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„Ich habe hier keine Optionen“

Was bedeutet der demografische Wandel für unsere Zukunft? Ghalib, 19, hat bei einem Bürgerdialog mitdiskutiert. Welche Ideen er hatte und warum er seine Heimat trotzdem verlassen wird, erzählt er im Interview.
christian-helten
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Thüringen hat seit 1990 rund zwölf Prozent seiner Einwohner verloren. Unternehmen klagen über einen Mangel an Fachkräften, finden keine Auszubildenden. Gleichzeitig ziehen viele junge Menschen fort, weil sie keine Perspektiven sehen. Die Folge: Die Bevölkerung schrumpft und wird älter. In Gotha, einer 45.000-Einwohnerstadt in Thüringen, rechnet man bis 2030 mit einem Bevölkerungsrückgang von 14 Prozent. Das Durchschnittsalter wird bei über 50 Jahren liegen – und damit über dem Bundesdurchschnitt. Was dieser demografische Wandel bedeutet und welche Konsequenzen die Gesellschaft daraus zu ziehen hat – in Gotha und in Deutschland allgemein –, das wurde am Wochenende auf einem Bürgerdialog diskutiert. Der Diskussionstag war eine Station einer Dialogreihe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Mit dabei war Ghalib Mahmood. Er ist 19 und macht gerade in Gotha sein Abitur. 

jetzt.de: Hast du das Gefühl, in einer alten Gesellschaft zu leben?
Ghalib Mahmood: Jein. Ich bin natürlich schon eher von jungen Menschen umgeben. Aber wenn man durch die Stadt läuft und sich umsieht, sieht man schon vor allem ältere Menschen. Auch bei der Bürgerkonferenz am Wochenende war es exemplarisch. Die meisten Leute wurden dort ja nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Das Ergebnis war, dass zwei Schüler da waren, eine 26-jährige Studentin – und der Rest war wahrscheinlich Mitte 50 oder älter.  

Inwiefern ist der demografische Wandel in deiner Heimatstadt Gotha spürbar?
Man merkt, dass viele junge Leute hier wegziehen. Wer studieren will, muss hier weg. Es gibt zwar einige Betriebe, die ein duales Studium anbieten, aber das nehmen wenige in Anspruch. Die meisten ziehen dann nach Erfurt oder Jena.  

Und die, die nicht studieren wollen?
Es gibt hier schon Ausbildungsplätze. Die meisten gehen trotzdem lieber weg, wenn der Markt ihnen die Wahl lässt und sie sich entscheiden können. Man hat nun mal auch nicht alle Optionen. Hier gibt es die Stahlindustrie, Fahrzeugtechnik-Zulieferer, aber wer was anderes will, hat, glaube ich, nicht so viele Möglichkeiten.  

Siehst du für dich eine Zukunft in deiner Heimatstadt?
Ich werde auf jeden Fall weggehen. Ich mag die Stadt sehr gerne, ich mag die Menschen hier. Aber ich will studieren – und da habe ich hier absolut keine Optionen. So geht es vielen Freunden von mir. Viele fühlen sich hier wohl, haben hier Freunde und Verwandte, müssen aber trotzdem weg.

Solche Probleme haben viele Kleinstädte, Universitäten gibt es nun mal vor allem in Großstädten. Dass der Anteil älterer Menschen in Gotha über dem Bundesdurchschnitt liegt, muss also noch andere Gründe haben.
Das liegt, glaube ich, daran, dass die meisten, die hier einmal weggehen, nicht wiederkommen. Das ist in anderen Regionen vielleicht anders. Aber die meisten sehen nach dem Studium woanders bessere Perspektiven – vor allem im Westen, wo man mehr verdienen kann. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob das so tatsächlich stimmt. Aber das ist die Stimmung, das Grundgefühl, das hier vorherrscht.

Es ging in den Diskussionen am Wochenende auch um das Zusammenleben von Jung und Alt. Welche Defizite habt ihr festgestellt?
Vor allem ging es darum, dass mehr gegenseitiger Respekt geschaffen werden muss. Das Verhältnis zwischen jüngeren und älteren Generationen muss auf einer Basis von Solidarität und Respekt fußen. Es gibt viele Vorurteile zwischen Alt und Jung – die müssen überwunden werden. Die große Frage war deshalb auch, wie man einen Dialog hinbekommen kann und dass Alt und Jung sich nicht aus dem Weg gehen. Da kam die Idee auf, dass ältere Menschen nach der Schule ehrenamtlich Arbeitsgruppen leiten. Es gibt ja zum Beispiel den Trend, dass Jugendliche seit einer Weile das Stricken für sich entdeckt haben. Ist ein bisschen retro, aber okay: Warum soll da nicht eine ältere Dame ihr Wissen an Schüler weitergeben?

