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„Ich hab mich gefühlt wie Arcade Fire“

Stefan Honig schreibt seit Jahren rührende Pop- und Folk-Songs à la Bright Eyes und Bon Iver. Der Düsseldorfer kündigte sogar seinen Job im Kindergarten, um als Solo-Künstler durchzustarten. Ein Gespräch über den Einstieg ins Musikgeschäft.
sebastian-witte
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jetzt.de: Stefan, du hast vor zwei ein halb Jahren deinen Job gekündigt, um Musik zu machen und auf Tour zu gehen. Ist die Bühne jetzt dein Arbeitsplatz?
Stefan Honig: Das ist keine Arbeit. Wenn sich das irgendwann so anfühlt, fang ich an, mir Sorgen zu machen. Im Januar 2012 hab ich den Job an den Nagel gehängt und im selben Monat direkt 21 Konzerte gespielt. Ich konnte einfach irgendwo hinfahren und da spielen, weil ich es wollte.  

Hattest du keine Angst, dass das Solo-Projekt Honig scheitert?
Nein. Gar nicht. Ich war grade dabei mein zweites Album zu schreiben und da kam mir der Gedanke, ab jetzt nur noch Musik zu machen. Ich musste dann nur meine Mutter überzeugen und beim Kindergarten fragen, ob die mich ein Jahr freistellen. Klar habe ich jetzt auch mal Tage, an denen ich mir den Job und die Sicherheit zurückwünsche. Das geht mir aber nur sehr selten so.  

Und nach diesem einen Jahr war klar, dass du weitermachst?
Als im Sommer 2012 die Konzertanfrage vom Haldern Pop Festival kam und klar wurde, dass das Label Haldern Pop auch mein Album veröffentlichen würde, wusste ich, dass ich meinen Job ganz kündigen würde. Auf dem Haldern Pop Festival habe ich dann auch zum ersten Mal die Songs mit meiner kompletten Band gespielt und nicht mehr alleine.

Also ist Honig eine Band?
Ja, das ist eine feste Gruppe, aber der Sänger spielt eben manchmal noch Solo-Konzerte. Es gibt auch immer wieder Shows, bei denen noch Freunde mitspielen. Auf dem Haldern haben wir jetzt in diesem Jahr mit 14 Leuten auf der Bühne gestanden. Ich hab mich gefühlt, als wären wir Arcade Fire!  

http://www.youtube.com/watch?v=fCZU6HN3BWQ

Deine ersten beiden Alben waren eher Solo-Platten. Jetzt hört man aber schon, dass hier eine ganze Band zusammenspielt. Brauchst du jetzt die anderen, um Musik zu schreiben?
Ich bin ja kein Virtuose. Wenn ich zum Beispiel ein super Gitarrist wäre, würde das meinen Songs vielleicht sogar schaden, weil dann meine wahren Stärken verloren gehen würden. Ich schreibe eben sehr einfache Songs und bin damit zufrieden. Die neuen Stücke hab ich der Band im Proberaum gezeigt. Ich wusste erst nicht ob das klappt, die Songs zusammen zu arrangieren. Ich bin da echt froh, dass ich Martin, unseren Gitarristen, habe. Der übersetzt meine Ideen immer so, dass alle im Proberaum verstehen, was ich will. Wir haben dann als Band zusammen Musik gemacht und vier Monate später war das Album einfach im Kasten.

Mit dem Projekt Honig hast du dich Pop und Folk verschrieben. War dir immer klar, dass du in diese Richtung gehen willst?
Nein! Mit 16 habe ich mit dem Schlagzeuger, der jetzt auch bei Honig trommelt, die Hardcore Band „Mindsuffer“ gegründet. Da hab ich über einen kleinen Gitarrenverstärker gesungen – beziehungsweise geschrien. Man hat zwar kaum was davon gehört, aber ich war in der Band und das wollte ich ja unbedingt (lacht). Danach hatte ich eine Metal-Gruppe und irgendwann eine Akustik-Band, bevor ich dann mit Honig angefangen habe.

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Honig, mit Band (Foto: Tim Ilskens)

Deine Songs wirken alle recht zugänglich, aber der Titel der dritten Honig-Platte ist schon ziemlich sperrig: „It's Not a Hummingbird, It's Your Father's Ghost“
Ja, stimmt. Ich hab immer erst den Titel für die Platte im Kopf, bevor die Songs fertig sind. Diesen Satz hatte ich schon lange auf dem Zettel, der geht auf einen Urlaub zurück. Ich war als Kind mit meinen Eltern in Kanada und hab da zum ersten Mal einen Kolibri gesehen. Direkt vor meiner Nase! Nach dem Urlaub ist leider mein Vater gestorben. Aber als ich in den USA vor einiger Zeit auf Tour war, ist mir plötzlich wieder so ein Vogel erschienen. Ich hab das abends am Lagerfeuer erzählt und da meinte ein Mädchen: „That was not a hummingbird. That was your father's ghost“!  

Die Songs sind sehr unterschiedlich. Manche sind winzige Miniaturen und andere richtige Epen. War diese Vielfalt der Plan?
Ich finde halt Alben langweilig, bei denen man nach einem Song schon irgendwie alle gehört hat. Das wollte ich vermeiden! Wir haben jetzt manchmal den Folk-Dance-Charme drin. Dann gibt’s Lieder, bei denen am Ende noch vier Minuten rumgedudelt wird. Und andere sind kurze Strophe-Refrain-Songs.

Kannst du dir denn eigentlich vorstellen, wieder in deinen Erzieherjob zurückzukehren?
Ja, klar! Ich fand es schon toll, jetzt zum Beispiel auf dem Haldern auf der Hauptbühne zu spielen. Da war sogar mein Gesicht auf dem Programm-Flyer und ich durfte drei Tage Popstar spielen! (lacht) Aber ich genieße es, danach hier in Düsseldorf normal zum Bäcker gehen zu können. Ich würde das nie aushalten, wenn es immer so wäre wie in Haldern! Das wäre auch ungesund. Ich bin ein Typ, der weiß, dass er viele Fehler hat. Wenn man immer gesagt bekommt, wie toll man ist, verliert man die aus den Augen. Und das ist sehr schlecht für das innere Gleichgewicht, denke ich.

Das neue Honig-Album „It's Not a Hummingbird, It's Your Father's Ghost“ erscheint am 22. August 2014.

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