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"Ich lasse mich nicht mundtot machen"

Wir sprachen mit einem 27-jährigen Istanbuler, der 2013 im Gezi-Park demonstrierte und unerkannt bleiben will, über Zensur, Überwachung und das Leben mit Anschlägen.
max-sprick
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Cem F. ist stolz darauf, Türke zu sein. Die Türkei ist sein Land. Trotzdem hat er Angst vor ihr. Wegen drei Terror-Anschlägen in einem halben Jahr und wegen der Überwachung durch seine Regierung. "Benutze nicht meinen richtigen Namen, man darf mich mit diesem Interview nicht bei Google finden", sagt der 27-jährige Istanbuler. Dann spricht er.

jetzt.de: Wie hast du diesen Morgen erlebt?   
Cem: Ich arbeite im Marketing eines Logistik-Unternehmens und war in meinem Büro, als ich einen Knall hörte. Ich habe ich nicht gleich an eine Bombe gedacht. Aber weißt du, seit etwa einem Jahr ist es für uns Türken fast schon normal geworden, von Explosionen und Anschlägen zu hören. Das gehört zu unserem Alltag. Es hat mich also nicht überrascht, als ich dann im Radio hörte, dass der Knall von einem Selbstmordattentäter im Zentrum verursacht wurde.   

Nach der Explosion am Morgen in Istanbul ließ Präsident Erdogan Nachrichtenseiten sperren - warum?  
Im Radio sagten sie auch, dass in unmittelbarer Umgebung der Explosion Polizisten Menschen verhaftet haben, die Fotos machen wollten oder über das Geschehene gesprochen haben. Dass die Regierung Telefonate und soziale Medien überwacht, weiß hier auch jeder. Also könnte ich nach unserem Gespräch verhaftet werden. Aber ich möchte darüber reden, ich lasse mich nicht mundtot machen.  

Der IS verübte im vergangenen halben Jahr zwei Anschläge in der Türkei, Behörden gehen davon aus, dass auch der Istanbuler Anschlag der Terrormiliz zuzurechnen ist. Präsident Erdogan sagt, gerade die Türkei sei erstes Ziel aller aktiven Terrororganisationen – wie fühlst du dich in Istanbul momentan?  
Auf gar keinen Fall in Sicherheit. Und die Regierung tut auch nichts dafür, dass sich daran etwas ändert.  

Was heißt das?
Weil Erdogan dieses Chaos doch nur zu Gute kommt. Je mehr Anschläge, je mehr Angst, desto mehr Wähler für ihn. Das Einzige, was sich nach Suruc und Ankara geändert hat, war gestiegene Polizei-Präsenz an öffentlichen Plätzen. Die waren aber nur da um aufzupassen, dass sich nicht wieder Proteste wie in Gezi entwickeln.   

Aber Erdogan sagte nun auch: "Ich protestiere zutiefst gegen diesen Terror. Dieser Anschlag zeigt noch einmal, dass wir in Einigkeit dem Terror entgegentreten müssen.“  
Typisch. Er provoziert mit allem, was er sagt. Erdogan wird umso mächtiger, je mehr Chaos er schafft. Er teilt die Bevölkerung in zwei Lager: Gegner und Unterstützer. Dadurch, dass er sagt, er sei Freund und Beschützer aller Muslime, hat er die Mehrheit der Türkei hinter sich.   
Kurz vor dem Istanbuler Anschlag distanzierte sich eine etwa 1000 Personen große Gruppe Akademiker von ihm und forderte öffentlich Frieden.   Und er antwortete: „Ihr habt doch keine Ahnung von Politik.“ Das muss man sich erstmal vorstellen. Wir sind ein Staat, in dem es Akademikern nicht möglich ist, offen über Politik zu reden. Wahrscheinlich werden sie für ihre Forderung auch noch bestraft.   

Neben diesen Anschlägen flammt in der Türkei auch der Kurden-Konflikt immer weiter auf. Ist es da überhaupt realistisch, auf Frieden zu hoffen?  
Mit Erdogan als Präsidenten wird es keinen Frieden geben. Die Message hinter den IS-Anschlägen ist ja klar: Türkei, kooperiere nicht mit dem Westen. Genau das muss die Türkei aber tun, seit Erdogan sich in den vergangenen drei Jahren immer mehr als Führer im Mittleren Osten profilieren will. Dabei ist unser Staat dafür weder wirtschaftlich noch politisch in der Lage, wir können uns nicht im Mittleren Osten groß aufspielen. So sind wir nur zum Feind aller dortigen Akteure geworden. Erdogan hat den IS in Syrien unterstützt, weil er sich den Sturz Assads erhoffte. Und jetzt verübt genau dieser IS Anschläge in der Türkei – und das Vertrauen in Erdogan dürfte wegen der Angst vor dem Terror noch steigen. Diese Ironie ist eigentlich unvorstellbar.  

Würdest du in der momentanen Lage Touristen davon abraten, in die Türkei zu reisen?  
Nein. Dafür ist unser Land viel zu schön (lacht)! Aber Spaß beiseite: Sultanahmet steht auf der Liste jedes Touristen. Wir Istanbuler gehen dort eigentlich nur hin, wenn wir ausländische Besucher haben, ansonsten zieht uns da nichts hin. Man kann nie vorhersagen, ob etwas passieren wird. Man kann natürlich öffentliche Plätze und Sehenswürdigkeiten meiden – damit würde man sich aber nur dem Terror beugen und vor dem IS kapitulieren. Klar haben wir jetzt Angst vor weiteren Anschlägen. Aber wir dürfen uns nicht verstecken und diese Angst zum Teil unseres täglichen Lebens werden lassen.

Text: max-sprick - dpa

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