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"Ich bin nicht so der Typ fürs Klappe halten"

Majid al Bunni, 26, wurde in Syrien verhaftet und gefoltert. Mittlerweile lebt er in Berlin und moderiert dort bei Baladna FM, einem Exilradiosender. Ein Interview über Radioschmuggel, Alltag im Krieg und den Wert der Meinungsfreiheit.
charlotte-haunhorst

Du arbeitest bei Baladna FM, einem Radiosender, der von Berlin aus nach Syrien sendet. Was genau tut ihr dort?
Majid: Baladna FM ist eine Initiative der SCO (Syrian Charter Organisation). Dabei handelt es sich um eine Organisation von jungen, syrischen Intellektuellen, die teilweise das Land verlassen mussten. Trotzdem versuchen sie weiter über und aus Syrien zu berichten. Radio Baladna ist eines ihrer Programme. Wir werden von der Berliner NGO MICT unterstützt, seit Oktober 2012 sind wir auf Sendung. Zunächst waren wir nur als Webradio empfangbar. Mittlerweile haben wir aber auch eine FM-Frequenz  

Was für Inhalte sendet ihr?
Die grundsätzliche Idee war, einen Sender zu schaffen, der pluralistische Meinungen vertritt. Hier arbeiten 25 Leute ehrenamtlich, manche aus Syrien, andere aus dem Ausland. Wir werden von keiner der Konfliktparteien im Syrienkrieg finanziell unterstützt und weigern uns auch, von denen Gelder anzunehmen. Trotzdem melden sich die Assad-Befürworter bei uns eher nicht zu Wort, weil wir als Oppositionssender abgestempelt wurden. Islamisten verdammen wiederum, dass wir viel Musik spielen. Die sind also auch schwer zu erreichen. Wir machen viele praktisch orientierte Sendungen über Probleme in der syrischen Community. Eine Sendung heißt „What to do“ – da werden Fragen wie „Was tue ich, wenn mein Haus brennt?“, „Wie gehe ich mit jemandem um, der aus dem Gefängnis zurückkommt?“ oder „Wie errichte ich ein Feldlazarett?“ beantwortet. Oft geht es auch um Alltagsgeschichten, die nichts mit dem Krieg zu tun haben. So versuchen wir, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Aber das funktioniert natürlich nicht immer.  

Was für eine Sendung moderierst du?
Ich mache eine sarkastische Politsendung, die übersetzt soviel wie „The art of the possible“ heißt. Unter anderem berichte ich dort, was die großen Medien weltweit gerade über Syrien berichten und analysiere die Lage. Da bin ich sehr kritisch.  

Vermutlich ist ein derartiges Radioprogramm vom Assad-Regime nicht erwünscht. Wie umgeht ihr den Staat?
Wir können natürlich nicht über die großen syrischen Sendemasten funken. Also senden wir mit Unterstützung von MICT über deren fünf grosse Transmitter und weitere kleine, selbstgebaute Taschenradiosender, die man einfach nach Syrien reinschmuggeln kann. So können die Leute uns auch ohne Internet empfangen.

Das klingt gefährlich. Was denkst du über die Menschen, die für dein Radioprogramm so viel riskieren?
Diese Leute sind Helden, das muss man deutlich sagen. Natürlich bekommen sie Geld für ihre Hilfe und prinzipiell ist es gut, wenn Geld und Informationen verteilt werden. Teilweise haben sich diese Menschen aber auch an uns gewendet, weil sie helfen wollen. Bisher wurde zum Glück noch niemand beim Radioschmuggel erwischt.  

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Majid, 26, lebt mittlerweile in einer eigenen Wohnung in Berlin. Baladna FM betreut er ehrenamtlich. Deshalb sucht er parallel einen Job.

Wie sind die Reaktionen der Leute auf euer Programm?
Viele sind sehr bewegt und bedanken sich, dass sie über uns Informationen bekommen und gleichzeitig auch über ihre Situation gesprochen wird. Natürlich gibt es auch negative Reaktionen. Leute, die sagen, wir müssten noch andere Meinungen zu Wort kommen lassen oder wir würden nur Blödsinn senden. Aber das finde ich nicht schlimm. Es bedeutet, dass man die Leute erreicht. Von der Regierung selber haben wir bisher nichts gehört. Die sind vermutlich mit anderen Dingen beschäftigt.  

Du sendest von Berlin aus. Wie kam es dazu?
Ich bin in Homs geboren und habe in der Nähe von Damaskus internationale Beziehungen studiert. Kurz nach meinem Bachelor-Abschluss habe ich das Land verlassen, sonst wäre ich zum Militär eingezogen worden. Homs ist eine der Geburtsstätten des Protests gegen das Assad-Regime – das syrische Militär zu unterstützen, kam für mich deshalb nicht infrage. Außerdem wurde ich wenige Monate vor meinem Abschluss einmal verhaftet, das war im November 2011.  


