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"H&M ist unser Tod"

Endlich! Seit ein paar Tagen gibt es den "Verband Kritischer Hipster". Wir hatten an die zwei Verteter gleich ein paar dringende Fragen.
philipp-mattheis

„Hipster is a slang term that first appeared in the 1940s (see Hipster: 1940s subculture), and was reincarnated in the 1990s and 2000s often to describe types of young, recently settled urban middle class adults and older teenagers with interests in non-mainstream fashion and culture, particularly alternative music, indie rock, independent film, magazines such as Vice and Clash, and websites like Pitchfork Media.“ (www.wikipedia.org)

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jetzt.de: Was ist denn eigentlich ein Hipster? Hipster sind hedonistische, trendangebende Menschen in einem urbanen Umfeld. Sie arbeiten in Berufen, in denen es um Kreativität geht. In Berlin begann dieses Phänomen mit der „Digital Bohème“ Anfang der Nuller Jahre. Gemeinhin assoziiert man den Hipster mit Röhrenjeans und Nerdbrille. Würdet ihr auch sagen, das sind die Insignien des Hipsters? Äußerliche Merkmale sind eigentlich sekundär. Aber Hipster tragen auch mit 40 noch Sneakers und Umhängetasche. Die Nerdhornbrille ist natürlich schon sehr wichtig. Das ist vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner. Allerdings haben wir schon Hornbrillen getragen, als uns der Optiker noch auslachte und vom „Honecker-Modell“ sprach. Und was ist jetzt ein „kritischer Hipster“? Wir sind Menschen, die sich zwar als Teil dieser Hipster-Schublade sehen. Trotzdem stehen wir gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch gegenüber. Das Hipstertum wird grotesk, wenn man mit einem SUV vor dem Bioladen parkt oder zu einer Cluberöffnung nach London mit einem Billigflieger fliegt. Was uns auch nervt, ist das scheinheilige Gelaber über Multikulti: Hier am Prenzlauer Berg geben sich die Leute alle sehr tolerant. Tatsächlich kennen sie aber höchstens Greencardinder und den türkischen Obstverkäufer. Wer wirklich andere Kulturen sehen will, muss den Prenzlauer Berg verlassen. Und ihr möchtet, dass die Menschen das tun? Wir möchten kritisch bleiben. Natürlich ist dieses Blog eine „Champagneridee“ – uns geht es trotzdem auch ums Genießen. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Ihr meint das nicht ironisch. Wir meinen es ernst, bedienen uns aber ironischer Stilmittel. Wir sprechen die Sprache der Leute, um sie zu erreichen. Dazu gehört auf jeden Fall Ironie. Hipster sind ironisch, die Hornbrille ist ja selbst reine Ironie. „The whole point of hipsters is that they avoid labels and being labeled. However, they all dress the same and act the same and conform in their non-conformity. Doesn't the fact that there is a hipster look go against all hipster beliefs?“ (Julia Plevin in „The Huffington Post“)

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Einen Verband zu gründen, klingt jetzt nicht so wahnsinnig hip... Aus ironischer Sicht ist das total hip! Wir wollen eine Institution schaffen, in der nur Leute sind, die Wert auf Individualismus legen.Wir haben uns zunächst im Deutschen Verbandsrecht informiert: Wir sind ja bisher zu sechst, um einen richtigen Verband zu gründen, braucht man sieben Personen. Aber die siebte Person kriegen wir bestimmt noch. Die wenigsten „Hipster“ bezeichnen sich selbst als solche, ihr schon. Warum das? Wir sind Teil dieser Kultur, wir verleugnen uns nicht. Wir gehören nun einmal einer Generation an, der vieles egal ist. Ihr schreibt auf eurem Blog: „Wir sind Teil der Gentrifizierung und wir sind von ihr tagtäglich umgeben. Wir lieben das multi-kulturelle Flair Berlins, müssen aber dafür den Prenzlauer Berg verlassen. Wir sind mittendrin und das veranlasst uns zur Kritik.“ Könnt ihr das bitte erklären?“ Wir selbst sind Teil der Gentrifizierung – denn damit ist die Verdrängung alter, traditioneller Strukturen gemeint. Wir zahlen die Mieten, die sich die alten Einwohner des Viertels nicht mehr leisten können, und die deswegen wegziehen müssen. Und den zweite Punkt haben wir ja schon angesprochen: Es gibt auf dem Prenzlauer Berg kein Multikulti. Die einzigen Kulturen, die hier aufeinander treffen, sind die schwäbisch-badensische und die altberliner Kultur. Alfred Biolek meinte einmal, Berlin erinnere ihn an New York vor 25 Jahren – das ist insofern Blödsinn, weil es hier so gut wie keine Kopftuchträgerinnen gibt. Kann man auch in Buxtehude Hipster sein? Klar, in Buxtehude hat man die große Chance, besonders ironisch zu sein. Dorfpunk. Außerdem fällt man dort auf. Im Großen und Ganzen aber hat es der Hipster in der Provinz natürlich schwerer. Man braucht den Anschluss ans Internet, aber auch den ans analoge Leben. Wir nennen das „Places and Faces“. Das Blog gibt es erst seit ein paar Tagen, was für Beiträge wollt ihr dort veröffentlichen? Wir möchten tagtägliche Kritiken schreiben, über Dinge, an denen wir uns reiben, aber auch über große globale Themen. Wir sind keine Scharfrichter, aber wir möchten Debatten und Gedanken anstoßen. "Paradoxically, those who used the insult were themselves often said to resemble hipsters — they wore the skinny jeans and big eyeglasses, gathered in tiny enclaves in big cities, and looked down on mainstream fashions and 'tourists.'" (Mark Grief in der New York Times") Erzähl bitte etwas über euch: Wie alt bist du? Was machst du? Der Kritische Oberhipster ist 32 Jahre alt, er arbeitet seit zehn Jahren in der Werbebranche und war früher auch mal Model. Er kommt aus Ostdeutschland und wohnt seit 2001 in Berlin. L'hip Critique ist 34, wohnt seit 15 Jahren in Berlin und arbeitet in der Internetbranche. Klassiche Hipsterberufe also... Ja, außerdem haben wir noch eine Modedesignerin, die sich um den Hipsternachwuchs kümmert und einen Resident DJ. Hipstersein ganz ironiefrei – geht das? Das geht schon. Es ist ja so: Es gibt den harten Kern der Hipster, der ist nur ironisch. Der äußere Kreis, die Mitläufer, reflektieren weitgehend ironiefrei. Ich halte es da mit Campino, der sagte: Punk war tot, als es Lederjacken bei C&A gab. Unser Tod heißt H&M. Im Oktober ist in den USA ein Buch erschienen mit Titel What was the Hipster?. Der Titel legt nahe, dass das Hipster-Phänomen schon wieder vorbei ist... Das kann schon sein, aber das sind alles Evolutionsstufen. In Berlin hat sich das Hipstertum der Digital Bohème heraus entwickelt. Menschen, die so prekär leben, wird es ja weiterhin geben. Vielleicht gibt es dann bald einen neuen Begriff. Mehr dazu: Der Hipster: Ein Überbleibsel der Nullerjahre

Text: philipp-mattheis - Fotos: photcase/ gschpænli, MasterDomino

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