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"Es fühlte sich an, wie komplett nackt im Supermarkt einzukaufen"

Zum zwanzigjährigen Jubiläum haben Placebo ein "MTV Unplugged Konzert" gespielt. Frontmann Brian Molko hat mit uns gesprochen.
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Molko erzählt, wieso sie sich dabei nackt gefühlt haben, warum naive Songs die größten Hits werden – und wieso er sich wünscht, die EU würde nicht existieren.

 

Sieben Alben in 20 Jahren und in den Charts immer ganz vorne dabei: Placebo ist eine der großen Konstanten des Glamrock. Darum lud MTV das Gründungsduo Brian Molko und Stefan Olsdal sowie den neuen Schlagzeuger Matt Lunn für eines der berühmten „Unplugged“-Konzerte des Senders ein. Im August spielte Placebo das Ganze in „The London Studios“ mit einer satten Auswahl ungewöhnlicher Instrumente ein. Mit Frontmann Molko (42) haben wir uns in London über „MTV Unplugged“,  das Band-Jubiläum und die EU unterhalten.

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    Foto: Universal Music

jetzt.de: Brian, wie hast du den „Unplugged“-Abend in London in Erinnerung?

Brian Molko: Die Show hat unsere eigenen Erwartungen noch übertroffen. Wir hatten vorher echt Bammel vor dieser Herausforderung, so ein Konzert gibt man ja nicht eben mal so nebenbei. Vorher waren wir zudem fast zweieinhalb Jahre mit wenigen Unterbrechungen auf Tour und deshalb total fertig.

 

Manchmal ist es ja gut, wenn man so müde ist, dass man sich schon wieder wach fühlt.

Absolut. Wir fühlten uns auf interessante Weise benommen – und nach der Aufzeichnung konnten wir ja immer noch nicht richtig ausruhen, sondern haben uns wochenlang sehr intensiv mit dem Schnitt beschäftigt. Während wir also intellektuell die ganze Zeit scharf gestellt waren, ist es überraschend, dass unsere Körper nicht zusammengeklappt sind.

 

Wie war das Konzert?

Was waren wir nervös! Wir wussten, dass es sehr anders wird als sonst, viel zarter, delikater, feinfühliger. Unsere Sensibilität war gefragt (lacht). Sonsthaben wir ja eine wuchtige Wand aus Sounds im Hintergrund, die eine Art Sicherheitsnetz für uns ist. Also waren wir darauf vorbereitet, wie furchteinflößend diese Show für uns werden würde, so ganz ohne Netz, baumelnd über dem Abgrund und mit wahnsinnig viel Raum zwischen den einzelnen Noten.

 

Womit kann man das Gefühl vergleichen?

Vielleicht damit, komplett nackt im Supermarkt einzukaufen. Es war eines der nervenaufreibendsten Konzerte, das ich in 20 Jahren mit Placebo je gespielt habe. Was wir nicht wollten: Das Konzert vorher sehr oft proben. Wir wollten uns so viel wie möglich von der Magie und Spontaneität dieses einmaligen Konzerts bewahren.

 

Bist du gerne mal nackt in der Öffentlichkeit?

Nein. Nein! (lacht) Ich war saumäßig erleichtert, als wir es geschafft hatten. Unsere Plattenfirma hatte vorher Horrorgeschichten erzählt von Bands, die neun Stunden oder gleich drei Tage brauchten, um ein Unplugged-Konzert für MTV aufzunehmen. Ich fand es toll, dass wir es in zweieinhalb Stunden geschafft haben.

 

"Als wir die alten Songs so unter die Lupe nahmen, fragten wir uns, was einige von ihnen zu Hits gemacht hat."

 

Taugt dieser Auftritt auch als Motivationsschub für euch?

Irgendwie schon. Insgeheim hatten wir lange schon davon geträumt, mal eine Show in dieser Art, vielleicht mit einem kompletten Orchester, auf die Beine zu stellen. Aber unter dem Banner von MTV war es noch mal eine andere Geschichte, denn der Sender hat strenge Regeln. Die Wichtigste: Du darfst ausschließlich akustische Instrumente spielen. Wir hatten argumentiert, dass alles, was batteriebetrieben ist, technisch als „unplugged“ durchgeht, wir also zum Beispiel Keyboards und Laptops hätten benutzen dürfen. Das ließ MTV aber nicht mit sich machen (lacht).

