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"Ich möchte missionieren, denn: Aussehen wird überbewertet"

Jörn Neubauer und Stefan „Dude“ Tolkmitt wollen das Flirten in der Großstadt revolutionieren. Sie starten am Mittwoch "Dating in the dark". Ein Interview
wlada-kolosowa

Jörn Neubauer und Stefan „Dude“ Tolkmitt, beide 32, wollen im Berliner "King Kong Club" Singles verkuppeln. Der Clou: Potenziell Verknallte lernen sich blind kennen und entscheiden über eine Zusammenkunft bei Tageslicht, ohne das Gegenüber zu Gesicht zu bekommen. Am Aschermittwoch geht "Dating In The Dark" in die erste Runde. Ein Interview mit den Machern über Flirten in der Großstadt und Pizzaessen ohne Augeneinsatz. jetzt.de: Dating In The Dark – wie läuft das genau ab? Jörn: Im Prinzip ist es wie Speeddating im Dunkeln. Wer mitmachen will, meldet sich im Internet an, wählt seine Altersgruppe und zahlt 15 Euro. Am Datingabend sitzen sich fünf Männer und fünf Frauen gegenüber, getrennt durch einen Vorhang. Auf Kommando ziehen sich alle blickdichte Schlafmasken an, dann geht der Vorhang auf. Die Teilnehmer haben acht Minuten Zeit, um sich kennen zu lernen und dann zu entscheiden, ob sie sich wieder sehen wollen. Wie sie das tun, ist ihnen überlassen. Darf man fummeln? Dude: Grundsätzlich gilt: Nicht anfassen. Wenn aber beide Seiten einverstanden sind, können sie sich auch berühren. Will ein Pärchen unbedingt knutschen, gehen wir nicht dazwischen. Und dann? Maske ab und auf das Beste hoffen? Jörn: Nach der dunklen Runde kann man für eine weitere bleiben, bei der man das Gegenüber sehen kann. Muss man aber nicht. Menschen, die einander „blind“ sympathisch waren, können sich auch anonym und ungesehen verabreden. Böse Überraschungen gab es bisher übrigens nicht. Wir haben ein paar Proberunden in unserem Freundeskreis gemacht, und festgestellt, dass das Gefühl meistens stimmt. Leute, die sich mit verbundenen Augen mochten, sprachen sich meistens auch äußerlich an. Dude: So unnatürlich ist die Situation auch gar nicht. Klar, man sieht sich nicht. Und die Intention ist klarer. Aber eigentlich ist es nichts anderes, als sich auf eine Zigarettenlänge vor dem Club zu unterhalten. Im Dunkeln. Aber gerade in Berlin gibt es doch mehr als genug Clubs, vor denen ich gemeinsam mit anderen rauchen kann. Jörn: Vielleicht ist genau das das Problem. Ich möchte jetzt keine Diskussion über die Liebe in der Großstadt aufmachen, aber ich kann mir vorstellen, dass es hier schwieriger ist, jemanden kennen zu lernen. Man nimmt zwar leichter Kontakt auf, aber alles ist auch sehr viel unverbindlicher. Man ist verpeilter, Chancen wahrzunehmen. Einerseits liegt es am Überangebot: Die Menschen denken die ganze Zeit, dass es noch besser, aufregender geht. Anderseits packen sie die Gelegenheit nicht beim Schopf – wenn man das süße Mädchen, mit dem man sich in der Clubschlange unterhalten hat, ziehen lässt, gibt es immer noch Tausende süßer Mädchen. Also lässt man sie gehen. In Großstädten kommt immer der nächste.

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Und ihr glaubt, dass Menschen besser zueinander finden, wenn man die Auswahl verkleinert und das Äußere keine Bedeutung mehr spielt? Dude: Jein. Wir glauben kaum, dass "Dating In The Dark" massenweise zu Hochzeiten führen wird. Aber darum geht’s uns auch gar nicht. Uns reicht es auch schon, wenn Leute miteinander reden, die sich im wirklichen Leben nie begegnen würden. Vielleicht gibt es bei dem einem oder anderen den Aha-Effekt. Wenn ein Punk und eine Tussi feststellen, dass sie sich unterhalten können, finden wir das schon super. Jörn: Es geht darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, jemanden kennen zu lernen, ohne ihn in Schubladen zu stecken; ihn nicht anhand von Klamotten, Schmuck und seiner Nase einordnen zu können. Abgesehen vom Telefonieren mit Unbekannten ist man ja nie von Äußerlichkeiten losgelöst. Selbst das Internet ist nicht mehr anonym – fast alle Community-Profile sind mit Fotos versehen oder gar mit Bikinibildern und halb-lasziven Aufnahmen. Ihr wollt das Anbandeln also von den Oberflächlichkeiten lösen? Dude: Wir wollen den Menschen eine Möglichkeit geben, es zu tun. Vielleicht kommen sie ja auf den Geschmack. Ich will nicht sagen, dass es besser klappt. Aber man spürt einen Unterschied. Schon mal versucht, Pizza mit verbundenen Augen zu essen? Schmeckt echt anders. Jörn: Wobei es sich generell sagen lässt, dass schöne Pizzas meistens an Geschmack einbüßen und umgekehrt. Nein, im Ernst: Ich glaube an Liebe, die frei von Äußerlichkeiten ist. Und ich möchte alle anderen missionieren. Jawohl. Aussehen wird überbewertet, schließlich ist es nur eine der vielen Komponenten, die darüber entscheidet, ob Menschen sich verlieben. Das ist ziemlich unpraktisch: Ausgerechnet das, worauf man am wenigsten Einfluss hat, bestimmt, ob man eine Chance bekommt oder nicht. Warst du schon mit jemandem zusammen, den du nicht attraktiv fandest? Jörn: Nö. Ich fürchte, ich muss mich selbst noch missionieren. ** Link zu der offiziellen Seite: datinginthedark.de



Text: wlada-kolosowa - Foto: wk

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