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Hip Hop Hurra!

Am 17. Juni eröffnet die erste Hip-Hop-Ausstellung des Landes. Wir sprachen mit den Kuratoren über Kool Savas Jacke, Genregrenzen des Gangsterrap und Hip-Hop für Schlagerfans.
daniel-schieferdecker

Vergangenen Monat rappten sich Dendemann und Jan Böhmermann bei ZDFNeo einmal quer durch die deutsche Hip-Hop-Geschichte, nun gibt es die auch im rock’n’popmuseum in Gronau zu sehen: Am 26. Juni eröffnet dort die Ausstellung „Styles – Hip-Hop in Deutschland“, in der bis zum März 2016 Exponate aus einem Vierteljahrhundert Hip-Hop-Kultur gezeigt werden. Es ist bundesweit die erste Ausstellung, die sich dem Hip-Hop-Genre widmet. Aber wie bringt man Rap ins Museum? Darüber sprachen wir mit Ausstellungsleiter Dr. Thomas Mania sowie Mit-Kuratorin und Rapperin Pyranja.  

jetzt.de: In Museen ist in der Regel Kunst zu sehen, nun bringen Sie erstmals Hip-Hop ins Museum. Ist Hip-Hop also Kunst?
Dr. Thomas Mania: Hip-Hop beinhaltet ja auch Graffiti und Street-Art, letzteres trägt den Kunstbegriff bereits im Namen. Meiner Meinung nach hat Graffiti durchaus Annäherungspunkte zur Kunst. Freestyling ist ebenfalls sehr künstlerisch. Rap ist heutzutage zudem ein Stück weit Literatur.  

Wie kann man Hip-Hop einem Museumspublikum richtig vermitteln? 
Wir versuchen, das Phänomen für den szenefremden Normalbesucher runterzubrechen, es aber gleichzeitig auch für Experten interessant zu halten. Unser Publikum ist erfahrungsgemäß nicht sonderlich Hip-Hop-affin – zuletzt hatten wir großen Erfolg mit einer Schlagerausstellung. Man muss also die Grundstrukturen der Kultur vermitteln. Daher beleuchten wir auch die Anfänge von Hip-Hop in Amerika bis zu dem Zeitpunkt, an dem es in Deutschland losging. Außerdem widmen wir uns der kompletten Hip-Hop-Kultur, also nicht nur der Musik sondern auch Breakdance und Graffiti.   



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Wie wurde es innerhalb der Szene wahrgenommen, dass sie sich als Wissenschaftler mit Hip-Hop auseinandersetzen?
Es gab durchaus Berührungsängste. Denn die Szene selbst mag manch eine Entwicklung anders beurteilen als wir das tun. Wir konnten die anfänglichen Bedenken aber weitgehend ausräumen. Leute wie Torch oder die Ricks [DJ Rick Ski und Future Rock, die mit LSD 1991 »Watch Out For The Third Rail« veröffentlicht haben; Anm. d. Verf.] haben sich über unsere Idee von Anfang an sehr gefreut. Torch hatte ja selbst schon mal vor, in Heidelberg ein Hip-Hop-Museum zu initiieren – genauso wie Akim Walta [aka Zeb.Roc.Ski, Gründer des Labels MZEE; Anm. d. Verf.], den wir für unsere Ausstellung ebenfalls begeistern konnten.

Also höchste Zeit, Hip-Hop ins Museum zu bringen?
Ja, offenbar. Wobei Akim Walta die offizielle Unterstützung fehlt – und das privat zu machen wäre Harakiri. Torch hingegen hatte bei der Stadtverwaltung in Heidelberg wohl bereits Anklang gefunden, konkret geworden ist bisher aber noch nichts.  

Die Ausstellung trägt den Titel »Styles – Hip-Hop in Deutschland«. Wer hat den deutschen Stil ihrer Meinung nach geprägt?
Wir haben drei Bereiche unterteilt. Zunächst den Beginn der Oldschool, etwa endend mit dem Auftauchen der Fanta 4, als Rap plötzlich eine humoristische Seite bekam und nicht mehr ganz so linksliberal war wie am Anfang – der Beginn der Neuen Schule. Dann gibt es den Freestyle-Bereich mit Bestandteilen wie den »Beatz aus der Bude«-Sessions von DJ Lifeforce. Und natürlich widmen wir uns auch dem neuen Jahrtausend mit Phänomenen wie Aggro Berlin. Da gibt es viele Parallelentwicklungen.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie jemanden wie Kool Savas, dessen erste Veröffentlichung aus dem Jahr 1997 stammt, der mit seiner expliziten Sprache aber auch den Weg für Gangstarap geebnet hat. Das hat sich also bereits Mitte der Neunzigerjahre entwickelt, ist aber erst Anfang des neuen Jahrtausends mit Aggro Berlin richtig groß geworden.     

Sie haben die Ausstellung auch mit vielen Exponaten bestückt. Was gibt es denn zu sehen? 
Von B-Tight haben wir eine goldene Schallplatte bekommen, von Savas eine Jacke. Torch hat uns einen ganzen Stapel alter Jam-Plakate vom Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre zur Verfügung gestellt, an denen man noch sehr schön die damals enge Verbindung der einzelnen Hip-Hop-Elemente Rapping, DJing, Breakdance und Graffiti sehen kann. Von den Gebrüdern Rick haben wir das komplette Equipment bekommen, mit dem sie ihre erste Platte gemacht haben. Außerdem natürlich viele Fotos, Plakate, Platten – insgesamt sind es etwa 150 Exponate.  