Gab es auch Ideen, wie die Alten etwas von den Jüngeren lernen können?
Klar. Ältere Menschen haben ja oft Probleme mit Technik. Wie kann man skypen, wie öffnet man ein Word-Dokument – solche Fragen. Ich habe am Wochenende gemerkt, dass großes Interesse da ist, es aber an Ansprechpartnern fehlt. Da könnten Jüngere doch Nachhilfe geben. Meine Mitschülerin Anna, die auch bei der Diskussion war, wurde von einer älteren Dame gefragt, ob sie an der Schule ein Plakat aufhängen könnte. Sie sucht dringend jemanden, der ihr Computer-Nachhilfe gibt.

Dieser Wissensaustausch hört sich theoretisch wunderbar an. Aber ich bezweifle, dass viele Jugendliche ihre Freizeit für so was opfern würden.
Ein gutes Lockmittel ist natürlich immer Geld. Ich glaube auch nicht, dass das viele einfach so machen würden.  

In eine ähnliche Richtung gehen Konzepte wie WGs, in denen Studenten und ältere Menschen zusammenleben.
Darüber haben wir auch gesprochen. Dass ältere Menschen jüngeren Leuten umsonst Wohnraum zur Verfügung stellen und die im Gegenzug helfen – einkaufen, mal die Glühbirne wechseln, den Müll raus bringen. Das finde ich kein schlechtes Modell. Gerade in Großstädten ist Wohnraum teuer, und von so einer Lösung würden beide Seiten profitieren. Ich könnte mir das theoretisch auch für mich vorstellen – auch wenn ich natürlich eine WG mit meinen Freunden vorziehen würde.

Wie bist du zu diesem Bürgerdialog gekommen?
Ich hatte Sozialkunde als EA-Kurs – (Anm. d. Red.: Kurs mit erhöhtem Anforderungsniveau). Da habe ich begonnen, mich mit politischer Partizipation zu befassen. Und als sich hier die Chance geboten hat, so einen Prozess mal live mitzuerleben, habe ich gesagt: Da machst du mal mit, überwinde deinen Schweinehund! Ich fand es einfach spannend, was mitzugestalten und vielleicht in ein oder zwei Jahren die Früchte dieses Prozesses zu bestaunen.

Inwieweit glaubst du denn, dass die Ideen aus diesem Dialog tatsächlich mal von der Politik umgesetzt werden?
Da bin ich schon skeptisch. Vieles, was wir diskutiert haben, war zu regional. Und viele Probleme, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Tarife in Ost- und Westdeutschland, existieren ja schon ewig. Wieso sollten die jetzt auf einmal wegen eines Bürgerdialogs gelöst werden? Aber im Februar wird in Berlin noch ein Bürgergipfel stattfinden. Dort werden die Thesen, die am Wochenende bei uns und auch auf anderen Veranstaltungen erarbeitet wurden, konkretisiert und abgegeben. Ich hoffe, dass das alles in der Presse viel Aufmerksamkeit findet und die Politiker so unter Druck stehen, sich das alles zumindest anzuschauen und gründlich darüber nachdenken.

Was hast du an diesem Wochenende für dich persönlich gelernt?
Ich habe gemerkt, dass alte Menschen noch sehr aktiv sind. Es war toll zu sehen, mit wie viel Leidenschaft da viele dabei waren. Das Bild vom Rentner als träger Mensch hat sich jetzt definitiv geändert bei mir. Und ganz generell fand ich es gut, mich dort zu beteiligen und zu lernen, meine Meinung zu vertreten und mich auch gegen ältere Menschen argumentativ durchzusetzen.


Hier wird der Dialog online fortgesetzt. Auf einem zweitägigen Bürgergipfel Anfang 2013 wird ein aus allen Dialogelementen zusammengestellter Report erarbeitet und an Bundesministerin Annette Schavan und an Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft übergeben.

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