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Heimat im Topf

Nichts weckt so viele Erinnerungen wie der Duft nach dem Lieblingsessen. Vier Studenten aus Berlin haben ein Kochbuch mit Asylsuchenden geschrieben. Ein Gespräch über Kochen als Selbstbestimmung, Vorurteile und ein Getränk, das nach zu Hause schmeckt.
kathrin-hollmer

Bontu Guschke, 20, und Carolin Strehmel, 21, studieren Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin, Ninon Demuth und Gerrit Kürschner, beide 24, studieren Biotechnologie an der Technischen Universität Berlin. Zusammen haben die vier das Kochbuch "Über den Tellerrand kochen" geschrieben, in dem sie die Rezepte und Geschichten von 21 Asylbewerbern zusammengetragen haben. Gerade ist die zweite Auflage erschienen.
Wir haben mit Bontu über das Kochen und Einkaufen mit den Asylsuchenden gesprochen.  

jetzt.de: Herzlichen Glückwunsch, ihr habt mit eurem Kochbuch den Uni-Wettbewerb Funpreneur gewonnen und seid am Montag mit dem Preis des bundesweiten Wettbewerbs Go for social ausgezeichnet worden. Wie kommt man auf die Idee, ein Kochbuch zusammen mit Asylbewerbern zu schreiben?
Bontu Guschke: Als wir die Idee hatten, waren die Proteste gegen das Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf gerade überall in den Medien. Daran haben wir gesehen, dass so viele Menschen eine innere Abneigung gegen Asylbewerber haben, und zwar weil sie die Menschen, die dort leben, nicht kennen. Mit dem Buch wollten wir diese Menschen näher bringen. Wir haben nicht nur die Rezepte, sondern auch die Geschichten der Menschen dahinter gesammelt. Und mit einem Kochbuch, dachten wir, können wir viele Menschen erreichen.  

Bontu, Nasir und Ninon (von links nach rechts) beim Essen.

Welche Rezepte haben euch die Asylsuchenden gezeigt?
An einem Abend haben wir zusammen mit Shaikh aus Pakistan und Nasir aus Nigeria gekocht. Shaikh hat mit uns als Hauptspeise Chicken karahi, ein Hühnchengericht mit Ingwer, Koriander und Knoblauch, gekocht. Dazu haben wir Paratha gebacken, pakistanisches Brot. Als Nachspeise haben wir Koko Hausa aus Nigeria getrunken, ein dickflüssiges Getränk, das irgendwie süßlich-bitter schmeckt. Nasir hat das in seiner Kindheit getrunken, wie alle Kinder in Nigeria, und es ist auch heute noch eines seiner liebsten Getränke, weil ihn das so an seine Heimat erinnert.  

Wo und wie habt ihr zusammen gekocht?
Meistens haben wir die Asylsuchenden zu uns eingeladen, einmal waren wir auch im Asylbewerberheim, da gibt es Gemeinschaftsküchen. Mit Hassan aus Ghana haben direkt am Oranienplatz gekocht, er hat einen Gaskocher, Töpfe und Schalen ausgepackt und einen Eimer Wasser geholt, weil es kein fließendes Wasser gibt. Es war ein toller Abend.  

Wenn ihr nicht da seid, kochen die Asylsuchenden dann allein?
Viele würden gern zusammen zu kochen, aber es gibt nicht genügend Kochmöglichkeiten und Platz. Dann isst doch wieder jeder für sich. Shaikh aus Pakistan zum Beispiel hat erzählt, wie traurig er es findet, sich alleine an den Tisch zu setzen. Aus seiner Heimat kennt er es so, dass man zusammen kocht und vor allem zusammen isst. So geht es vielen. Wenn man zusammen mit seiner Familie flieht, ist es natürlich anders. Im Flüchtlingscamp am Oranienplatz haben wir eine syrische Mutter getroffen, die jeden Tag selbst Käse für ihre Familie macht.  

Käse?
Wir haben auch gestaunt. Sie presst dafür Joghurt durch einen Kissenbezug und mischt ihn mit Gewürzen und Sesam. Einfach, weil sie es ihrer Familie hier so schön wie möglich machen will. Essen und Kochen hat ganz viel mit Geborgenheit und Wohlfühlen zu tun. Shaikh zum Beispiel hat uns viel darüber erzählt, wie in seiner Heimat gekocht wird, wer kocht, was man wann isst. Wenn man zusammen kocht, lernt man sich automatisch kennen. Man sitzt sich nicht gegenüber und einem gehen die Worte aus. Die Erinnerungen kommen ganz automatisch hoch.  

