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"Eine typische Karriere bringt Unzufriedenheit mit sich"

Joanna Hafenmayer hat mehr als 200 Menschen getroffen, die mit ihren Ideen die Welt verbessern wollen. Ein Gespräch über Unzufriedenheit in guten Jobs und den Willen des Menschen, Gutes zu tun
peter-wagner

jetzt.de: Frau Hafenmayer, was haben Sie bisher beruflich gemacht? Hafenmayer: Ich hab’ an der Uni St. Gallen Staatswissenschaften studiert und war nach meinem Abschluss im Jahr 2000 unter anderem vier Jahre bei Microsoft im Produktmarketing. Und dann hatten Sie irgendwann keine Lust mehr auf Ihre Arbeit? Oder wie kam es zu der Idee, zusammen mit ihrem damaligen Freund (und jetzigen Mann) eine große Reise zu den sozialen Unternehmern der Welt zu machen? Naja, wir hatten super Jobs, fragten uns aber: Wofür ist das denn alles gut? Es ist ja super, das Geld zu haben, aber zur Motivation ist das nicht genug. Andererseits wollten wir beide gerne reisen, aber nicht als Backpacker. Das klingt nach dem Aufbruch zur großen Sinnsuche. Schon, wir haben uns gefragt: Was ist wichtig im Leben? Diese Frage haben wir abgewandelt anderen Menschen gestellt: Was soll der „positive Impact“ eines Menschen sein? Wen haben Sie gefragt? Soziale Unternehmer im weiteren Sinne. Wie haben Sie die gefunden – und wer ist in Ihren Augen sozialer Unternehmer? Es gibt die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship, dort sind mittlerweile 200 herausragende Social Entrepreneurs zusammengeschlossen. Dort haben wir erste Kontakte geknüpft. Aber zu den 200 sozialen Unternehmern, die wir besucht haben, gehören die verschiedensten Menschen: Vom ganz jungen Volunteer bis zum 90-jährigen Arzt sind alle einbezogen. Menschen, die schon Karrieren in der Wirtschaft hatten und auch Leute ohne Ausbildung und auch Menschen mit vielen Titeln. Was haben die gemeinsam? Alle wollen in ihrem Berufsalltag gesellschaftlich etwas Positives tun. Manche sind Idealisten, andere sind soziale Unternehmer geworden, weil die Arbeit ihnen das Gefühl gibt, die eigenen Fähigkeiten richtig einzusetzen. Sagen Sie mir ein Beispiel? Chris Eyre war in den USA einer der ersten Venture Capitalists. Er hat 20 Jahre lang Start Ups finanziert und dann gesagt: ‚Mein Sohn hat ein super wichtiges Basketballspiel und ich bin schon wieder nicht dabei.’ Er hat seinen Job gekündigt und sich kirchlich engagiert und ein Basketballteam trainiert. Das klingt nach einer recht plakativen Bekehrung. Nicht ganz, er dachte sich nur: ‚Ich nutze mein Potenzial nicht! Die Fähigkeiten, die ich eigentlich habe.’ Er hat dann eine Organisation gegründet, in der sehr vermögende Unternehmer aus dem Silicon Valley in die besten Fonds der Welt investieren und die Gewinne guten Zwecken zu Gute kommen lassen. Haben Sie auch Menschen getroffen, die ihr Metier komplett gewechselt haben? Haben wir nicht, aber ich weiß, wovon Sie sprechen. Es gibt sie ja, diese Leute, die nach Afrika gehen und dort Brunnen bauen. Aber die sind am Ende ihres Ausflugs nicht wirklich zufriedener, weil ihr Potential wieder auf das Brunnenbauen reduziert wird. Wenn ich Ihnen folge, kann ich also doch nur zufrieden werden, wenn ich mein „Potenzial“ voll nutze, oder? Nennen Sie es „Fähigkeiten“, dann klingt es nicht so ökonomisch. Es gibt typische Karrierepfade, die eine Reduktion der Fähigkeiten mit sich bringen - und so auch Unzufriedenheit; weil man auf das fachliche Wissen reduziert wird. Man wird eine austauschbare Ressource mit Fachwissen. Aber der Mensch ist breiter angelegt und will eigentlich was Positives zur Welt beitragen!

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Soll heißen: Ich sollte nicht einfach nur stur meiner einen Ausbildung nachgehen? Ich plädiere für einen Mix. Auf fachliche Ausbildung ganz zu verzichten ist ja schwierig. Eine Kombination einer guten Fachbildung mit persönlicher Erforschungstätigkeit – das ist es. Sich viele andere Gedankengänge anschauen, Reisen und dabei nicht nur Tempel anschauen, sondern auch Menschen kennenlernen. Und vor allem muss es nicht für den Lebenslauf sein. Wer hat Sie auf Ihrer Reise am meisten beeindruckt? Eine Frau in Indien namens Roma Debabrata. Sie war Lehrerin und rettet heute verschleppte Mädchen aus Bordellen. Sie hat mit Übersetzungen für solche Mädchen angefangen; einmal wollte jemand ein Mädchen angreifen und sie ist dazwischen gegangen. Nach diesem Vorfall hat sie ein Netzwerk gegründet und zieht die Mädchen heute sprichwörtlich aus den Bordellen raus - obwohl es gefährlich ist. Das war unglaublich berührend, sie zu treffen. Sie mindert Leid – ganz praktisch. Und die Mädchen, die sie gerettet hat, helfen ihr bei den Rettungsaktionen. Sie nennt sie ihre "Töchter". Was machen Sie selbst heute? Ich bin wieder bei Microsoft und dort für „Sustainability und Corporate Responsibility“ verantwortlich und halte nach Projekten Ausschau, in denen sich Microsoft engagieren kann. ***

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*Die Zukunftsmacher: Eine Reise zu Menschen, die die Welt verändern - und was Sie von ihnen lernen können. Mit einem Essay des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus; Oekom-Verlag, 19.90 Euro

Text: peter-wagner - Foto: privat

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