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Die Welt als Halle und Vorstellung

Sebastian Sooth hat mit Freunden das Hallenprojekt entwickelt - ein Zukunftsmodell für Latte-Macchiato-Trinker in Berlin Mitte?
philipp-mattheis

Im November 2006 erschien das Buch „Wir nennen es Arbeit“. Darin propagierten die Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo die „Digitale Bohème“, eine junge, flexible Elite, die außerhalb fester Arbeitsverhältnisse in kreativen Berufen arbeitet; Freie Grafiker, Webdesigner, Journalisten und Werbetexter, die selbst Dauer, Intensität und Zeit ihrer Arbeit bestimmen. Was prophetisch begann, endete in einem satirischen Stereotyp: dem urbanen Penner, der stundenlang umgeben von Apple-Produkten im Berlin-Mitte-Starbucks an seinem Latte Macchiato schlürft. Sebastian Sooth, 30, und seine Freunde sind nun dabei, das Modell der Digitalen Bohème weiterzuentwickeln. Kennengelernt haben sie sich im vergangenen Jahr auf dem 9to5-Festival. Jetzt wollen sie die digitale Arbeit zurück in die reale Welt holen - mit dem Hallenprojekt. Sebastian, was ist das Hallenprojekt? Das ist ein Zusammenschluss von Menschen, die einerseits keine Lust haben, immer im selben Großraumbüro oder nur in der eigenen Wohnung zu arbeiten. Auf der anderen Seite wollen wir eine Umgebung schaffen, die professioneller ist als der nächste Starbucks mit WLAN. Oasen der Arbeit sozusagen. Wie sieht so ein Arbeitsplatz denn aus? Er besteht aus einem richtigen Stuhl, einem großen Tisch für mehrere Leute, Internetanschluss und vielleicht einem Drucker. Vielleicht? Naja, bis jetzt gibt es diese eine Halle noch nicht. Wir sind gerade dabei, verschiedene Hallen auszukundschaften. Aber so ist das Projekt auch nicht gedacht. Wir möchten eher eine Vielzahl von flexiblen Orten, an denen wir zusammen arbeiten können. Bis jetzt treffen wir uns meistens in der oberen Etage des Cafe St. Oberholz in Berlin Mitte. Das ist mittlerweile das zentrale Cafe, in dem sich Laptop-Arbeiter aus der ganzen Welt treffen. Hallenprojekt.de ist am ehesten mit einer Fahrgemeinschaft zu vergleichen. Unser Ziel ist es, dass es irgendwann in der ganzen Stadt im Umkreis von zehn Minuten einen Arbeitsplatz gibt. Wer macht bei euch mit? Wir sind momentan etwa 40 Personen. Natürlich sind die meisten in irgendeiner Art Freelancer, also Künstler, Werber, Journalisten oder Webdesigner.

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Was reizt Menschen daran, zusammen in einer Halle oder einem Café zu arbeiten? Viele Selbständige haben einfach keine Lust, den ganzen Tag alleine zu sein. Das Problem von Freischaffenden ist ja oft, dass die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmt. Daheim lenkt einen ständig etwas ab: Da ist der Abwasch oder die Wäsche, die noch gemacht werden muss. Über das Hallenprojekt ist es außerdem sehr leicht, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn man dagegen nur im Internet ist, fehlt einem ein großer Teil zwischenmenschlicher Kommunikation. Online kann man sehen, wer gerade wo arbeitet und wer Lust hat, mit anderen zu sprechen. Wir bringen das Web 2.0 sozusagen wieder zurück in die „echte“ Welt. Verdient ihr denn damit Geld? Im Moment noch nicht. Wir machen das vor allem deshalb, weil wir selbst zu dieser „digitalen Bohème“ gehören und weil wir mit vielen Menschen darüber gesprochen haben, wie man so eine Arbeitssituation verbessern kann. In Zukunft möchten wir aber einerseits selbst solche Plätze vermieten und andererseits eine kostenpflichtige Premiummitgliedschaft anbieten. Quasi Car-Sharing für Arbeitsplätze. Ihr habt euch auf dem „9to5.Wir nennen es Arbeit“-Kongress im vergangenen Jahr kennengelernt. Damals gab es einen ziemlichen Hype um den Begriff „Digitale Bohème“. Mittlerweile spricht man eher von einer hippen Form der Selbstausbeutung. Natürlich gibt es gerade in diesem Milieu Leute, die dazu neigen, zuviel zu arbeiten. Aber mit einer räumlichen Trennung von Arbeit und Wohnung steuern wir eher dagegen. Die traditionelle Aufteilung des Arbeitstages in Bürozeit und Freizeit ist passé. Das soll aber nicht nur heißen, dass wir immerzu arbeiten wollen, sondern dass wir vor allem so arbeiten wollen, wie wir leben wollen. Glaubst Du, dass Hallenprojekt.de ein Modell ist, das sich an eine breite Bevölkerungsschicht richtet? Ich glaube nicht, dass man dafür Selbstständiger sein muss. Das Modell kann auch für Festangestellte funktionieren. Es werden immer mehr Menschen in wechselnden Teams an wechselnden Projekten arbeiten. Genau dafür sind solche Hallenorte prädestiniert.

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