 

Habt ihr eure Songs, die ja teilweise schon zehn oder fast 20 Jahre alt sind, durch die neuen Arrangements von einer anderen Seite kennengelernt?

Ja, sehr. Zum Teil war es wie bei alten Schulfreunden, die man viele Jahre nicht gesehen hat und dann überrascht ist, wie sie sich entwickelt haben. Als wir die alten Songs so unter die Lupe nahmen, fragten wir uns, was einige von ihnen zu Hits gemacht hat.

 

Und?

Ich denke, dass die Naivität dieser Lieder dabei eine positive Rolle spielt. Erfolgreiche Songs funktionieren oft nach einem einfachen, beinahe kindlichen, Schema. Das ist auch bei uns nicht anders.

 

Wollt ihr nächstes Jahr eine komplette Akustik-Tour spielen?

Nein, wir wollen eine Greatest-Hits-Tour machen, bei der wir auch die kommerziell erfolgreichsten Stücke spielen, zu denen wir selbst schon eine Distanz aufgebaut haben. Damit wollen wir die Fans beglücken. Manche sind ja immer am meckern, dass wir ihre Lieblingslieder nicht spielen. Ich kann also nur betonen: Liebe Placebo-Fans, wenn ihr nochmal Songs wie „Pure Morning“ oder „Nancy Boy“ live hören wollt, dann müsst ihr kommen. Danach spielen wir die erst wieder im Jahr 2036!

 

Welcher Song ist sowohl Band- als auch Fan-Liebling?

Der Song, den wir in unserem Leben am häufigsten gespielt haben, ist „Every You Every Me“. Und paradoxerweise ist es genau der Song, bei dem ich ständig den Text vergesse, was mich leicht irre erscheinen lässt.

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    Brian Molko beim "Unplugged"-Konzert

Du bist dein halbes Leben lang der Sänger von Placebo. Hast du je daran gezweifelt, dass die Band so lange dein Lebensinhalt sein würde?

Unser Hauptmotiv hinter Placebo war: Alles dafür zu tun, um nicht dort zu landen, was die Leute einen „richtigen Job“ nennen. Stefan und ich wollten niemals in ein Büro. Wir wären aber auch perfekt glücklich gewesen, wenn wir genug mit Placebo verdient hätte, um uns ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch leisten zu können. So einen, nennen wir es mal, meteorischen Aufstieg, hätten wir eh nicht erwartet.

 

Zum Schluss was Politisches. Du bist quasi die Personifizierung der Europäischen Union: geboren in Brüssel, Vater ist halb Franzose, halb Italiener, deine Mutter Schottin. Was denkst du über all die Krisen, mit denen sich Europa derzeit beschäftigen muss?

Ich war immer sehr positiv gegenüber der EU eingestellt. Aber je älter ich werde, desto größer wird auch meine Skepsis – ich wünschte, die EU würde nicht existieren.

 

Wieso denn das?

Ich bin ein Linker. Und mein Herz ist bei den Flüchtlingen. In einer idealen Welt gäbe es für mich keine Flüchtlingskrise, denn es gäbe keine Grenzen. Was diese Politiker angeht, die in Brüssel was zu sagen haben? Ich vertraue denen nicht. Tut mir leid. Die sind doch nicht einmal vom Volk gewählt worden. Und dann gehen die hin und stellen Regeln auf für Länder, die massiv unterschiedlich sind. Das kann gar nicht funktionieren. Und ja, ich selbst bin ein Mischling aus vielen Ländern, was ich irgendwie immer noch cool finde. Ich bin außerdem für Einwanderung, für Palästina, und für das Niederreißen aller Zäune und Mauern auf der ganzen Welt.

 

Ganz schön radikal.

Jetzt bin ich richtig wach! (lacht)

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