Welche Erinnerungen waren das bei den Asylbewerbern, mit denen ihr gekocht habt?
Wir haben viele schöne, aber auch viele traurige Geschichten gehört. Nasir aus Nigeria hat erzählt, dass er kochen kann, weil er als kleiner Junge immer seiner Mama über die Schultern geguckt hat. Als wir dann gekocht haben, hat er kurz vorher seine Mutter in Nigeria angerufen und gefragt, welche Zutat man zuerst hinzufügen muss. Er brachte ein nigerianisches Gewand mit und hat es angezogen, weil er gesagt hat, wenn er nigerianisch kocht, will er sich auch nigerianisch fühlen, und dann zieht er sein Gewand dafür an. Als Sheema erzählt hat, dass er seinen vierjährigen Sohn in Pakistan zurücklassen musste, standen ihm die Tränen in den Augen.  

Was fehlt den Asylsuchenden, abgesehen von ihren Familien?
Natürlich brauchen sie auch Kleider-, Essens- und Geldspenden, aber was ihnen am meisten fehlt, ist der Kontakt: Menschen kennenlernen, mit Menschen reden, jemanden haben, der sich für sie interessiert, sich mit ihnen trifft, dass sie das Gefühl haben, sie sind willkommen in Deutschland. Und Deutschkurse. Es gibt alle möglichen Regelungen, wann man einen Kurs machen darf und wann nicht. Wenn man aber kein Deutsch kann, ist es schwer, Anschluss zu finden. Im Moment unterstützen wir mit einem Teil des Verkaufspreises Pro Asyl, in nächster Zeit wollen wir dieses Geld auch nutzen, um kleinere Organisationen und Projekte wie Deutschkurse zu unterstützen.   

In Oberbayern werden ab Anfang März die Essenspakete für Flüchtlinge abgeschafft, stattdessen bekommen sie dann knapp 140 Euro im Monat, um selbst einzukaufen. Wie wichtig ist das für die Asylsuchenden?
Es ist viel besser als etwas vorgesetzt zu bekommen. Auch, wenn es am Anfang schwierig ist.  

Inwiefern?
Mit Nasir waren wir einmal in einem deutschen Supermarkt. Er hat Gries gesucht und war ein bisschen überfordert von dem riesigen Sortiment. Gries gab es in zehn verschiedenen Varianten, er wusste gar nicht, welchen er nehmen soll.  

Und dann?
Hat er einfach einen ausprobiert. Die Asylsuchenden kennen viele Sachen schon, oder sie probieren sie aus, und wenn es nicht ganz so klappt, nehmen sie das nächste Mal etwas anderes. Die meisten sagen, dass sie hier bleiben wollen, da gehört es dazu, dass man sich auch in einen neuen Supermarkt einlebt. Und das tun sie gern, sie wollen mit den Verkäufern und anderen Kunden ins Gespräch kommen. Und ihre "Tricks" weitergeben.

Welche Tricks?
Shaikh hat uns erzählt, dass in Pakistan das Kochen mit ganz vielen gesundheitlichen Dingen verbunden ist: Morgens isst man zum Beispiel sieben Mandeln, weil das wohl besonders gut für den Körper ist. Es macht ihm so viel Spaß, solche Sachen zu erklären. Für uns war das ganz toll, weil wir als nächstes die Idee haben, Kochkurse von Asylsuchenden anzubieten.  

Was habt ihr da geplant?
Wir stellen uns das so vor, dass die Asylsuchenden Kochkurse geben und dafür Geld bekommen. Das Problem ist: Asylsuchende in Deutschland dürfen eigentlich nicht arbeiten. Es gibt Sondergenehmigungen, da müssen wir uns noch informieren, damit alles rechtens abläuft. Die Kochkurse sollen aufgebaut sein wie unser Buch, nicht mit einer Landesküche, sondern denen aus 14 verschiedenen Nationen. Aus Ghana, Nigeria, Pakistan, Bosnien, Mazedonien. In einem Kochkurs passiert das Kennenlernen noch auf einer viel persönlicheren Ebene als über das Buch.




Das Kochbuch "Über den Tellerrand kochen" kann man auf der Webseite Überdentellerrandkochen.de kaufen. 2,50 Euro pro verkauftem Buch gehen als Spende an Pro-Asyl zur Unterstützung von Projekten mit und für Asylsuchende.


Text: kathrin-hollmer - Fotos: privat

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