geschmack austreiben, Bartek aus der Band heraustreiben und mit Maeckes eine Band gründen, aus der ich dann wiederum Maeckes heraustreiben würde.

Im Refrain von „Jetzt“ heißt es: „Sollten unsere Kinder irgendwann mal meckern, früher war alles besser, dann meinen sie damit jetzt“. Gibt es bestimmte Dinge, die ihr früher besser fandet, aber damals nicht richtig zu schätzen gewusst habt?
Kaas: Ich bin ein Verfechter der Philosophie von Eckhart Tolle, der der Meinung ist, dass es nur das Jetzt gibt und nur das Jetzt real ist. Daran glaube ich, und halte mich deshalb nicht zwanghaft an Begebenheiten aus der Vergangenheit fest. Alles ist perfekt, so wie es ist. Selbst dieser Stau, in dem wir gerade stecken. Der ist wunderschön. 

„Das Chaos und die Ordnung“ von den Orsons erscheint am 28. September über Chimperator/Universal.

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