Der Typ schrie "Ich werde dir das Bein brechen!"


Warum?
Bei mir an der Uni gab es damals eine regimekritische Demonstration. Ich kam erst später dazu, Freunde hatten mich angerufen, weil sie dort Probleme mit den Sicherheitskräften hatten. Also kam ich vorbei um zu helfen. An diesem Nachmittag wurde fünf Mal meine Identität überprüft. Als ich die Uni verließ, habe ich beobachtet, dass Leute vor der Tür geschlagen werden. Jemand wollte dann ein sechstes Mal meine Personalien aufnehmen. Ich habe mich darüber aufgeregt und der Mann sagte, ich solle die Klappe halten. Da bin ich aber nicht so der Typ für. Also wurde ich verhaftet. Später kam raus, dass ein „Freund“ von mir den Sicherheitskräften gesagt hatte, dass ich das Regime nicht unterstütze und Teil eines revolutionären Netzwerks sei. Das mit dem Netzwerk stimmte nicht. Da kannst du mal sehen, wie gern wir Syrer einander haben. Nach 48 Stunden kam ich wieder aus dem Gefängnis raus.  

Was hast du im Gefängnis erlebt?
Lass deine Fantasie spielen... sie haben mich massiert, mir Kuchen gebracht...  

Kannst du nicht darüber sprechen?
Doch, sorry. Man wird irgendwann sarkastisch. Sie haben mich gefoltert, ich habe danach zwei Monate lang das Bett nicht verlassen können weil ich mich nicht richtig bewegen konnte. Zunächst haben sie mich mit fünf Leuten mit Stöcken geschlagen. Auf die Beine, den Kopf, den Rücken. Mein linkes Bein wurde dabei schwer verletzt, der Typ hat trotzdem weiter geschrien „Ich werde dir das Bein brechen!“. Als ich wieder zuhause war kam noch mal einer vom Geheimdienst vorbei und sagte, ich solle so was nicht wieder tun und ein guter Junge sein.  

Wie ging es danach weiter?
Ich hatte das Gefühl, ich explodiere, wenn es so weiter geht. In meiner Polizeiakte stand, ich sei Anführer in irgendeiner Revolution. Ich wollte eigentlich direkt wegrennen, allerdings musste ich noch drei Kurse an der Uni fertigmachen. Also bin ich direkt nach meinem Abschluss nach China zu meinem Bruder geflohen. Dort hat man mich für ein Visum abgelehnt. In Istanbul bin ich schließlich für einen Master zugelassen worden und für ein Jahr dorthin gegangen. Dann rief mich Mo'nis Al-Bukhari, der Direktor der SCO und von Baladna FM, an und fragte, ob ich nach Berlin kommen will, um dort bei einem Radioprogramm zu helfen. Das war für mich natürlich eine Riesenchance, auch, um etwas für mein Volk zu tun. Man kann natürlich verschiedene Meinungen zur Politik in Syrien haben, aber trotzdem hat jeder Mensch dort es verdient, dass man ihm hilft.  

Wie hast du die Asylpolitik in Deutschland erlebt?
Ich hatte sehr viel Glück. Meine Organisation wird vom Auswärtigen Amt unterstützt. Ich wurde also offiziell nach Deutschland eingeladen und habe hier Asyl beantragt. Das Verfahren ging bei mir sehr schnell, ich habe jetzt einen Flüchtlingsstatus aus humanitären Gründen. Der gilt drei Jahre, ich darf hier arbeiten, werde medizinisch versorgt, lerne Deutsch, darf in jedes Land außer Syrien reisen und bekomme rund 320 Euro pro Monat.  

Was passiert, wenn du nach Syrien zurückgehst?
Sie könnten mich direkt am Flughafen abholen und zum Militär zwingen. Ich war seit 2012 nicht mehr zuhause. Meine Familie versteht das. Sie sind traurig, aber auch beruhigt, dass es mir in Deutschland gut geht. Ich hatte damals zwei Optionen: weinen oder etwas tun. Ich habe mich für Zweiteres entschiedenen. Meine Familie und ich haben aber weiterhin Kontakt über das Internet.  

UN-Schätzungen zufolge sind bisher über 150.000 Menschen in Syrien gestorben...
Hinzu kommen die vielen Menschen, die einfach so verschwunden sind. Von mir sind auch drei sehr enge Freunde getötet worden, mein Nachbar aus Homs ist tot. Mir wurde erzählt, Leute hätten ihn vor die Tür gebeten und ihm dann in den Kopf geschossen. Einfach so.  

Sorgst du dich um deine Familie?
Natürlich. Aber meine Eltern sind alt. Ich hoffe, das ist Grund genug, sie nicht einfach so zu verletzen. Ich versuche trotzdem, wenn ich öffentlich spreche, nichts zu sagen, das sie gefährden könnte. Nicht zu schlecht über Assad zu sprechen. Auch wenn ich das manchmal gerne täte.   

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