Sie haben unter anderem die Rapperin Pyranja als Kuratorin mit ins Boot geholt. Wie kam es dazu?
Das war ein Zufall, der sich als Glücksfall erwiesen hat: Jemand hat den Kontakt hergestellt, sodass wir uns in Berlin getroffen und dann sehr schnell beschlossen haben zusammenzuarbeiten. Der Vorteil bei Pyranja: Sie kommt einerseits aus der Szene, hat andererseits aber auch als Journalistin gearbeitet und sich sogar wissenschaftlich mit Hip-Hop auseinandergesetzt – sie hat demnach eine Innen- und Außensicht auf die Kultur. 

Einer aktuellen amerikanischen Studie zufolge ist Rapmusik die einflussreichste Musik der letzten Jahre. Denken Sie jetzt über eine Namensänderung des Museums nach?
Höchstens für die neun Monate, in denen die Ausstellung läuft. Aber das »Pop«, das für populäre Musik steht, schließt Rapmusik natürlich mit ein.    

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Ausstellungsleiter Dr. Thomas Mania will Hip-Hop auch für Schlagerfans zugänglich machen.

>>>> Auf der nächsten Seite liest du das Interview mit Rapperin Pyranja.
 


 

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Rapperin Pyranja konzipierte die Ausstellung mit.  

jetzt.de: Du bist die einzige Künstlerin im Kuratorium. War es manchmal schwierig, den Kollegen deine Sicht klarzumachen?
Pyranja: Eigentlich nicht, weil auch meine Mit-Kuratoren thematisch sehr bewandert sind – auch wenn sie als Uni-Professoren einen anderen Blick darauf haben. Es war spannend zu sehen, wie sich unsere verschiedenen Sichtweisen ergänzen. Aber klar: Es gab auch die eine oder andere Diskussion – aber davon lebt so eine Ausstellung. Und ich finde es nach wie vor abgefahren, dass es nun überhaupt eine Ausstellung über deutschen Hip-Hop gibt.  

Wart ihr euch denn schnell einig darüber, wie die Ausstellung aussehen soll?
Wir haben viel diskutiert. Nach welchen Kriterien wählt man die Leute aus, denen man in der Ausstellung Platz einräumt? Geht man nach Verkaufszahlen und Charterfolgen, nach der Anzahl veröffentlichter Platten, nach den Inhalten, nach Reimtechnik und Flow? Und: Wie objektiv muss man sein und wie subjektiv darf man werden? Allesamt schwierige Fragen, die das Ganze aber eben auch spannend machen.  

Welche Frage hat euch besonders beschäftigt?
Zum Beispiel, ob man die Frauen wieder in einer blöden Female-Rap-Ecke unterbringen soll. Wir haben uns aber einstimmig dagegen entschieden, weil man die künstlerische Qualität von Musik nicht am Geschlecht des jeweiligen Protagonisten festmachen kann. Und eine Ecke, in der Sabrina Setlur neben Fiva steht, hätte sich für mich auch komisch angefühlt.  

Wie sah die Arbeit an der Ausstellung für dich denn konkret aus?
In erster Linie musste ich mein Telefonbuch durchgehen, Leute anrufen und Kontakte herstellen. Aber natürlich habe ich auch zusammen mit den anderen Kuratoren ein Ausstellungskonzept erstellt und versucht, dem Ganzen eine Struktur zu geben. Es ist nicht leicht, eine dreißig Jahre währende Kultur wie Hip-Hop in Deutschland komplett abzubilden, das heißt: Man muss sich entscheiden, welche Aspekte man herauspickt. Aber man ist natürlich auch davon abhängig, in welcher Form sich Künstler einbringen und welche Exponate man zur Verfügung gestellt bekommt.     

War es für dich als Künstlerin einfacher, andere Musiker von der Ausstellung zu überzeugen?
Nicht bei allen, aber bei einigen. Natürlich ist es etwas anderes, ob ich bei jemandem anrufe, den ich kenne, als wenn irgendeine Dame aus Gronau anruft und sagt: »Wir machen da was mit Hip-Hop.« Da würde ich auch erst mal in Habachtstellung gehen.

Bist du selbst auch in der Ausstellung zu sehen?
Ja, aber ich habe mich lange dagegen gewehrt, weil ich es unangebracht finde, gleichzeitig als Künstlerin und Kuratorin an der Ausstellung mitzuwirken. Ich wurde aber überstimmt – Nun ist in der Ausstellung eine Backstage-Bänder-Sammlung von mir zu sehen sowie meine erste Vinyl-LP.  

Dein letztes Soloalbum ist vor knapp zehn Jahren erschienen – wie sehr bist du selbst noch aktiver Teil der Szene?
Ich bin in den vergangenen Jahren immer mal wieder aufgetreten, auch in Südamerika, Ägypten, den USA, dem Libanon und Russland – das war toll. Ich habe auch noch ein halbes Album in der Schublade, aber dann kam erst ein Kind, dann noch eins und plötzlich saß ich in der Babyfalle. Demnächst möchte ich mich aber daraus befreien und die zweite Albumhälfte aufnehmen. Wann das Album erscheint, kann ich noch nicht sagen.

Text: daniel-schieferdecker - Fotos: Mario Brand

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