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Ein Brief an die Bild

Ein Mord in einer WG, ein Foto des Opfers namens Hannah in der Bild-Zeitung. Allerdings war die falsche Hannah zu sehen. In einem offenen Brief auf ihrem Blog wehrte sie sich nun. Im Interview erzählt sie von dem Tag, an dem die Bildzeitung sie für tot erklärt hat.
kristina-machalke

Hannah ist gesund und munter. Und ziemlich sauer. In der Bild-Zeitung und auf bild.de war am Samstag nämlich das Gegenteil zu lesen. Die Boulevardzeitung schrieb über einen Mordfall in einer Studenten-WG in Berlin. Im Stadtteil Wedding hatte, so hieß es, ein Mann seine Mitbewohnerin getötet und war dann aus dem Fenster gesprungen. Bebildert wurde die Geschichte unter anderem mit einem Foto von Hannah. Nur war es nicht die richtige Hannah. Als die erfuhr, dass sie laut Bild ermordet worden sein sollte, wehrte sie sich auf ihrem Blog mit einem offenen Brief.

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jetzt.de: Wie hast du erfahren, dass die Bild-Zeitung dich fälschlicherweise für tot erklärt hat?
Hannah: Ich habe das erfahren, als ich gerade bei meiner Arbeit im Einzelhandel eine Raucherpause gemacht habe. Ich rauche, schaue auf mein Telefon und sehe eine Facebook-Nachricht von einer entfernten Bekannten, die ziemlich panisch klingt. Ich solle mich unbedingt bitte ganz schnell bei ihr melden. Weil mein Studiengang in dem Artikel genannt ist und ich auch längere Zeit in Berlin gelebt habe, konnte man natürlich annehmen, dass ich die Tote bin. Ich bin zwar fünf Jahre älter als angegeben, aber da die Bild ja eh schlecht recherchiert, hätte man ja auch annehmen können, dass sie das unterschlagen haben.

Du hast bestimmt noch mehr solcher Anrufe erhalten, oder?
Ich habe noch ein paar mehr bekommen, aber dann schnell auf Facebook gepostet, dass ich lebe. Meine Mutter wurde am Montag in der Arbeit ganz erschrocken angeguckt und gefragt, warum sie denn da sei. Meinem Mitbewohner wurde kondoliert und er wurde gefragt, wie es ihm denn gehe. Das war schon ziemlich absurd. Meinen Eltern konnte ich es Gott sei Dank persönlich sagen.

Wie glaubst du, ist es zu der Verwechslung gekommen?
In meinem Blog steht, dass ich Hannah heiße und in Berlin gewohnt habe – wie das echte Opfer. Ich habe eine Vermutung, aber die möchte ich im Sinne des Persönlichkeitsrechts des echten Opfers nicht sagen. Für die Angehörigen des Opfers tut mir die Sache auch unglaublich leid. Ich werde versuchen, Kontakt zu ihnen aufzubauen, aber ich glaube, das braucht noch Zeit. Die beiden Geschichten sind zwar miteinander verquickt, aber diese Leute sind gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Da will ich mich jetzt erst mal nicht einmischen.

Du hast einen offenen Brief an die Bild-Zeitung geschrieben. Weil du sauer warst?
Ich bin nicht nur sauer darüber, dass mein Foto in der Bild-Zeitung war. Ich bin überhaupt sauer, dass Bilder von Toten oder gerade Ermordeten gedruckt werden. Ich finde, dass das eine Unverschämtheit ist und keinerlei moralischen Grundsätzen entspricht. Und soweit ich weiß, muss der Abdruck eines solchen Fotos mit der Einwilligung der Angehörigen passieren. Die konnten sie natürlich gar nicht geben, weil das ja gar nicht ich war. Dieser Sensationsjournalismus widerstrebt mir total. Und dass solche Leute nicht für einen Euro zwanzig recherchieren können, macht mich auch richtig sauer. Natürlich ist es jetzt auch sehr komisch, in so eine Geschichte verwickelt zu sein. Wenn mich jetzt Leute auf der Straße anschauen, frage ich mich schon: Schauen die mich jetzt wegen dieser Bild-Geschichte an?

Hast du Angst, dass die Geschichte weitere Nachwirkungen hat auf dich?
Ich habe einen sehr guten Anwalt, deswegen glaube ich, dass man das schon eindämmen kann. Ich denke, offensiv damit umzugehen, ist das Beste, was man machen kann. Ich habe mich auch schon mit meinem Anwalt besprochen und werde offensiv dagegen vorgehen.

Was erwartest du jetzt von der Bild?
Ich weiß, dass die Bildzeitung die Geschichte nicht wieder gutmachen kann. Die einzige Wiedergutmachung wäre, wenn solche Sachen in Zukunft nicht mehr geschehen würden. Aber das wird meiner Einschätzung nach natürlich nicht passieren. Natürlich könnte man jetzt über Geld reden, das ich fordern könnte. Aber um Geld geht es mir weniger. Ich muss dazu sagen, ich studiere Medienkunst und setze mich sehr viel mit Medien und solchen Strukturen auseinander. Mir geht’s da eher um so bestimmte Schnellschusshandlungen, die im Journalismus passieren und die ich unglaublich widerlich finde. Es geht mir allein um Skandalisierung, respektlosen und unethischen Journalismus, dem es fast egal ist, ob es das echte oder das falsche Bild ist. Mir geht es nicht um meine 15  minutes of fame! Das möchte ich benennen, weil ich zum Glück lebe und die Kapazitäten habe das zu tun.

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