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"Ich bin nicht immer nur dagegen"

Der Liedermacher Hans Söllner ist jetzt 54 und kifft und mault und knattert trotzdem wie in seinen besten Tagen. Ein Gespräch über seine Kinder, über Politik, Protest und natürlich das Gras.
philipp-mattheis

jetzt.de: Du oder sie? Hans Söllner: Du. Obwohl, wenn’s ums Kiffen geht, ist das „Sie“ vielleicht nicht schlecht. Sonst denken wieder alle, das machen nur pubertäre Rotzlöffel. Oder doch du, ach wurst. Wann hast du zum letzten mal daran gedacht, mit dem Kiffen aufzuhören? Überhaupt noch nie. Wie oft rauchst du Gras? Privat eigentlich kaum noch. Ich rauche nur vor Konzerten und Bandproben. Ich muss mich nicht in Partystimmung bringen oder so etwas. Für mich hat Kiffen eine Bedeutung, das ist nicht wie bei einem 18-Jährigen. Welche Bedeutung denn? Eine religiöse, ich bin Rastafari. Für mich ist das eine Möglichkeit, mit meinem Universum in Verbindung zu treten, eine Bewusstseinserweiterung. Du rauchst vor dem Konzert? Unmittelbar davor, also etwa zwei Minuten, bevor es losgeht, zünde ich mir meinen Spliff an. Ich kann dann mit der Gitarre gut umgehen und mir Texte besser merken. Das ist eine Art religiöse Ekstase. Mir wird dann bewusst, dass das alles ein Geschenk des Universums ist: Leute kommen und hören sich meine Musik und Texte an. Das ist eine Zeremonie wie in der Kirche; da kriegst auch deine Oblate und einen Wein dazu. Rauchen deine Kinder auch? Meine Kinder interessieren sich Gott sei Dank für so was nicht besonders. Wenn man Söllner heißt, ist eh gleich die Kacke am Dampfen. „Gott sei Dank“, sage ich aber nur, weil es verboten ist. Wäre es legal, dann wäre es mir tausendmal lieber, wenn sie rauchen, als sich ins Koma zu saufen. Hast du früher mehr geraucht? Früher, ja. Früher habe ich viel geraucht.

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Warum jetzt weniger? Es ist für mich mit der Zeit immer mehr zur Religion geworden. In Jamaica singen die Leute, das ist eine Form des Gebets. Hier gackern sie nur blöd rum. Wie ist das bei dir im Dorf: Wissen die Leute, dass du selbst anbaust und dann schaut ab und zu die Polizei vorbei? Nein, die Leute wissen das nicht. Ich sage, dass ich anbaue, aber nicht bei mir im Garten! Da wäre ich ja blöd. Meine Pflanzen stehen irgendwo auf dem Berg, ich habe da so meine Plätze. Dreimal im Monat gehe ich dann hoch, so auf 800, 1000 Meter und schaue mir meine Pflanzen an. Ab und zu habe ich auch Pech und die Rehe waren schneller als ich. Kiffen soll blöd machen auf Dauer. Na! In einer Zeit, wo Kinder mit Ritalin ruhig gestellt werden, habe ich doch keine Angst, dass ich von einer Pflanze blöd werde! Der Arzt hat zu mir gesagt: Ihr Sohn hat ADHS, er kann sich nicht konzentrieren. Da habe ich gesagt: Was? Einer, der fünf Stunden beim Angeln sitzt, der kann sich wohl konzentrieren! Aber wenn ich mir den Schulstoff anschaue, wundert mich das nicht, dass der sich nicht konzentrieren kann, bei diesem Scheißdreck, den die lernen müssen. Und jetzt? Ritalin kriegt der sicher nicht von mir. Ich lasse mir doch von so einem Wichtigtuer nicht sagen, dass mein Kind mit Medikamenten ruhig gestellt werden muss. Wie alt sind deine Kinder? Die sind 23, 19, 16, 8 und 3 Jahre alt. Dein Vater hatte ein schweres Alkoholproblem und zwei deiner Geschwister haben es auch. Trinkst du selbst überhaupt Alkohol? Ich trinke von Zeit zu Zeit ein Glas Rotwein. Aber kein Bier, keinen Schnaps. Hey, Staat. Ein Söllner-Song: Trinken deine Kinder Alkohol? Ja, die gehen viel aus. Natürlich. Aber komischerweise stört die das alles nicht so. Was soll sie denn stören? Ach, zum Beispiel dieser Polizeistaat, diese ständigen Kontrollen, bloß weil man lange Haare hat. Ich zum Beispiel lasse mich nicht von der Polizei kontrollieren, ich lasse mich jedes Mal von denen aufs Revier bringen. Aus Prinzip. Warum ziehst du nicht einfach aus Bayern weg? Keine Lust. Die Probleme, die ich hier habe, die habe ich doch überall. Hast du dir schon mal überlegt, in die CSU einzutreten, um den Laden von innen aufzurollen? Na. Ich räume den Laden von außen auf. Überhaupt mal daran gedacht, Politik zu machen? Nein! Warum nicht? Da müsst ich soviel wissen. Mir reicht das, was ich weiß, aber das reicht nicht für die Politik. Du hast viele Leute beleidigt. Franz Josef Strauß hast du mal einen "dreckigen Faschisten" genannt. Gibt es eine Beleidigung, die du bereust? Nein. Für mich waren das auch keine Beleidigungen. Ich hatte 28 Hausdurchsuchungen, auf meinen Konzerten sind immer ein Dutzend Polizisten, ständig werde ich kontrolliert! Wer ist denn da bitte das Arschloch? Aber du bist ruhiger geworden, was das betrifft? Ich war irgendwann an dem Punkt, wo ich mir sagte: Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann ist dein Haus weg, deine Kohle, deine Frau, deine Kinder – bloß, weil du einem Arschloch sagst, dass er ein Arschloch ist. Jetzt behalt’ ich das halt für mich. Die wissen doch selber, dass sie Arschlöcher sind. Die denken sich das doch jeden Morgen, wenn sie in den Spiegel schauen. Bist du Demokrat? Das hier ist keine Demokratie. Ich will direkte Demokratie. Mein Traum ist eine Feuerstelle in jedem Dorf, an der alle Stadtratssitzungen ausgetragen werden. Wenn es die Bevölkerung interessiert, dann diskutiert sie mit. Und wenn nicht, dann ist es doch eh überflüssig! Ist es anstrengend, immer nur dagegen zu sein? Ich bin nicht immer nur dagegen, ich bin nur gegen viele bestimmte Sachen, die mir gegen den Strich gehen. Ich bin sogar der Meinung, manchmal mit Dingen klar zu kommen, die mir nicht passen. Manchmal sage ich meinen Kindern: Ich kann nichts machen, wir müssen da durch. Die Jugend-, Scheidungs- und Was-weiß-ich-Gesetze werden eben von Merkel und Konsorten getroffen. Gehst du wählen? Nein. Ich gehe nur zu Bürgerentscheiden.

Text: philipp-mattheis - und Ulrike Schuster; Foto: privat

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